Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

23. Mai 2012

Tempo 30 (Folge 120): Wiesututsidus

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor muss dringend die Lieblingsverstecke seiner Tochter finden, denn er ist kurz davor zu verhungern. Ihre Notreserven sind bereits verbraucht.

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Habe gerade krampfhaft versucht, mich in meine Tochter Hannah hineinzuversetzen. Zu denken, was sie denkt, zu fühlen, was sie fühlt, zu tun, was ein zweieinhalbjähriges Mädchen so tut, knapp unter einem Meter groß, und mit einem Temperament gesegnet, das irgendwo zwischen Ronja Räubertochter, Pipi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga liegt, wobei ihr letzterer besonders ähnlich ist, was die Flausen im Kopf und die Haarfarbe darüber angeht. Ich habe mich also gefragt, was Hannah tun würde? Wobei ich gestehen muss, nicht sofort damit angefangen zu haben, mich in den Geisteszustand eines Kleinkindes zu versetzen, sondern zunächst eine ganze Weile damit verbracht habe, mich daran zu erfreuen, wie schön dieser Satz doch klingt.

Wenn man so viel Zeit vor dem Fernseher verbringt, wie ich das tue, dann hört man mit der Zeit eine ganze Reihe an Sätzen, die man in seinem Leben so gerne nur ein einziges Mal sagen würde. Zum Beispiel so Sätze wie Das war nur ein Streifschuss oder Den roten oder den weißen Draht? oder Geld spielt keine Rolle oder eben Wir müssen uns in den Täter hineinversetzen. Ausgebildete Profiler und Forensiker tun so etwas: „Der Gesuchte ist ein weißer Mann Anfang Anfang vierzig, sozial verkümmert, hyperaktiv, mit einem ausgewachsenen Ödipuskomplex. Er ist ein Sadist, flüchtet sich in die Welt von gewaltverherrlichenden Computerspielen, ist süchtig nach Cola-Light, trägt vorzugsweise pinkfarbene Pumps und teilt sich das Bett mit einem nymphomanen Hamster. Das muss der Schwarzfahrer sein.“

Bei kleinen Mädchen, so wie Hannah eines ist, ist das schon wesentlich schwieriger, denn ihre Welt ist für mich manchmal unergründlich. Zum Beispiel bunkert Hannah Rosinen. Nichts liebt sie mehr, als den Geschmack von getrockneten Weinbeeren, und sie futtert so eine Tüte Rosinen mit einer genießerischen Attitüde als wären es Kartoffelchips. Den ganzen Tag rennt sie mit der Tüte unter dem Arm herum und nascht mal hier und mal dort, denn sie ist generell sehr beschäftigt und hält sich nur ungern länger als dreißig Sekunden an ein und dem selben Ort auf. Als ich neulich meinen Führerschein gesucht habe, den Hannah sich so gerne ansieht, weil sie mein Bild so lustig findet, habe ich zwischen den Büchern im Wohnzimmer eine Handvoll Rosinen gefunden. Und eine unter den Handtüchern im Badezimmerschrank. Und eine hinter dem Radiowecker im Schlafzimmer.

Manchmal denke ich, Hannah hat eine panische Angst davor, dass wir sie alleine zuhause lassen, und deshalb hat sie sich Vorräte angelegt, um bis zu unserer Rückkehr über die Runden zu kommen. Ohnehin hat ein ausgesprochenes Faible dafür, Dinge an den unmöglichsten Stellen zu verstecken, und ich frage mich, ob es für sie mehr ein Spiel ist oder die unterbewusste Furcht, irgendjemand könnte es ihr wegnehmen, wobei es sich streng genommen um meine Sachen handelt, die auf sie einen ganz speziellen Reiz ausüben. So kommt es, dass ich meinen rechten Turnschuh in der Spülmaschine finde, oder meine kabellose Computermaus zwischen den Balkonblumen oder die Fernbedienung in der Duschwanne. Den ganzen Tag schleppt Hannah irgendwelche Sachen durch die Wohnung und isst dabei Rosinen.

Das erstaunliche an Freaks jeglicher Couleur ist aber,(und das kann ich wie gesagt mit der Erfahrung von einem halben Leben vor dem Fernseher mit Fug und Recht behaupten), dass sie nicht in einem Zustand geistiger Umnachtung handeln, sondern durchaus bei klarem Verstand sind. Selbst an Dinge, die Hannah Tage zuvor verschleppt und versteckt hat, kann sie sich noch immer genau erinnern, wenn man sie danach fragt. Hannah findet sogar jene Sachen, die man selbst verschusselt hat, und ich finde es wirklich bemerkenswert, wie sie in dem Chaos, dass sie tagtäglich anrichtet, stets den Überblick behält. Wenn sie abends im Bett liegt und nach ihrer Puppe verlangt, ohne die sie nicht einschlafen kann, sagt sie einem präzise, wo die Puppe liegt.

Trotzdem gibt es kein System, es gibt nicht drei oder vier Lieblingsorte, an denen Hannah Dinge versteckt, sondern in dieser Wohnung, die mit ihren drei Zimmern so groß eigentlich nicht ist, gibt es tausende von Verstecken, was sage ich, es müssen Millionen sein. Und das Problem ist, dass Hannah gerade nicht da, sondern mit meiner Freundin Sophie zu ihren Großeltern gefahren ist und erst in zwei Tagen wieder kommt. Und während ich das schreibe, versuche nun krampfhaft mich in ihre Lage zu versetzten, so zu denken, wie sie denkt, zu fühlen, wie sie fühlt, weil ich wirklich zu gerne wüsste, wo sie meinen Haustürschlüssel versteckt hat. Ich würde nämlich gerne raus, runter, zum Supermarkt. Ich habe Hunger, und ihre Rosinenreserven sind längst aufgebraucht.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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