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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

01. August 2012

Tempo 30 (Folge 128): Besserhörer

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor fühlt sich irgendwie nicht verstanden, wann immer er auch seine Großmutter besucht. Und irgendwie fühlt er sich nach diesen Besuchen auch älter.

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Habe neulich meine Oma besucht. Sie hat mittlerweile ein biblisches Alter von jenseits der Neunzig erreicht, und Besuche bei ihr sind zu einer mitunter zähen Angelegenheit geworden, was maßgeblich an ihrer fortschreitenden Schwerhörigkeit liegt, die sie auf höchst eigenwillige Art und Weise zu ignorieren versucht. Meine Oma hört einfach nur noch dass, was man mutmaßlich gesagt haben könnte und sie deshalb zu hören glaubt. So gesehen funktioniert ihr Gehör nach wie vor ganz tadellos. Ich könnte ihr erzählen, dass ich auf dem Weg zu ihr in einen fürchterlichen Platzregen geraten, von einem Hund angefallen und vor den Bus gelaufen bin, mich verirrt habe und anschließend ausgeraubt wurde, und sie würde mich mit diesem seligen Lächeln auf den Lippen ansehen und sanfter Stimme sagen: "Ach, das freut mich aber, mein Junge, dass es dir gut geht."

Anschließend pflegt meine Oma mir die Wange zu tätscheln, dann in die Wange zu kneifen, um zu guter Letzt ebenso lautmalerisch wie inbrünstig in ein vergilbtes Stofftaschentuch zu spucken und mir damit aus dem Mundwinkel zu wischen, was immer sie dort auch zu erkennen glaubt. Seit ich entschieden habe, mich nur noch zu rasieren, wenn meine Freundin Sophie offen damit droht mich zu verlassen, wenn ich ihr nicht umgehend den Beweis liefere, dass sich hinter dem Gestrüpp nach wie vor der Mensch befindet, in den sie sich einst verliebt hatte, kann das Rotztaschentuch-Ritual mitunter in ein wildes Geschrubbel ausarten, bis ich irgendwann, wenn auch etwas schief, sage: „Oma, das ist mein Bart.“

„So kannst du doch nicht auf die Straße gehen, Junge.“

„Ein Bart, Oma, das ist mein Bart.“

„Ja, ich weiß. Wie du immer aussiehst. Du bist doch kein Kind mehr.“

„Nein, leider nicht. Deshalb ja auch der Bart.“

„Du musst wirklich mehr auf deine Körperhygiene achten, Junge.“

„Bart, Oma, verstehst du denn nicht. Ein Bart.“

„Irgendwann geht das gar nicht mehr weg. Das kannst du deiner alten Oma ruhig glauben.“

„Ein BART!“

„Warum schreist du denn so, Junge? Ich bin doch nicht schwerhörig. Hilfst du mir in den Sessel?“

Im Wohnzimmer meiner Oma steht dieser Ohrensessel, ein ziemlich scharfes Teil, für das gewisse Menschen aus New York, London oder Berlin ihre Seele an den Teufel verkaufen würden. Die Farbe kommt, würde ich sagen, einem getrockneten Kotzegrün schon ziemlich nahe, und der Polsterüberzug ist gesprenkelt mit pinkfarbenen Rosen. Ich kann nur vermuten, wie viele Jahre ihres langen Lebens meine Oma schon in diesem Sessel verbracht hat, aber es müssen einige gewesen sein, denn Sessel und Oma sind längst eine gemütliche Symbiose eingegangen. Es sieht fast so aus, als würde sich der Sessel um meine Oma schmiegen, wenn sie sich in ihn fallen lässt, weil ihr Körper dort mittlerweile einen Abdruck hinterlassen hat, als wäre der Sessel eine Form, und man sieht den Abdruck sogar, wenn meine Oma nicht in dem Sessel sitzt. Sollte sie jemals sterben, wovon ich nicht ausgehe, will ich den Sessel. „Jetzt hilf mir schon in den Sessel, Junge. Diese Hüfte bringt mich noch um.“

Das taube Gefühl in den Ohren vermag meine Oma noch geflissen überhören, aber ihr künstliches Hüftgelenk (ich glaube, es ist das dritte, aber es könnte genau so gut das elfte sein, da sie mit einer gewissen Leidenschaft künstliche Gelenke sammelt, wie andere Briefmarken), macht ihr seit geraumer Zeit zu schaffen, was mutmaßlich am Wetter liegt. Sommer, die sich so anfühlen, als wäre es monatelang April, sind meiner Oma ein Graus. Dann zwickt die Hüfte, sticht es im Rücken, pickst es unter den Achseln, scheuert es im Knie, kratzt es unter den Füßen, zieht es im Magen und juckt es auf dem Schädel. Nur eines ihrer Leiden würde mich auf direktem Weg in den Wahnsinn treiben. Ich bin mit dreißig bereits doppelt so wehleidig wie sie, aber meine Oma hat im Laufe der Jahre eine fast schon demütige Dankbarkeit entwickelt.

"Hauptsache, man bleibt im Kopf gesund", sagt sie dann, und sieht mich mit schmerzverzehrtem Blick an. "Wie geht es eigentlich dem Sohn deiner Eltern?"

Ich wringe mein nasses Hemd aus, versuchte die Bisslöcher in der Hose zu stopfen, schiene meinen gebrochen Arm und seufze: "Mir geht es gut."

Für den Rest meines Besuchs unterhalten wir uns dann für gewöhnlich ausführlich über ihre zwickende Hüfte (zwölfmal), ihren stechenden Rücken (fünfmal), ihre picksenden Achseln (neunmal), ihr scheuerndes Knie (siebenmal), ihre kratzenden Füße (zehnmal), ihren ziehenden Magen (sechsmal) und ihren juckenden Schädel (viermal), während ich mich zunehmend zwicke, steche, pickse, scheuere, kratze, ziehe und jucke, wo immer es mir gerade zwickt, sticht, pickst, scheuert, kratzt, zieht oder juckt.

„Was hast du denn, Junge?“

„Nichts, Oma, mir geht es gut.“

„Du siehst auch irgendwie blass aus. Aber, ich sag immer, Hauptsache, man bleibt im Kopf gesund."

Manche Besuche bei meiner Oma fühlen sich länger an, als sie sind. Seit vor einiger Zeit aber eine osteuropäische Pflegekraft bei ihr eingezogen ist, sind sie das reinste Spektakel.

Nächste Woche mehr.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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