Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

13. Juni 2012

Tempo 30 (Folge 121): Wimmelbörse

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor braucht seinen Schlaf, den seine Tochter ihm so oft raubt. Und weil er sich nicht anders zu helfen weiß, wirft er seine pädagogischen Prinzipien über Bord.

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Habe mir am Wochenende eine Stunde Schlaf gekauft. War ein absolutes Schnäppchen. 79 Cent, was immerhin einmal fast eine Mark und sechzig Pfennig waren, oder auch drei Tütchen mit Fußball-Bildchen, aber das ist alles lange her. Und selbst wenn plötzlich irgendwer auf die absurde Idee käme, dass das mit Euro alles so keinen Sinn mehr macht, und die alte Mark wieder aus der Mottenkiste kramt, weil sie irgendwie stabiler ist, ich würde trotzdem beinahe jeden Preis zahlen. Wer kann bei 79 Cent für eine Stunde Schlaf schon Nein sagen? Schlaf ist ein teures Gut geworden, seit Hannah auf der Welt ist, wobei der Preis stark schwanken kann. Das ist bei uns nicht anders als an der Börse.

Einmal angenommen, ich bin mit meinem besten Kumpel Obelix an Pepes Tresen versackt. Pepe gehört die Pizzeria Casanova im Erdgeschoss, die er mit der Attitüde eines sizilianischen Kleinganoven führt, obwohl er in Wahrheit aus Marokko stammt. Aber Pepe ist erstens ein leidenschaftlicher Liebhaber sizilianischer Lebensart, weshalb seine Kopie von dem Original im Prinzip nicht mehr zu unterscheiden ist. Und deshalb ist er zweitens auch ein fanatischer Anhänger italienischer Fußballkunst, weshalb im Casanova Abend für Abend heroische Auftritte der Italiener gezeigt werden und Pepe seinen Gästen für jedes Tor seiner heiß geliebten Azzurri großzügig von seinem selbstgebrannten Blindmacher einschenkt.

Wenn also an so einem Abend im Casanova das WM-Halbfinale der Italiener gegen Deutschland bei der WM 1970 (4:3) und das WM-Finale 1982 (3:1) gezeigt werden, kann eine Stunde Schlaf am nächsten Morgen gewaltig im Kurs steigen, schließlich bestimmt die Nachfrage den Preis. Hannah interessiert sich nämlich weder für Fußball noch für den dicken Kopf ihres Vaters, weshalb sie wie gewohnt um halb sieben mit ihrem Fahrradhelm unter dem Am vor unserem Bett steht und an der Decke zieht. Meine Freundin Sophie sah, wie sehr ich litt, und ich musste ihr versprechen, die nächste Woche den Müll runter zu bringen, was ich noch weniger leiden kann, als die Spülmaschine auszuräumen (ebenfalls eine Woche) und die Wäsche aufzuhängen (zwei Wochen!), bevor sie Hannah abwimmelte und ich meinen Rausch ausschlafen konnte.

So gesehen war ich natürlich vorbereitet, als Sophie neulich auf den Junggesellinnenabschied einer Freundin ging, der mit einer ausgedehnten Runde auf einem Bierbike eingeläutet wurde und in einer zwielichtigen Karaokebar enden sollte. An diesem Abend brachte ich Hannah ins Bett, gleich nachdem Sophie aus dem Haus war, nahm ein Entspannungsbad, gönnte mir nur ein leichtes Abendessen und schlief kurz nach der Tagesschau ein. Als Hannah mitten in der Nacht aufwachte, nachdem sie ihr gewohntes Schlafpensum bereits absolviert hatte, erklärte ich mich erst bereit, mit ihr in das Kinderzimmer zu verschwinden, nachdem Sophie hoch und heilig versprochen hatte, den Windeleimer zu leeren (zwei Wochen), die Blumen zu gießen (eine Woche), den Küchenboden zu wischen (zwei Wochen) und Hannah die Zähne zu putzen (eine Woche).

Die Preise an der Hannah-Börse stiegen also mit der Zeit mitunter in schwindelerregende Höhen, nachdem sie anfangs bei einem Kuss, einem Verwöhnfrühstück oder einem romantischen Abendessen lagen, und die Blase platzte ausgerechnet, als wir zu dritt zu der Hochzeit eingeladen waren, die auf besagten Junggesellinnenabschied folgte. Obwohl wir Hannah erlaubt hatten, bis kurz nach Mitternacht mitfeiern zu dürfen, in der Hoffnung, am nächsten Morgen länger schlafen zu können, wurde sie mehr oder weniger in dem Moment wach, in dem auch wir zu Bett gingen. Was immer ich aber Sophie auch anbot, damit sie aufstand, und Hannah abwimmelte, sie ließ sich nicht breitschlagen, und was immer sie mir in Aussicht stellte, selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte es nicht gekonnt. 

Und als meine Not und Sehnsucht nach etwas Schlaf größten nicht hätte sein können, warf ich alle meine pädagogischen Prinzipien für Kinder unter drei Jahren über Bord, griff ich zu meinem Mobiltelefon und lud Hannah ihre erste Applikation herunter, ein animiertes Wimmelbuch für 79 Cent. Ich zeigte ihr, wie sie das Programm zu bedienen hatte, an welchen Stellen sie mit dem Finger über den Bildschirm wischen musste und an welchen mit dem Finger auf ihn tippen und wie sie die Lautstärke drosseln konnte. Dann drehte ich mich zufrieden um und schlief auf der Stelle ein, während sie fasziniert auf das Handy starrte und anfing, seine Funktionsweisen immer besser zu verstehen, und besser, und immer besser...

 

Nächste Woche mehr.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

 

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