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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

25. Juli 2012

Tempo 30 (Folge 127): Vorbildfamilie

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor sollte sich öfter mal eine Scheibe von seiner Freundin abschneiden. Und eine von seiner Tochter. Für sein allgemeines Wohlbefinden wäre das nicht so verkehrt.

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Habe von meinen Frauen in den vergangenen Tagen die ein oder andere Lektion in Genügsamkeit, Entschleunigung und Demut gelernt. Sophie, meine in sich ruhende Freundin, und meine umtriebige, aber im Grunde ihres Herzens glückliche, kleine Tochter Hannah haben in manchen Dingen einfach ihren ganz eigenen, man könnte fast sagen tiefenentspannten, rationalen, wunschlos glücklichen Blick auf die Welt. Sie sind in gewisser Weise von einer geradezu beneidenswerten Bescheidenheit, die sich in einer asketischen Zufriedenheit ausdrückt, und die mir persönlich völlig abgeht.

Erstes Beispiel. Ich bin ein penibler Perfektionist. Ein rastloser Rechercheur. Ein orkanartiger Organisator. Sophie wollte eines Abends ins Theater, eine moderne Inszenierung, deren Name ich nicht einmal aussprechen konnte, ohne mir den Kiefer zu brechen. Ich wollte zu dem neuen Mexikaner in der Altstadt, weil mein Paradies in einen Taco passt. Da ich bei modernen Theaterstücken unter klaustrophobischen Panikattacken leide und Sophie von mexikanischem Essen Sodbrennen bekommt, verbrachte ich eine geschlagene Woche damit, den perfekten Tag zu finden, an dem noch der beste Tisch nach der Spätvorstellung frei war und gleichzeitig der Babysitter abkömmlich, und man in der U-Bahn nicht umsteigen musste. Ich telefonierte mir die Finger wund und saß bis zum Morgengrauen wie ein Besessener vor dem Rechner, bis ich irgendwann aufgab.

Sophie ist da irgendwie anders. Sophie wäre damit zufrieden gewesen, nur die Hälfte der Zeit, die ich damit verbrachte, unseren ersten gemeinsamen Abend seit Wochen zu planen, mit mir auf der Couch zu kuscheln, bei einem Glas Wein auf dem Balkon zu sitzen oder im Bett zu liegen. Dann hätte sie eine Freundin angerufen, die das Stück mehr wertschätze als ich das tat und wäre mit ihr ins Theater gegangen, während ich auf Hannah aufpasste. Am nächsten Abend hätte sie nach der Kleinen gesehen und mich mit meinem besten Kumpel Obelix zum Mexikaner geschickt. „Wenn man ein Kind hat“, sagt Sophie, „ist es gar nicht so schlecht, wenn man nicht so viele gemeinsame Interessen hat. Man geht doch ohnehin nicht zusammen weg.“

Zweites Beispiel. Ich bin eine Institution im konzeptlosen Konsum. Eine Koryphäe im gierigen Geldausgeben, was in erster Linie für jenes Geld gilt, das ich nicht besitze. Ein Meister der verblendeten Verschwendung. Ich könnte ganze Tage damit verbringen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was ich alles nicht habe, aber dringend brauche, weil es ohne dieses und jenes einfach nicht mehr geht. Für Menschen wie mich werden Versandkataloge gedruckt, Werbeprospekte verteilt und Sonderangebote angepriesen. Das geht schon beinahe soweit, dass mich das quälende Gefühl beschleicht, meine Existenz stehe ohne neuen Besitz auf dem Spiel.

Hannah ist da irgendwie anders. Neulich war ich mit Hannah in der Stadt, weil ich dringend ein neues Paar Turnschuhe benötigte. Mein altes Paar passte nicht mehr zu dem T-Shirt, dass ich mir einige Tage zuvor gekauft hatte, weil man das alte Shirt nicht mehr zu der neuen Hose tragen konnte. Ich hetzte also mit Hannah durch die Geschäfte, getrieben von einer unzufriedenen Rastlosigkeit das perfekte Paar Schuhe betreffend, und als ich es mit Einbruch der Dämmerung endlich mein Eigen nennen durfte, rang immerhin mein Gerechtigkeitssinn den Kaufrausch in soweit nieder, dass Hannahs geduldige Begleitung nicht zu ihrem Schaden sein durfte.

Wir gingen in einen kleinen Laden für Kindermode, ein glitzerndes und glänzendes Paradies aus tausend und einer Farbe, und während ich über die Kleiderständer und Regale herfiel, als würde mein Seelenheil davon abhängen, hier etwas zu kaufen, schlenderte Hannah sichtlich gelangweilt durch den Raum und fing an in der Nase zu bohren. Ich hielt Hannah ein quietsch-gelbes Hemd vor die Brust, aber Hannah sagte nur: „Ich habe doch schon ein Hemd.“ Eine mit funkelnden Applikationen besetzte Hose, worauf Hannah mich fragend ansah: „Aber ich hab doch schon eine Hose.“ Ein hübsches Kleid mit Blumenmuster. „Aber ich hab doch schon ein Kleid.“ Hannah weigerte sich, auch nur ein einziges Teil anzuprobieren und ging zufrieden aus dem Laden.

Aber ich würde mir niemals die Blöße geben und zugeben, dass ich diese innere Genügsamkeit auch unbedingt haben will.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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