Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

23. Mai 2012

Tempo 30 (Folge 119): Gummikind

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist immer dann mit seiner Tochter allein, wenn die in halsbrecherischen Aktionen ihre eigene Belastbarkeit bis an die Grenzen austestet. Doch irgendetwas scheint bei den Unfällen faul zu sein.

Drucken per Mail

Habe manchmal einen ungeheueren Respekt vor der Vollkommenheit der Schöpfung, oder, falls es den Errungenschaften der Evolution zu verdanken ist, dann auch vor ihnen, um hier keine der großen Weltanschauungen von vornherein ausschließen zu wollen. Denn wem auch immer ich unendlich dankbar für sein makelloses Werk zu sein habe, ich möchte niemandem unnötig verprellen. Jedenfalls bin ich ein wirklich großer Bewunderer, dass es an demütiger Hörigkeit grenzt, wer immer auch letzten Endes dafür verantwortlich ist, dass es heute diese extrem widerstandsfähigen, zähen, abgehärteten, unempfindlichen, fast unkaputtbaren Kinder gibt, als wären sie aus Gummi.

Man kann ihm, ihr oder ihm dafür nur den allerhöchsten Respekt zollen und ein ganz großes Lob aussprechen, denn ansonsten würde ich nämlich in ziemliche Erklärungsnöte geraten, warum die kleine Hannah neulich in tausend Stücke zersprungen ist, als wäre sie eine antike Vase. Was soll man da sagen, wenn die Frau nach Hause kommt? „Das kann man bestimmt wieder kitten.“

Ich war mit Hannah allein. Sie ist jetzt zweieinhalb Jahre alt, und meine Freundin Sophie hatte wieder genügend Vertrauen in meine erzieherischen Fähigkeiten und meinen beschützenden Instinkt entwickelt, dass sie allen Mut zusammen nahm und das Haus verließ, während ich mit Hannah zurück blieb. Sie hatte das schon lange nicht mehr getan, nicht, seit ich das letzte Mal mit Hannah im Zoo war. Die Liebe für den Zoo habe ich dem Kind in die Wiege gelegt, und wann immer sich die Gelegenheit ergibt, statten wir den Tieren einen Besuch ab. Wir haben da mittlerweile unsere festen Rituale, wann wir wo zu welchem Tier gehen, und zu diesen Ritualen gehört, dass Hannah ihren Kinderwagen zwischen Affenhaus und Robbenbecken selbst schiebt.

Sie kommt, wenn sie beide Arme reckt, mittlerweile ganz gut an den Griff, ist hinter dem Kinderwagen aber nur schwer zu erkennen, weshalb man mich mit irritierten Blicken belegt, wenn ich neben dem leeren Kinderwagen spaziere, der sich wie von Geisterhand vorwärts bewegt. Ich tue dann so, als würde ich die Blicke nicht bemerken, als wäre es völlig normal, mit einem kinderloses Wagen Gassi zu gehen, doch an diesem Tag übertrieb ich es. Ich blieb bei den Zebras stehen und ignorierte den Wagen, als wäre er alt genug, auch allein zu recht zu kommen. In diesem Moment aber fiel der Weg leicht ab, der Kinderwagen nahm Fahrt auf, und Hannah war nicht mehr in der Lage, ihn zu halten.

Sie schrie, ich drehte mich um, sah den führerlosen Wagen auf eine Kindergruppe zu fahren, die wie gebannt vor den Nashörnern stand und Hannah, wie sie hinter ihm her lief. Ich rannte los, überholte sie, griff nach dem Griff kurz bevor er in die Kindermenge rauschen konnte und brachte ihn abrupt zum Stehen. Dummerweise lief Hannah einfach weiter geradeaus. Beschleunigt von dem leichten Gefälle, rauschte sie mit vollem Tempo gegen den Kinderwagen, was beinahe so ein schlimmes Geräusch machte, wie jenes, als Hannah nach hinten umkippte und mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt aufschlug. Es klang, als ließe amn ein hart gekochtes Ei aus eine Höhe von etwa zwanzig Zentimetern auf den Boden fallen. Hannah schrie, ich erntete unzählige entsetzte und argwöhnische Blicke, doch wie durch ein Wunder war nichts außer einer kleinen Beule von dem kleinen Unfall geblieben. Auf den Schrecken spendierte ich ihr ein Eis.

Das letzte Mal, dass uns Sophie vor dem Zoobesuch allein ließ, war ich mit Hannah auf dem Spielplatz, und sie schlug sich auf der Rutsche eine Ecke vom Schneidezahn ab, blieb aber ansonsten erstaunlicherweise unversehrt und bei bester Laune, nachdem sie eine kleine Tüte Gummibärchen bekam. Davor fiel sie vom Wickeltisch. Davor wurde sie von der Kiste mit den Bauklötzen begraben. Davor krachte sie mit ihrem Rutschauto in ihre Kinderküche. Bis auf die ein oder andere Macke und Schramme passierte nichts, und gegen den Schreck gab es Kekse, Kuchen und Schokolade

Gestern nun gingen wir mal wieder vor die Tür, und weil ich ihr keinen Wunsch abschlagen kann, durfte sie ihr Laufrad, ihren kleinen Rucksack, ihre Puppe und ihre Sankt-Martins-Laterne mitnehmen. Sie stapfte vor mir das Treppenhaus hinunter, ich konnte ihr nicht die Hand halten, so vollgepackt, wie ich war, sie stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel die letzten sieben Stufen herunter wie ein Crashtest-Dummy. Mit Überschlag. Ich habe mich noch so erschrocken in meinem Leben, wie in dem Moment, in dem sie von der untersten Stufe auf dem Boden aufschlug und einen Moment regungslos liegen blieb. Ich stürzte zu ihr, sie schrie, beruhigte sich und verlangte nach einem Bonbon.

Ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass der kleinen Gummi-Hannah bislang nichts schlimmeres passiert ist, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie ihre Unverwundbarkeit schamlos ausnutzt.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Jetzt kommentieren

Video

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.