Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

01. August 2012

Tempo 30 (Folge 129): Wohnwahn

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor hat eine günstige Alternative zu teuren Kinobesuchen gefunden. Seit seine Oma von einer osteuropäischen Pflegekraft betreut wird, fehlt eigentlich nur noch frisches Popcorn.

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Habe mir eine Tüte mit Erdnüssen gekauft, obwohl Popcorn natürlich angebrachter gewesen wäre, und ein frisches Hemd angezogen, weil meine Oma zunehmend schwerhörig sein mag (und ihre Taubheit mit einem an Ignoranz grenzenden Gleichmut überhört), aber weit davon entfernt ist, kurzsichtig zu sein. Dann ließ ich mich in ihrem Wohnzimmer auf das Sofa fallen. Das Sofa steht seit Menschengedenken vor einer Tapete mit verschnörkelten Ornamenten, und während die Berliner Mauer gebaut und wieder eingerissen wurde, bekamen die Polster die Konsistenz von Wackelpudding, weshalb man mittlerweile regelrecht in dem Sofa versinkt und die Feuerwehr rufen muss, wenn man wieder aufstehen will. Ich fiel, das Sofa verschluckte mich mit einem schlürfenden Geräusch, dann öffnete ich die Tüte mit den Nüssen und genoss die Show.

Ich bin, nun, da Kinokarten so teuer wie ein Flug nach Hollywood geworden sind, für diese Alternative wirklich dankbar.

Die Frau, die meiner Oma die letzten Jahrhunderte ihres Lebens so angenehm wie möglich machen soll, ist ungefähr einen Meter hoch und einen Meter breit, strahlt die Wärme einer indischen Nonne aus und die Geduld eines belgischen Brauereipferdes. Sie trägt kurzes, kastanienbraunes Haar, und obwohl ihre Eltern sie auf den schönen Namen Helena getauft haben, nennt meine Oma sie konsequent Olga. Die erste Frau, die vor einigen Monaten aus dem fernen Osteuropa kam, um meiner Oma unter die Arme zu greifen und ihr dabei zu helfen, die Tücken des Alltags zu meistern, hieß Olga. Und weil so eine Pflegekraft im Haus schon das Höchste an Veränderungen ist, was meine Oma in ihrem einundneunzigsten Lebensjahr zulässt, ist sie nicht bereit, sich alle drei Monate einen neuen Namen zu merken.

Meine Oma ist eine hagere Frau von fast einem Meter und achtzig, sie hat schlohweißes Haar und eine von strenger Eleganz durchzogene Sanftmut, und wenn sie neben Olga IV steht, dann wirken die beiden, als wollten sie einen Sketch aufführen, was sie im Grunde genommen ja auch tun. Wenn jede der beiden Frauen für sich schon ein Menge an komödiantischem Talent mitbringt, sind sie im Duett eine echte Nummer. Wenn es nicht meinen Überzeugungen zum Urheberecht und Datenschutz diametral entgegenstehen würde, müsste ich die Damen in ihrem täglichen Wohnwahn aufnehmen und die Videos über das Internet verbreiten. Aber vermutlich würde dann jemand auf die Idee kommen, daraus einen Film zu machen und am Ende müsste ich doch ins Kino, und das will ich nicht.

Bei meinem letzten Besuch also balancierte Olga auf einem Turm aus Stühlen, Büchern und einer alten Weihnachtskrippe, und wischte den Staub von der schweren Schrankwand. „Scheiße, verfluchte, sein hier oben Spinnweben, wie in polnische Geisterbahn.“

„Was denn für ein Kleisterwahn?“ Oma sah Olga belehrend an. „Leim, Olga, das ist Leim, kein Kleister. Also wirklich, Schränke mit Kleister leimen. Sie kommen manchmal vielleicht auf verrückte Ideen, liebe Olga.“

„Helena. Ich Helena.“

„Ich weiß, Olga.“

„Ich außerdem haben Geister gesagt. Sieht das hier oben aus wie in Gruft von Vampir.“

„Ich verstecke da oben kein Bier. Jetzt werden Sie bitte nicht unverschämt. Und passen Sie bloß auf, dass Sie da nicht runterfallen, meine Liebe.“

„Manchmal ich wünschen wäre längst passiert. Bekomme ich noch Lungenkrebs von verfluchte Staubwischerei.“

„Sie können jetzt nicht in die Wäscherei. Heute ist Dienstag. Waschtag ist bei uns immer Donnerstag. Das habe ich Ihnen doch erklärt. Das ist hier nicht wie in der Ukraine.“

„Polen.“

„Wo ist eigentlich mein Nachthemd? Das mit den Blumen?“

„Polen. Ich Polen, Oma.“

„Olga, bitte, zügeln Sie ihr Temprament. Ich würde Ihnen niemals unterstellen, sie hätten es gestohlen.“

„Ich nicht stehlen.“

„Doch, wenn ich es doch sage, es fehlt. Ja, hören Sie mir denn nicht zu, Olga. Das Nachhemd lag immer in der zweiten Schublade, und jetzt ist es nicht mehr da.“

„Scheiße, geht das so nicht weiter, Oma. Du brauchst dringend Hörgerät. Verstehst du.“

„Neu genäht? Wenn das so einfach wäre, Olga.“

„Helena.“

„Ich kann nicht mehr einfach so ein neues Nachthemd nähen. Ich werde langsam alt.“

„Was du meinen mit langsam?“

„Nein, ich bin nicht einsam. Ich habe ja zum Glück Sie, Olga. Wie spät ist es eigentlich?“

„Ein Uhr?

„Zwei Uhr schon?“

„Nein, nicht zwei?

„Drei? Warum sagen Sie denn nichts. Kommen Sie sofort darunter. Wir sollten vor zwei Stunden Mittag gegessen haben.“

„Hast du Hunger?“

„Hummer. Heilige Maria. Olga, wir können uns keinen Hummer leisten.“

„Du haben genug Geld, Oma.“

„Hummer. Das mag bei Ihnen in Weißrussland so üblich sein, aber ich muss fürs Alter sparen.“

„Polen.“

„Nicht, dass ich Sie in ein paar Jahren nicht mehr bezahlen kann.“

„Jahre? Jesus. Ich jetzt machen dein Essen, Oma.“

Nur noch ein paar Besuche, und mit dem Geld, was ich anstatt der Kinokarten gespart habe, kann ich mir eine vernünftige Videokamera kaufen. Helena wird dann schon nicht mehr da sein. Aber Olga bestimmt.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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