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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

27. Juni 2012

Tempo 30 (Folge 123): Tippshit

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor hält sich für einen leidlich belesenen Fußballfachmann. Und die sollten von Tippspielen mit von Emotionen geleiteten Laien generell die Finger lassen. 

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Habe vor den beiden Spielen im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft, die bekanntlich gerade in Polen und der Ukraine ausgetragen wird, folgende Ergebnisse getippt. Portugal wird demnach den permanent starken Eindruck, den die Mannschaft um Edelgockel Cristiano Ronaldo bislang hinterlassen hat, abermals bestätigen, und sich (so wie es die Portugiesen bislang von Spiel zu Spiel kontinuierlich getan haben) auch gegen Tiki-Taka-Spanien nochmals steigern können und den amtierenden Welt- und Europameister mit 2:1 aus dem Turnier kegeln. Es wird dafür übrigens nicht einmal die Verlängerung brauchen. Soviel zu heute Abend.

Morgen dann, wenn Erlebnis-Deutschland diesen ewigen Klassiker gegen Italien spielt, wird die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw alle Statistiken und Schwarzseher Lügen strafen, und zum ersten Mal bei einem großen Turnier gegen die Italiener gewinnen und zwar ungefährdet mit 2:0. Die Deutschen sind hungriger, konditionsstärker, technisch beschlagener, haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und sind einfach reif, um die Betonmischer zu bezwingen. Wobei die ach so offensiven Italiener, von dem Vorrundenspiel gegen Spanien mal abgesehen, auch noch nicht so richtig gefordert wurden. Die sind nämlich gar nicht so toll, wie jetzt alle tun.

Nun mag man sich zu Recht fragen, warum in aller Welt ich die Ergebnisse jetzt schon verrate? Warum ich den beiden brisanten Duellen bereits jegliche Spannung nehme, bevor sie überhaupt angepfiffen wurden? Wie ich alles an Drama und Tragödie aus diesen Partien lutschen kann? Wieso ich mir anmaße, Fußballgott zu spielen? Nun, ich würde es als einen Akt reiner Nächstenliebe bezeichnen, als ein großzügiges, barmherziges Geschenk an alle, die bei den diversen Tipprunden, die derzeit wieder unter Kollegen oder im Freundeskreis kursieren, relativ aussichtsreich auf einem der vorderen Plätze liegen und damit liebäugeln, am Ende den Jackpot zu knacken.

Denn wer immer sich noch realistische Chancen ausrechnen sollte, mit zwei, bis auf das letzte Tor richtig vorhergesehenen Tipps oder Wetten ein kleines Vermögen oder zumindest jede Menge Respekt und Anerkennung zu verdienen, der sollte bloß nicht 2:1 für Portugal und schon gar nicht 2:0 für Deutschland tippen. Unter gar keinen Umständen. Niemals.

Dabei finde ich Tippspiele großartig. Ich könnte Stunden damit verbringen, Mannschaftskader zu studieren und zu vergleichen, Meldungen über größere und kleinere Blessuren noch Minuten vor dem Anpfiff zu lesen, taktische Systeme auf ihre Stärken und Schwächen hin zu analysieren und Aussagen von Trainer und Spielern zu interpretieren. Ich finde, bei so einem Tippspiel geht doch nichts über eine vernünftige Vorbereitung und ein gewissen Know-how, doch diese Europameisterschaft ist irgendwie verhext. Es läuft nicht. Besser gesagt. Es ist eine Katastrophe. Der reinste Tippshit. Krake Paul würde sich angesichts meiner dilettantischen Prognosen im Grab umdrehen. Wie kann man ausgerechnet in diesem Jahr nur so vollversagen?

Sophie, meine Freundin, tippt nämlich gegen mich. Sie ist genervt von diesen ganzen Spielen, Griechenland gegen Tschechien, Irland gegen Kroatien, Schweden gegen die Ukraine, davon, dass ich das alles sehen muss. Also habe ich Idiot mich auf dieses familieninterne Tippspiel eingelassen, und wer am Ende gewinnt, darf in Zukunft bestimmen, welche Fußballspiele es wert sind, angesehen zu werden, weil derjenige ja über den nötigen Fachverstand verfügt.

Anschließend tippte Sophie auf einen Sieg der Griechen gegen Russland, mit der Begründung, dass es den Griechen doch gerade so schlecht gehe und auf ein Unentschieden zwischen Italien und Spanien, wobei sie eigentlich ein großer Spanienfan ist, aber weil wir doch gerade auf Sizilien im Urlaub waren, und die Sizilianer so sympathisch, konnte sie sich nicht entscheiden, und tippte 1:1. Beim Spiel Holland gegen Dänemark befragte sie das Hannah-Orakel. Hannah ist unsere Tochter, zweieinhalb und süchtig nach Gummibärchen. Sophie gab ihr ein rotes für Dänemark und ein orangefarbenes für Holland, und als Hannah nach dem roten griff, dachte ich noch, bereits nach der Vorrunde uneinholbar vorne zu liegen.

Mittlerweile liegt Sophie uneinholbar weit vorne, und dass sie im Viertelfinale zwischen Deutschland und Griechenland auf ein Unentschieden tippte (weil: siehe oben), obwohl es gar keine Unentschieden mehr gibt, war nicht nur der Gipfel der Demütigung, sondern änderte auch nichts an ihrem komfortablen Vorsprung. Im Prinzip habe ich nur noch eine Chance, wenn ab jetzt alle meine Vorhersagen auf das Ergebnis genau eintreffen und Sophie von nun an daneben liegt. Zudem muss Deutschland zwingend Europameister werden (Sophie hat natürlich auf Spanien getippt) und Lukas Podolski Torschützenkönig. Sophie hat übrigens vor dem Turnier auf Mario Gomez gesetzt. Sie mag seine Frisur. 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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