Habe doch vor einiger Zeit in aller Stille über die Signale des Siechtums sinniert. Das kam so. Keine zehn Minuten zuvor sitze ich noch relativ entspannt neben meiner Freundin Sophie und steuere den Wagen über die Autobahn. Links Felder. Rechts Felder. Vorne Asphalt. Bei dem Wagen handelt es sich um einen froschgrünen Kombi französischer Bauart, der demnächst zum TÜV muss, was man ihm sowohl ansieht als auch anhört. Dieses Auto ist einfach wie gemacht für junge Familien mit einer eher Laissez-fairer Grundhaltung zu Sorgfalt und Ordnung, was bei uns insbesondere in Bezug auf den Umgang mit alltäglichen Gebrauchsgegenstände betrifft. Die Kombikiste sitzt wie ein maßgeschneiderter Anzug.
Dieses Auto ist mittlerweile dermaßen verranzt, dass unsere Tochter Hannah in ihrem Kindersitz sitzen und aus ihrem Rosinenbrötchen liebevoll Konfetti machen kann, ohne dass es uns weiter stören würde. Und seitdem mein bester Kumpel Obelix mit Hannah versucht hat Fußball zu spielen, wobei der geöffnete Kofferraum als Tor diente und Obelix das Kunststück vollbrachte, mit Hannahs Kinderball die Heckklappenverkleidung Vollspann aus ihrer Verankerung zu lösen, wird das Quietschen der Sicherheitsgurte nicht mehr allein vom Klopfen der Lüftung übertönt, sondern auch zusätzlich von einem monotonen Klappern aus dem Kofferraum, was Hannah bereits nach wenigen Minuten Fahrt zuverlässig in einen komatösen Schlaf befördert.
Sophie und ich sitzen also vorne und schreien uns gegen das Klappern an, ohne dabei zu streiten, wann sie den Frosch dem Technischen Überwachungs-Verein vorzuführen gedenke. Wäre sie es nicht, die es tun würde, wäre die grüne Pannenplage vermutlich bereits vor Jahren aus dem Verkehr gezogen worden. Sophie kann sehr hartnäckig sein. Und sehr überzeugend. Ich weiß das, weil ich in diesem Moment auf dem Weg zu ihren Eltern bin, statt mit Obelix ins Stadion zu fahren. Sophies Argumente waren dabei derart plausibel, dass sogar Obelix fast mit zu ihren Eltern gekommen wäre, nachdem ich ihm für das Spiel abgesagt hatte. „Sind wir gleich da?“, fragt mich Sophie und ich warte darauf, dass sie nach einem Eis verlangt, und anfängt zu weinen, wenn sie keines bekommt, als es passiert.
Ich muss aufs Klo. Sofort.
Ohne Vorwarnung, ohne das sich langsam anschleichende Gefühl einer sich allmählich füllenden Blase, muss ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich derart dringend pinkeln, dass ich den Frosch am liebsten auf der Stelle auf den Seitenstreifen lenken und mich in die Böschung schlagen würde, denn weit und und breit gibt es nichts außer Feldern, Sträuchern und Asphalt.
Also sage ich zu Sophie, dass ich unbedingt mal müsse, woraufhin sie mir sagt, dass wir doch gleich bei ihren Eltern wären, woraufhin ich sage, dass ich es so lange nicht mehr einhalten werde, woraufhin sie sagt, dass sie sich das gar nicht vorstellen könne, dass man auf einmal so dringend müsse, woraufhin ich sage, dass ich mir das auch nicht erklären könne, woraufhin sie sagt, dass ich doch jetzt nicht mitten auf die Autobahn pinkeln könne, woraufhin ich sage, dass ich es eventuell noch bis zur nächsten Raststätte schaffen würde, woraufhin sie mir von einem Schüler erzählt, der sich letztens während der dritten Stunde vollgestrullert hatte, woraufhin ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, es dem armen Kerl nicht gleich zu machen, woraufhin sie das Geräusch von fließendem Wasser imitiert, woraufhin ich krampfhaft die Beine zusammenpresse, woraufhin Sophie mich panisch anschreit, weil der Frosch plötzlich gewaltige Schlangenlinien fährt, woraufhin ich schreie, sie solle mir schon einmal fünfzig Cent aus ihrem Portemonnaie geben, woraufhin sie fragt, wozu ich das Geld bräuchte, woraufhin ich sage, dass vor dem Toilettenbereich an Raststätten ein Drehkreuz steht und dass man fünfzig Cent einwerfen müsse, woraufhin sie mich fragt, ob ich wirklich so dringend müsse, weil sie sich das nach wie vor nicht vorstellen könne, woraufhin ich sage, sie solle mir endlich das bescheuerte Geld geben, weil die Abfahrt schon zu sehen sei, und ich keine Zeit zu verlieren habe, woraufhin sie mir eine Münze in die Hand drückt, woraufhin mir einfällt, dass die Toilettengebühr mittlerweile siebzig Cent beträgt, woraufhin Sophie mir eine weitere Münze hinterherwirft, während ich aus dem Auto stürze.
Ich stehe geradezu tiefenentspannt in einem gekachelten Raum und genieße, wie die Anspannung aus meinem Körper weicht, als ich das Werbeplakat entdecke: „Sie können nachts nicht schlafen, weil ständig die Blase drückt? Sie leiden unter plötzlichem Harndrang? Ihnen kann geholfen werden. Weniger müssen müssen. Informieren sie sich jetzt.“ Darunter hält mir ein weißhaariger Mann eine Schachtel mit irgendwelchen Kapsel auf Arzeneikürbisbasis entgegen. Ich wasche mir die Hände und setze mich wieder zu Sophie ins Auto.
„Alles klar bei dir? Du siehst blass aus.“
„Sophie, das war‘s. Ich bin alt.“
Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.