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Tempo 30 (Folge 100): Privatschüssel

Unser Autor versucht sich abermals in Erziehung, um von seiner kleinen Tochter für fünf Minuten in Ruhe gelassen zu werden. Nur für fünf Minuten. Fünf kurze, unspektakuläre, lächerliche Minuten.

 

Tempo 30
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Habe meiner Tochter Hannah vorhin zu erklären versucht, welcher tiefere Sinn sich hinter einer so großartigen zivilisatorischen Errungenschaft wie der Privatsphäre verbirgt. Ich befürchte nur, sie hat kein einziges Wort verstanden. Sie hat nur „Patspere?“ gesagt, den Kopf schräg gelegt und mich mit großen, fragenden Augen angesehen. Dann hat sie sich genüsslich ihren Zeigefinger in die Nase gesteckt und derart leidenschaftlich angefangen zu bohren, dass ihr kleiner Finger beinahe vollständig verschwand. Hannah ist zwei, und die Dinge, die sie nicht verstehen will, die überhört sie einfach. Ich frage mich bereits seit geraumer Zeit, woher sie das nur haben kann.

„Hör‘ mal zu, Hannah“, sage ich, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, meine Unterarme auf meine Oberschenkel gelegt und die Hände gefaltet, um die Wirkung meiner Worte durch eine möglichst überzeugend wirkende Denkerpose zu verstärken. „Manchmal“, sage ich zu ihr, „gibt es eben Momente, in denen möchte man lieber allein sein, verstehst du?. Es ja nicht so, dass ich nicht gerne Zeit mit dir verbringen würde, im Gegenteil. Ich verbringe nämlich sehr gerne sehr viel Zeit mit dir, wirklich. Und dass ich hier gerade für, sagen wir für höchstens fünf Minuten, lieber alleine sitzen würde, hat absolut nichts damit zu tun, dass ich dich nicht mag.“

„Popel habe?“, fragt mich Hannah ungerührt und streckt mir ihren Zeigefinger entgegen, an dessen Spitze ein klebriges, grüngelbes Etwas hängt. Ich vermute, meine Tochter versteht es als eine Geste besonderer Zuneigung, den Inhalt ihrer Nasenlöcher an Menschen zu verteilen, die ihr irgendwie am Herzen liegen. Fast könnte man auf die Idee kommen, sie habe gerade im Schweiße ihres Angesichts einen faustgroßen Nugget aus den Tiefen einer finsteren Goldmiene gegraben. Als ich dankend ablehne und ihr vorschlage, den Popel doch in den Topf der Zimmerpalme zu schnippen, sieht sie mich beleidigt an. „Popel nich habe, Papa?“

Ich muss ihr ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen kann, denke ich, also sage ich: „Hannah, geh’ doch schon mal in dein Zimmer und spiel mit der Holzeisenbahn.“ Sie liebt diese Bahn mehr als alles andere auf der Welt, und da ich ihr noch kurz zuvor verboten hatte, mit ihr zu spielen, nachdem sie mir im Übereifer mit einer Schiene beinahe den Schädel gespalten hätte, würde sie vor lauter Dankbarkeit vermutlich auf der Stelle anfangen zu weinen. Stattdessen zuckte Hannah nicht einmal mit der Wimper. Kannst du haben Kind, dann eben auf die harte Tour, denke ich und sage: „Ich glaube, im Kinderzimmer liegt noch Schokolade.“

Natürlich liegt im Kinderzimmer keine Schokolade, doch meine Verzweiflung ist mittlerweile größer als die aufsteigende Scham wegen dieser erbärmlichen Lüge. Hannah stürmt nicht wie ein kakaosüchtiger Junkie davon, sondern geht vielmehr zwei, drei Schritte auf mich zu. Jetzt fühle ich mich noch unwohler. Zwischen mir und meiner Tochter liegt jetzt vielleicht noch eine Armlänge, ihr Arm, nicht meiner. Und während aus meinen Augen mittlerweile eine Mischung aus Panik und Pein spricht, ist es in ihren Augen zweifelsohne Neugier. Unbändige und unaufhaltsame Neugier. Ich könnte Hannah vermutlich versprechen, ihr noch heute eine Eisenbahn aus Schokolade zu kaufen, sie würde nur abfällig abwinken.

„Machst du?“, fragt sie und jetzt sitze ich entgültig in der Falle. Bislang wollte sie einfach nur in meiner Nähe sein, ohne sich weiter für mich zu interessieren und genau in diesem Augenblick wünsche ich mir nichts sehnlicher, als diesen Status quo zurück. „Ich sitze hier“, antworte ich und versuche dabei so belanglos wie möglich zu klingen. „Machst duuuuu?“, fragt Hannah erneut und steht jetzt, ihren Arm auf meinen Oberschenkel gelegt, direkt neben wir, als würde sie in einer Bahnhofskneipe am Tresen lehnen. Fehlt nur noch, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellt, denke ich und bekomme auf der Stelle einen fürchterlichen Schweißausbruch.

Hannah krallt sich in meinem Oberschenkel fest und stellt sich auf ihre Zehenspitzen. Ihren kleinen Kopf reckt sie so weit nach oben, dass ich mich zum ersten Mal überhaupt frage, ob meine Tochter nicht einen unnatürlich langen Hals hat und ob ich nicht auf der Stelle einen Termin beim Kinderarzt machen sollte, um das genauer untersuchen zu lassen. „Maaaachst duuuuu“, fragt sie und ihre Augen werden größer und immer größer. Ich versuche, etwas von ihr abzurücken, aber weiß nicht wohin. Ich überlege, ob ich nicht meinerseits einen Fuß auf die Zehenspitzen stellen sollte, um so mein Bein anheben zu können.

Gleichzeitig befürchte ich, dass Hannah sich womöglich in genau diesem Moment an das Bein klammern und nach oben ziehen wird, und diese Vorstellung behagt mir noch weniger, als ich ohnehin unzufrieden mit der Gesamtsituation bin. Hannah lässt von mir ab und augenblicklich löst sich sämtliche Anspannung in Wohlgefallen auf. „Du hast es verstanden“, jubel ich und sehe stolz auf meine Tochter hinab, die vermutlich denkt, dass ich sie das letzte Mal so glücklich angesehen habe, als ihrer ersten Schritte machte. „Das ist Privatsphäre, genau das“, sage ich, und dann sage ich: „Und jetzt geh’ in dein Zimmer. Papa kommt gleich.“

Hannah dreht sich um, greift nach ihrem kleinen Plastikhocker, der vor dem Waschbecken steht und auf den sie klettert, wenn sie sich die Zähne putzt und schieb den Hocken direkt neben mein Bein. Noch bevor sie hinauf steigen kann, gebe ich mich geschlagen, ziehe mir blitzartig die Hose hoch und drücke die Klospülung.

 Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  11 | 1 | 2012
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