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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

11. Juli 2012

Tempo 30 (Folge 125): Mennschchen

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor hat sich schon immer gefragt, warum sich Menschen Hunde halten. Seitdem er wieder regelmäßiger auf Spielplätzen anzutreffen ist, weiß er es endlich.

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Habe mit Hannah auf dem Spielplatz in der Sandkiste gesessen und Kuchen gebacken. Dazu braucht es nicht mehr, als einen Eimer (rosa), eine Schaufel (rosa) und den nötigen Mut, über traditionelle Kuchenrezepte hinaus zu denken. Zudem sollte man bei der Auswahl der Zutaten nicht vor unkonventionellen Experimenten zurückschrecken. Den Eimer und die Schaufel hat sich das kleine Mädchen übrigens selbst ausgesucht, obwohl ich mich mit Händen und Füßen gegen rosa gewehrt habe. Aber wenn sie könnte, dann würde sich meine Tochter einen Eimer mit Farbe kaufen und der Welt ein hübschen rosafarbenen Anstrich verpassen. Ich habe die Hoffnung, dass das nur eine Phase ist, doch von Tag zu Tag schwindet meine Zuversicht. 

Ich habe also den Eimer gehalten, während Hannah zwei Schaufeln extra schleimigen Kartoffel-Ketschup, eine halbe Schaufel kalten Schokoladen-Senf, eine Schaufel Vogel-Kacke, drei Schaufeln Bonbon-Wurst und die obligatorische Schaufel Pipi-Zucker hineingab, weshalb das Ergebnis nur noch rein äußerlich etwas mit einem gewöhnlichen Kuchen aus Sand gemein hatte. Hannah ist jetzt zweieinhalb, und an alles, was sie normalerweise isst, darf allenfalls eine Schaufel Frischkäse, was weniger geschmackliche Gründe hat, sondern vielmehr dazu dient, das Essen abzukühlen. Die Geduld zu warten, bis ihr Essen nicht mehr so heiß ist, diese Geduld hat die kleine Hannah nicht, was eindeutig väterlicherseits ist. Ich finde, für ihre gewöhnlichen Essallüren entwickelt sie auf dem Spielplatz ein erstaunliches Maß an Kreativität.

Wir saßen also da und backten Kuchen, von denen ich mir sicher bin, dass nie ein Mensch zuvor sie gebacken hat, als hinter mir eine junge Mutter (jM) auf einer der Bänke Platz nahm, nachdem sie ihren ungefähr gleichaltrigen Sohn neben Hannah in den Sand gesetzt hatte. Kurz darauf gesellte sich ein älterer Herr (äH) dazu, der seinen Spitz von der Leine ließ, worauf die Angst meinen Puls hochjagte und meinen Herzschlag aussetzte, was unter medizinischen Gesichtspunkten einer mittelschweren Sensation gleichkommt. Während ich irgendwie versuchte, am Leben zu bleiben, und Hannah ungerührt eine Schaufel Erdbeer-Schnodder, drei Schaufeln Eis-Pommes, zwei Schaufeln Apfelschorlen-Popel und eine Schaufel Pipi-Zucker in dem Eimer vermengte, kam es hinter mir zu folgender erleuchtender Gesprächssituation:

 

jM: „Ach, nein, das ist ja vielleicht ein niedlicher Hund. Wie heißt denn der Kleine?“

äH: „Brutus. Und Ihrer?“

jM: „Karl-Friedrich.“ Ruft: „Schau mal, Karl Friedrich, ein Wauwau!“ Karl-Friedrich dreht sich um und schaut in die falsche Richtung. „Nein, Ka-Frie, links, schau mal nach links. Weißt du schon, wo links ist?“ Karl-Friedrich hebt den rechten Arm. „Nein, das ist der rechte Arm. Wo ist der linke?“ Ka-Frie hebt wieder den rechten Arm. „Also, eigentlich kann er das. Ka-Frie, zeig dem Mann mal, wo der linke Arm ist. Nein, der linke. Der linke, Ka-Frie, genau, gut gemacht, toll, was du schon alles kannst, Ka-Frie. Wie gut du links und rechts unterscheiden kannst.“

äH: „Braver Ka-Frie. Wie alt ist denn ihr Junge?“

jM: „Bald drei, aber...“

äH: „Wie meiner.“ Brutus läuft auf einen der Jogger in Funktionswäsche zu. „Keine Angst, der will nur spielen.“ Zur jM gewandt: „Der gehorcht aufs Wort. Der ist...“

jM: „...für sein Alter schon total weit. Wir haben schon überlegt, ihn mehrsprachig aufwachsen zu lassen, damit er sich nicht langweilt.“

äH. „Brutus, mach Platz.“ Brutus jagt einer Biene hinterher. „Platz, Brutus, mach Platz!“ Brutus verschwindet in einem Gebüsch. „Brutus, komm sofort her und mach...“

jM: „Nein, Ka-Frie, die Schaufel gehört dem Mädchen, Ka-Frie, lass sie los, bevor das Mädchen weint. Also, eigentlich kann er ganz toll teilen, aber bei Kindern, die noch nicht so weit sind, vergisst er es manchmal. Er ist in seinem Kopf einfach mit so vielen Dingen beschäftigt, dass ich immer wieder ganz erstaunt bin, an was er schon alles denkt. Ich glaube, er ist hochbegabt.“

äH: „Wirklich beeindruckend. Platz, Brutus. Er hat die Hundeschule als Klassenbester abgeschlossen. Für einen Hund hat er wirklich ungewöhnlich gute Manieren.“ Brutus kommt aus dem Gebüsch. „Platz, Brutus.“ Der Spitz legt sich auf den Rücken und versucht sich die Eier zu lecken.

jM: „Nein, wie süß der doch ist.“

äH: „Und jetzt mach Männchen, Brutus. Männchen.“

jM: „Karl-Friedrich, wenn du nicht sofort dem Mädchen die Schaufel wiedergibst, bekommst du später kein Eis.“

äH: „Hol dir die Wurst, Brutus, hol sie dir. Ja, so ist brav. Mach Männchen, mach schon, hold dir die Wurst, hier oben, noch ein Stück, auf die Hinterbeine. Ja, so ist gut.“

jM: „Wenn du dem Mädchen ihre Schaufel wiedergibst, dann bekommst ein besonders großes Schokoeis. Und Gummibärchen. Und einen Lutscher. Toll, Ka-Frie, wie rücksichtsvoll du schon bist. Weißt du, Ka-Frie, das Mädchen versteht nämlich noch nicht, wenn du ihr einfach die Schaufel wegnimmst. Sehen Sie sich das an. In Sachen Sozialverhalten ist Ka-Frie schon total weit.“

äH: „Pfoten weg von dem Dackel, Brutus!“

jM: „Neulich hat Ka-Frie einem anderen Kind sogar erklärt, warum man keine Schaufeln wegnehmen darf ohne zu fragen. Stimmt‘s, Ka-Frie? Was hast du zu dem Jungen letzte Woche gesagt? Weißt du noch, was du gesagt hast?“

äH: „Brutus. Ich meine es ernst. Hör sofort auf den Hund anzurammeln!“

jM: „Jetzt sag schon, Ka-Frie, was du zu dem Jungen gesagt hast.“ Ka-Frie starrt wortlos und gierig zugleich auf Hannahs Schaufel.

äH: „Ich zähl bis drei, Brutus, oder du kommst ins Heim.“

jM: „Also, eigentlich ist Ka-Frie sprachlich schon total weit.“

 

In diesem Moment wendete ich mich zu Hannah. „Kannst du schon atmen, Hannah? Atme mal. Zeig mal den Leuten, wie toll du schon atmen kannst.“

Aber Hannah sah mich nur mit großen Augen an: „Warum?“

Hannah kann jetzt nämlich schon Fragen stellen. Fraglich ist sie schon total weit.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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