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TV-Krimi - Tatort und Co.
Kritiken und News rund um den Tatort und weitere Krimireihen.

28. Februar 2016

TV-Kritik: Tatort „Kartenhaus“: Bonny und Clyde in Köln

 Von 
Carmen Hartmann (Julika Jenkins, M.) trauert um ihren ermordeten Ehemann – und versucht im Gespräch mit Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.), die Fassung zu bewahren.  Foto: WDR/Martin Menke

Merkwürdig am neuen Tatort aus Köln ist, dass er von der Anlage her überwältigend wirken müsste. Tatsächlich liegt die ganze, fast die ganze Konstruktion aber früh vollständig nackt und bloß vor einem.

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Das Schlimmste – die Lüge, mit der alles angefangen hat – ahnt man schon, bevor im Drehbuch von Jürgen Werner der offizielle erste Hinweis gegeben wird. Der weitere Verlauf ermöglicht eine winzige Auswahl herkömmlicher Optionen, und eine davon wird es dann auch sein.

„Kartenhaus“ ist der Klassiker, der von den Gejagten aus erzählt wird, aber auch die wissen nicht alles voneinander, so dass es gleichwohl weit spannender hätte sein dürfen. Ein Junge begeht einen Mord wie aus dem Nichts und setzt sich ab mit seiner Freundin, die keine Ahnung davon hat. Obwohl Rick Okon und Ruby O. Fee spielend alles geben – und auch feurigen Sex zeigen, der im Tatort heute zum guten Ton gehört (in einer an den labilen Stellen stets wie von ungefähr bedeckten Variante) –, versteht man zu schnell die Situation und bekommt sie auch zu lupenrein serviert: Auf der einen Seite der Junge aus der Trabantenstadt von Köln-Chorweiler, der nichts anbrennen lässt, sich aber gleichwohl schwer anständig um seine Mutter kümmert. Auf der anderen Seite das Mädchen aus dem Architektenhaus, das am Reichtum psychisch zugrunde geht, auch wenn man hier nicht genau versteht, woher das kommt. Jedenfalls hören die Eltern gerne „Madame Butterfly“ und spielen Golf.

Zur Sendung

TV-Krimi: Tatort: „Kartenhaus“

Sendetermine TV: Sonntag, 28. Februar, 20.15 Uhr, ARD, 21.45 Uhr und 23.15 Uhr, Einsfestival; Dienstag, 1. März, 0.35 Uhr, ARD.

Internet: Auf den Seiten der Sendung

Der Junge sagt: „Ich würde sterben für dich“, und: „Ich wollte einfach nur alles richtig machen“ (gleich zwei der zwanzig fatalsten Krimi-Sätze). Das Mädchen sagt: „Geil, das wird der schönste Geburtstag überhaupt“ und: „Ich dachte, wir wollten Spaß haben“ und: „Ich habe keine Lust mehr“. Die Übersichtlichkeit wird nicht besser dadurch, dass das Mädchen einfach mal eine Gelegenheit nutzt, scharf auf einen Menschen zu zielen. So bekommt die im Film teils ernsthaft, teils spöttisch verbreitete Vorstellung, hier seien Bonny und Clyde unterwegs, Nahrung. Dabei sind die Sympathien so deutlich verteilt, dass das Wohlstandsopfer geradezu denunziert wird.

Kugelgrills tiefer Sturz

Die Polizei kann nur sehen, wie sie irgendwie hinterherkommt. Ballauf und Schenk, Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, drängen sich nicht auf, versuchen, ihre Arbeit zu machen. Und die Regie hat dann auch ein Einsehen und jagt ihnen einen Fliehenden nach ewigem Gerenne direkt in die Arme. Außerdem ist ihr emsiger Assistent (Patrick Abozen) in seiner ersten Actionszene zu sehen.

Die Ermittler beißen weitgehend auf Granit, zumal bei der Mutter des Jungen. Sie wird von Bettina Stucky gespielt, die sich in einer hyperrealistischen tragischen Situation und wie in einer anderen, Nicht-Sonntagabend-Krimi-Welt bewegt. Zuerst scheint auch sie ins Raster (Rubrik Unterschicht) zu passen, dann stellt man fest, dass man ihr lange dabei zusehen könnte, wie sie auf dem Balkon eine raucht. Oder den Kugelgrill über das Geländer stürzt. 

Die gepflegte Inszenierung von Sebastian Ko bietet schöne Details wie die braune Plastiktüte, die fliegt und fliegt. „Kartenhaus“ spielt an Sommertagen von solcher Opulenz, dass selbst das Wetter die Mühseligen und Beladenen im Film verhöhnt.

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