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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

20. Juni 2012

Tempo 30 (Folge 122): Weltfinger

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor muss mit Erschrecken feststellen, wie kleine Ursachen eine große Wirkung haben können, weshalb sich seine Tochter neuerdings durchs Leben wischt.

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Habe manchmal das Gefühl, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis mein ganzes Wissen um die Wunder der modernen Technik (was bedeutet, dass ich bei einem Problem Geräte einfach aus- und wieder einschalte) hinter das meiner Tochter Hannah fällt. Eine Woche vielleicht noch. Oder zwei. In spätestens drei Wochen aber wird Hannah mich eine ganze Weile lang interessiert dabei beobachten, wie ich zunehmend verzweifelt an meinem Mobiltelefon herumfuhrwerke, mir einen skeptischem Blick zuwerfen, die Stirn in Falten legen und eine Augenbraue hochziehen. Sie wird ein lauten Seufzen ausstoßen, mir auf die Schulter klopfen und so etwas sagen wie: Kopf hoch, Papa“. Oder: „Mach dir nichts draus.“ Oder. „Das kann doch jedem mal passieren.“

Dann wird sie in aller Seelenruhe das Handy nehmen, und mir in einem halsbrecherischen Tempo, dem mein allmählich einrostender Verstand kaum folgen kann, all die hübschen neuen Funktionen zeigen, die sie kurz zuvor mit dem neuen Software-Update installiert hat. Sie wird dabei Begriffe in den Mund nehmen, von denen ich noch nie zuvor gehört habe, geschweige denn, sie mir würde merken können und die mutmaßlich der englischen Sprache entnommen sind. Sie wird Programme öffnen und auf Anhieb verstehen, deren allgemeiner Zweck sich mir nicht einmal erschließen will, und ich werde sie irgendwann anflehen, etwas Rücksicht auf ihren alten Vater zu nehmen und mir das alles noch einmal in Ruhe zu zeigen.

Ich habe doch erzählt, dass ich Hannah diese Applikation auf meinem Handy installiert habe, ein animiertes Wimmelbuch, bei dem man mit dem Finger auf die Stelle auf dem Bildschirm tippt, auf der ein Junge vor einer Leiter steht, und dann klettert der Junge die Leiter hinauf. Oder auf die Stelle, an der ein Mädchen eine Katze streichelt, und dann fängt die Katze an zu schnurren. Ich hatte gedacht, ich kaufe ihr die App und sie lässt mich nach dieser Hochzeitsfeier, die bis in die frühen Morgenstunden ging, noch etwas schlafen. Und sobald ich wieder auf dem Damm bin, lösche ich das Programm, und wir lesen wieder Bücher, denn ich bin jetzt in einem Alter, in dem man findet, das eigene Kind sei für gewisse Dinge einfach noch zu jung.

Ich hatte allerdings nicht mit der Hartnäckigkeit gerechnet, mit der Hannah darauf bestehen würde, mit ihrer Wimmel-App zu spielen. Und da sie sich bis heute mit einer schwer zu ertragenden Ausdauer in herzzerreißende Weinkrämpfe hineinsteigern kann und mir es grundsätzlich an Geduld mangelt, habe ich die App dann doch nicht gelöscht. Ich dachte, auf meinem Handy ist sie vor dem Kind sicher. Wer konnte ich denn ahnen, dass sich Hannah merken würde, wo sie mit dem Finger wischen muss, um den Bildschirm zu entriegeln. Dass sie sich merken würde, wo sie wischen muss, bis die Wimmel-App auftaucht. Dass sie auf das Symbol drücken muss, um die App zu starten, und auf welche Felder, um sie zu bedienen.

Also gut, habe ich gedacht, dann kann sie mit ihren zweieinhalb Jahren eben das Telefon bedienen, und so schlecht ist diese Wimmel-App wirklich nicht. Wie das Lama die Zoobesucher anspuckt. Wirklich witzig. Dummerweise glaubt Hannah aber mittlerweile die Welt ließe sich mit einem Fingerwischen steuern. Dass fing an, als wir eines Abends ein Buch vor dem Schlafengehen lasen, so ein richtiges Buch, mit Seiten aus Papier und Hannah ständig mit dem Finger auf einen der Elefanten tippte, der zu ihrer großen Enttäuschung aber keinen Ton von sich gab. Auch gelang es ihr nicht, das Fernsehprogramm nach ihren Wünschen zu verändern, indem sie über den Bildschirm wischte. Zurück blieben jede Menge Fingerabdrücke.

Und als wir in den Zoo gingen, wie wir es so häufig tun, wobei man nicht genau sagen kann, ob ich ihr zuliebe dort hin gehe oder Hannah mir zuliebe, standen wir vor einem Aquarium mit Schildkröten. Hannah beobachtete das Treiben in dem Becken eine Weile, dann legte sie zwei Finger auf die Scheibe und versuchte die Schildkröten größer zu ziehen. Ich sah zu Hannah, zu den Schildkröten, zurück zu Hannah, wieder zu den Schildkröten, konnte es nicht fassen und löschte diese verdammte App, bevor mich das kleine Mädchen noch aus ihrem Leben wischt. In der Nacht wurde Hannah wach, krabbelte zu uns ins Bett und wollte mit ihrer App spielen. Als sie verstand, dass ich sie gelöscht hatte, fing sie bitterlich an zu weinen, da war es drei.

Als sie um vier immer noch weinte, installierte ich die App wieder auf dem Handy. Wer braucht schon konsequente Erziehung? Ich brauche meinen Schlaf.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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