Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

04. Juli 2012

Tempo 30 (Folge 124): Höllenhund

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist als Kind um ein Haar von einer fürchterlichen Bestie gefressen worden. Seitdem könnte mein sein Verhältnis zu Hunden als ein klein wenig vorbelastet bezeichnen.

Drucken per Mail

Habe mich mein halbes Leben lang gefragt, warum der Mensch eigentlich so vernarrt in Hunde ist? Warum nur? Ich habe grundsätzlich nichts gegen Hunde, zumindest nicht, so lange sie aussehen wie ein Gymnastikball auf vier Beinen und einen Herzinfarkt riskieren, wenn sie auf die Idee kämen, mir hinterher zu jagen. Oder sie zu jener Rasse gehören, die es in diesem praktischen Handtaschenformat gibt, weshalb man notfalls einfach beherzt auf sie tritt, um seine Ruhe zu haben. In gewisser Weise bewundere ich Hunde sogar, vielleicht beneide ich sie auch, weil doch kein Mann in der Lage wäre, andere Menschen in Verzückung zu versetzten, nur weil er sich die Eier leckt. Ich habe auch noch von keinem Hund gehört, der über erblich bedingten Haarausfall klagt. 

Es ist nur so, dass ich eine geradezu panische, den Puls in schwindelnde Höhen treibende Angst vor Hunden habe, was einem Ereignis geschuldet ist, dass nun fast zwanzig Jahre zurück liegt. Ich ging mit meinen Eltern in einem Waldstück spazieren, dass an eine leicht abfällige Wiese grenzte. Mitten auf der Wiese stand ein Klettergerüst, und da weit und breit kein Zaun und kein Schild zu sehen war, dass einen davon abhielt, in seinem jugendlichen Übereifer zu dem Klettergerüst zu stürzen und es auf seine maximale Belastbarkeit hin zu prüfen, tat ich genau das. Ich hatte die kleine Leiter an dem Gerüst noch nicht ganz erreicht, als aus dem Nichts eine zähnefletschende Bestie auftauchte, sich mich zustürzte und, eher ich mich versah, in meinem Bein verbissen hatte. 

Es war dem Todesmut meiner Mutter zu verdanken, die sich furchtlos und nur mit einem Regenschirm bewaffnet, auf den Wachhund stürzte, so wie dem beherzten Eingreifen eines Wachmannes, der das Anwesen eines betagten Industriellen zu schützen versuchte, zudem auch der kleine Privatspielplatz gehörte, dass mich der Köter nicht mit Haut und Haaren verschlang. Noch heute zieren mehrere kleine Narben mein Bein an jenen Stellen, an denen das Tier seine Zähne in das Fleisch schlug, und irgendwas ist von diesem Tag hängengeblieben. Man könnte es wohl am besten als ein ausgewachsenes Kindheits-Trauma bezeichnen. Eines von der Sorte, das von Jahr zu Jahr wächst und gedeiht, je mehr die Erinnerungen an damals verblassen, und blühende Fantasien an die Stelle der Realität treten.

Jedenfalls ist der Hund, wenn ich an in denke, heute mindestens drei Meter groß, hat glühend rote Augen und aus seiner Nase schlage gewaltige Flammen. Mit diesem Bild vor Augen traue ich sämtlichen Artgenossen des Höllenhundes nicht mehr über den Weg, weshalb ich konsequent die Straßenseite wechsele, sollte ich einem von ihnen begegnen. Sophie, meine Freundin, hat das zunächst für einen Scherz gehalten, als ich ihr von meiner Hundeparanoia erzählte, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten. Erst als sie mich zusammengekauert und am ganzen Körper zitternd im Treppenhaus entdeckte, während mir im dritten Stock der Hund ihres Nachbarn Herbert Sprotte den Weg versperrte und sie sich ein Stockwerk höher nach einer halben Stunden schon etwas Sorgen gemacht hatte, wo ich denn nur abblieb, bekam sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie groß meine Angst war.

Ich kann in keinen Supermarkt gehen, vor dem bereits ein angeleinter Dackel sitzt. Ich mache einen großen Bogen um Restaurants, in denen bereits ein Pudel zu Abend isst. Und unter allen Umständen versuche ich öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden, wenn ich auch nur das leiseste Kläffen aus einem U-Bahn-Waggon höre. Wenn ich im Park joggen gehe, ist der Adrenalinkick wohl nur mit dem eines Rotwilds bei der Treibjagd zu vergleichen, weshalb mein Laufstil mitunter den Verdacht nahe legt, jemand würde aus dem Hinterhalt auf mich schießen, während ich übertriebene Hacken schlage, sobald so eine Töle aus dem Gebüsch auftaucht, wobei es keine Rolle spielt, ob sie an der Leine geführt wird oder nicht.

Wie man mit einem Hund unter einem Dach leben kann, ist mir ein völliges Rätsel, aber offensichtlich hängen andere Menschen nicht so an ihrem Leben. Ich würde jedenfalls kein Auge zumachen, bei dem Gedanken, dass da ein wildes Tier durch die Wohnung streunt. Was, wenn der Hund eines Morgens mit der falschen Pfote zuerst aufsteht, oder irgendein anderer Köter in sein Revier pinkelt, ihn die Nachbarkatze nervt, oder was immer auch dazu führt, dass er bis in die Schwanzspitze gereizt und übel gelaunt ist, weshalb seine ureigensten Treibe mit ihm durchgehen, und er im Blutrausch sein Herrchen mit einem Bissen herunterschlingt. Was steht bei solchen Leuten dann auf dem Grabstein? „Der wollte doch nur spielen.“

Nun war ich neulich wieder mit meiner kleinen Tochter Hannah im Stadtpark auf dem Spielplatz, den sich Mütter und Hundehalter gleichermaßen teilen, und als ich genau hinsah, erkannte ich, warum sich kinderlose Menschen Hunde halten.

Nächste Woche mehr.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Jetzt kommentieren

Video

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.