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Tempo 30 (Folge 102): WerWieWas?

Unser Autor hat sich stets vehement geweigert, sich den Rücktrittsforderungen an unseren Bundespräsidenten anzuschließen. Seit er selbst mit Fragen überhäuft wird, hat sich seine Meinung ein klein wenig geändert.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Foto: FR

Habe gerade doch tatsächlich zum ersten Mal gedacht, dass der amtierende Bundespräsident, so fern er denn noch Christian Wulff heißt, vielleicht doch auf sein Schloss klettern und das Fähnchen über Bellevue einholen sollte. Bislang war ich nämlich strikt dagegen. Und bevor jetzt die ersten Unbefleckten wieder empört aufschreien und vehement protestieren, sei ihnen vergewissert, dass ich mir relativ sicher bin, dass jedes Staatsoberhaupt, neben der kleinen, sechsstelligen Rente, auch eine Fahne behalten darf.

Die kann Wulff dann während der Europameisterschaft im Sommer in seinem schmucken Einfamilienhaus aus dem Schlafzimmerfenster hängen, damit die Nachbarn sehen, dass er gerade nicht im Urlaub ist und unseren Jungs ganz fest die Daumen drückt.

 

Zurück zur Affäre, die nun seit knapp einhundertachtunddreißig Jahren täglich immer neue Schlagzeilen produziert und so eine ganze Branche am Leben hält, was in dem ganzen Trubel natürlich völlig untergeht. Ich war also immer gegen einen Rücktritt, der einzige von Wulffs Facebook-Freunden, der nicht in Hannover wohnt, und der ihm treu und unbeirrt zur Seite stand.

Ich besitze nämlich ein gewisses Faible für das komplette Versagen von Obrigkeit und politischer Klasse, eine ausgewachsene Sympathie für Pleiten, Possen, Peinlichkeiten und jedwede Form von Farce. Ich wollte, dass er bleibt, weil ich ein von Schadenfreude und Häme durchsetzter einfacher Bürger bin, der auf seine tägliche Dosis Wulff nicht verzichten kann.

 

Seit Wochen telefoniere ich beinahe stündlich mit meinem besten Kumpel Obelix, und dann debattieren wir derart exzessiv und idealistisch über unseren Präsidenten, als ständen wir höchstselbst im Zentrum aller Vorwürfe und kompromittierender Enthüllungen. Wir informieren uns über aktuelle Informationen, wir kommentieren jeden Kommentar und analysieren jede Analyse. Ich meine, wie viel man doch zuletzt gelernt hat, über Menschen und Macht, das ist doch enorm. Das ist Partizipation im besten Sinne. Ich schulde Obelix mittlerweile so viele Abendessen, dass er für den Rest des Jahres nicht mehr einzukaufen braucht, so oft schon habe gegen meine geheimsten Wünsche gewettet, dass der Mann zu diesem oder jenem Zeitpunkt hinschmeißen wird.

 

Man mag das unter Männern nicht gerne von einander behaupten, aber irgendwie fand ich Wulff schon in dem Moment seiner Wahl zum Bundespräsidenten irgendwie putzig. Ich fand es einfach ungemein faszinierend, dabei zuzusehen, wie jemand sich noch im Plenarsaal des Bundestags ganz offensichtlich fest vorgenommen hatte: „So, ab jetzt mache ich euch den Chef.“ Seine ganze Gestik, seine Mimik, die Rhetorik, alles wirkte auf einmal so präsidial. Plötzlich fing er an, die Finger an beiden Händen zu spreizen und die Kuppen gegeneinander zu drücken, was er sich, so viel sei verraten, übrigens flugs bei Merkel abgeguckt hat. Er ging auch nicht mehr, nein er schritt, und auf einmal klang er so, wie soll man sagen, so wichtig.

Märchen vom Fischer und seiner Frau

Aber seitdem man nur noch unschöne Sachen über ihn liest, die Kredite und Reisen und Partys, erinnert er mich eigentlich nur noch an das Märchen vom Fischer und seiner Frau, weshalb er am Ende der ganzen Nummer vermutlich froh sein kann, wenn er in seinem Klinkerbau in Großburgwedel landet und nicht noch weiter abstürzt. Und überhaupt habe ich meine Meinung inzwischen grundlegend geändert, ich kann sogar genau sagen wann. Es war an dem Tag, an dem Wulff vollständige Aufklärung und Transparenz versprach und sich, wenn auch mit einer winzigen Verzögerung von ein paar Tagen, auch noch daran hielt. Denn plötzlich tauchte ein Dokument mit unzähligen Fragen von Journalisten an Wulff auf. Ein Auszug:

„Hat Christian Wulff und/oder seine Familie bei Aufenthalten im Hotel Seesteg auf Norderney Rabalte oder Nachlässe bei der Übernachtung erhalten? Wenn ja, wie hoch waren diese?“

„Trifft es zu, dass Herr Wulff mit seiner frisch angetrauen Frau Bettina im März 2008 zumindest einen Teil des Flitterurlaubs im Anwesen des Talanx- Aufsichtsratsvorsitzenden, Herr Baumgartl, in dessen Anwesen in Rosignano Marittimo (Italien) verbrachte?“

„Wie konnte sich der Bundespräsident zum Zeitpunkt der Kreditvergabe sicher sein, dass dieser Kredit kein Gefälligkeitskredit war, sondern auch zum Vorteil von Frau Geerkens?“

 

Und dann passierte, was nicht passieren durfte, aber passieren musste. Ich hatte sämtliche Fragen ausgedruckt, studiert und bereits mit Obelix besprochen, als meine Freundin Sophie die Zettel in die Finger bekam und sich die Fragetechniken der versammelten bundesdeutschen Presselandschaft zu eigen machte. Es ist eine Katastrophe. Ein Auszug:

 

„Hast Du die beiden Kuchenstücke aufgegessen, die für mich und meine Mutter gedacht waren, während ich mit unserer Tochter auf dem Spielplatz war? War Dir bekannt, dass der Kuchen nicht für dich bestimmt war? Hat er wenigstens geschmeckt und warum? Und versprichst Du mit, das zukünftig zu lassen?“

„Trifft es zu, dass Du statt Windeln, Feuchttücher und Wickelunterlagen für unsere Tochter zu kaufen, den halben Tag in der Computerabteilung eines Elektrodiskounters verbracht hast? Warum? Und hast du dort womöglich etwas gekauft? Von Deinem Taschengeld oder dem Gemeinschaftskonto?“

„Wie konnte es sein, dass Du gestern den ganzen Abend ein Fußballspiel im Fernsehen angesehen hast, aber als ich mit Dir kuscheln wollte, plötzlich hundemüde warst? Ist es richtig, dass du dich anschließend schlafend gestellt hast? Bin ich Dir nicht mehr attraktiv?“

 

Herr Wulff, bitte, das ist doch kein Zustand. Sie haben das bestimmt in letzter Zeit schon häufiger gehört, aber kommen Sie schon, tun Sie es einfach.

 

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

 

P.S. Der zweite Teil der Kolumne „Wurstgrenze“ wird aus aktuellem Anlass um eine Woche verschoben.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  1 | 2 | 2012
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