Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

18. Juli 2012

Tempo 30 (Folge 126): Frageloch

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor hat da mal eine Frage. Was sagt man eigentlich seinem kleinen Kind, wenn man plötzlich auf nichts mehr eine Antwort hat?

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Habe einfach keine Antworten mehr. Nicht eine. Ist alles weg. Restlos. Irgendwie fühlt es sich an, als hätte meine kleine Tochter Hannah alles an Wissen, was ich mir in den vergangenen dreißig Jahren mühsam angeeignet habe, in den letzten Wochen hartnäckig aus mir heraus gelutscht, selbst das unnütze, und jetzt ist eben nichts mehr da. Ich weiß natürlich selbst, wie unglaublich das klingt, aber es ist wahr. Fragen sie mich einfach. Fragen sie irgendwas, egal was, ich werde ihnen darauf keine Antwort geben können. Warum es regnet? Keine Ahnung. Warum es kalt ist? Was weiß denn ich. Was ein Sommer ist? Nie gehört.

Man muss sich das in ungefähr so vorstellen wie in Hot Shots. Es gibt da doch diese Szene in Hot Shots mit dem großartigen Charlie Sheen, als er noch wirklich großartig war, und dem noch so viel großartigeren Lloyd Bridges, der für immer und ewig großartig bleiben wird. Ich habe mir diesen Film Anfang der 90er mit meinem besten Kumpel Obelix klammheimlich und über alle Verbote hinweg angesehen, weil meine Mutter irrtümlicherweise verstanden hatte, wir wollten mit unseren unschuldigen zwölf Jahren in einen Kinostreifen namens Hot Shorts gehen und sie zu dem Schluss gekommen war, dass es außerhalb ihrer pädagogischen Toleranz lag, ihre aufklärerischen Pflichten Hollywood zu überlassen.

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Jedenfalls gab in Hot Shots diese Szene mit der Bluttransfusion auf dem Flugzeugträger, wo das Blut direkt von dem einem Typen in den anderen fließt und der eine dabei in sich zusammenfällt, wie ein leck geschlagenes Schlauchboot, so, als würde man sich auf eine Luftmatratze setzen und den Stöpsel ziehen, bis von einem prallen Körper nur noch eine verschrumpelte Hülle bleibt. Und genau so fühlt es sich jetzt an. Ich kann Hannahs Fragen nicht mehr beantworten, und Hannah hat jede Menge Fragen, unzählige Fragen, aber es geht nicht, weil einfach nichts mehr an Antworten da ist. Mein Vorrat an Antworten ist aufgebraucht, erschöpft, und ich bin es ehrlich gesagt auch. Wenn dieses zweieinhalbjährige Kind eine Frage wäre, dann hieße sie Warum?

Warum muss man Gummistiefel anziehen?

Warum sind die Sandalen nicht dicht?

Warum kriegt man nasse Füße?

Warum wird man dann krank?

Warum ist der Sommer für die Füße?

Warum trägst du keine Haarspange?

Warum hast du auf dem Kopf weniger Haare?

Warum hast du jetzt Haare in den Ohren?

Warum wirst du alt?

Warum ist die Ampel rot?

Warum sind die anderen so langsam?

Warum können die anderen kein Auto fahren?

Warum sollte man denen den Führerschein wegnehmen?

Warum hast du keine Windel?

Warum kannst du schon alleine aufs Klo gehen?

Warum muss ich das auch lernen?

Warum hast du keine Lust mehr meine vollgeschissenen Windeln zu wechseln?

Warum darf man Popel nicht essen?

Warum macht man das nicht?

Warum ist das ekelig?

Warum schmeckt das nicht?

Warum muss man Zähneputzen?

Warum kriegt man gelbe Zähne?

Warum hast du gelbe Zähne?

Warum muss ich jetzt schlafen?

Warum willst du noch wach bleiben?

Warum willst du deine Ruhe haben?

Warum hast du gepupst?

Warum stinkt das?

Warum hast du Scheiße gesagt?

Warum hat der FC Köln ein Tor gekriegt?

Warum ist der FC Köln so schlecht?

Warum ist der FC Köln deshalb abgestiegen?

Warum darf ich die Schokolade nicht essen?

Warum muss man die Schokolade erst bezahlen?

Warum darf die Mama das nicht wissen?

Warum ist die Mama dann sauer auf dich?

Warum willst du dich bei mir einschleimen?

Warum muss man sein Sandspielzeug teilen?

Warum teilt der Junge sein Sandspielzeug nicht?

Warum ist der Junge ein Arschlochkind?

Warum hast du einen Penis?

Warum willst du nicht darüber reden?

Warum ist dir das unangenehm?

Warum soll ich das lieber Mama fragen?

Warum muss man lieb sein?

Neugier, sagt meine Freundin Sophie, sei ein Zeichen von Intelligenz.

Aber warum?

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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