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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

22. August 2012

Tempo 30 (Folge 130): Arschlochschicksal

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist hochmotiviert, bis in die verbliebenen Haarspitzen sogar, für ein wenig mehr Ordnung zu sorgen. Wäre da nicht dieser alte Mann namens Schicksal.

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Habe manchmal das Bedürfnis mir die Dinge bildlich vorzustellen, sie für mich greifbar zu machen, verständlich, ihnen eine Kontur zu geben, eine Form, eine Gestalt oder auch ein Gesicht. Mir hilft das irgendwie. Zum Beispiel stelle ich mir das Schicksal als einen bärbeißigen, unwirschen und zu Tode gelangweilten alten Mann vor. Einen murrenden Miesepeter. Grummelnden Grantler. Knurrenden Kotzbrocken. Die personifizierte schlechte Laune eben. Und dann kommt es mir so vor, als würde meine bescheidende Existenz allein durch den Umstand gerechtfertigt, dass es schließlich immer einen tollpatschigen Idioten braucht, der den Alten hin und wieder bei Laune hält, indem er seine fiesen, hinterhältigen und durch und durch boshaften Gemeinheiten über sich ergehen lässt.

Am Montag gedachte ich also die Küche aufzuräumen. Es kommt vor, dass ich durch die Wohnung streife, in der ich zusammen mit meiner Freundin Sophie und meiner Tochter Hannah lebe, und zunehmend genervt bin von dem Chaos, das dort mitunter herrscht, was mich in eine regelrecht aggressive Grundstimmung versetzt, obwohl ich, nüchtern betrachtet, an der ganzen Unordnung nicht gerade unbeteiligt bin. Trotzdem bin ich genervt von den Wäschebergen, die ungefaltet bis an die Decke reichen. Genervt von der ungeputzten Dusche, die allmählich vor sich hinschimmelt. Genervt von dem ungespülten Geschirr, das in der Spüle aneinander klebt. So sehr genervt, dass ich es keine Minute länger in diesem Saustall aushalte, weshalb ich kurzerhand in einen tranceartigen Zustand blinden Aktionismus‘ verfalle. Früher hätte ich das Chaos ignoriert. Ich werde alt.

Weil ich es nicht dabei beließ, das dreckige Geschirr in einer Seifenlauge einzuweichen und abzuwaschen, und auch nicht dabei, die Schränke auszuräumen und auszuwischen. Weil ich es ebenfalls nicht dabei beließ, die Vorräte auf ihre Haltbarkeit hin zu überprüfen, den Dunstabzug zu reinigen, die Spülmaschine zu entkalken, den Herd zu entkrusten und den Kühlschrank zu entrümpeln, sondern weil ich willens war, sämtliche Gläser auf Hochglanz zu polieren, und mein Engagement das Schicksal langweilte, passierte es. Eines der Gläser glitt mir aus den Händen, fiel zu Boden, zerbrach in tausend Teile und schlitzte meinen Fuß auf. Das Blut war auf dem Küchenboden, den Schranktüren, dem Herd, einfach überall, während mein Elan in leise Flüche umschlug. Und auf dem Kühlschrank hockte der Alte und grinste.

Einen Tag später humpelte ich ins Badezimmer, bis in die letzten Haarspitzen motiviert und zum Äußersten bereit, dem Durcheinander Herr zu werden. Ich sortierte die schmutzige Wäsche nach Farben, reinigte die Waschmaschine, wischte den Spiegel, säuberte den Abfluss in der Dusche, putzte die Toilette, was wahrlich kein Vergnügen war, aber die Fortschritte, die ich machte, spornten mich an. Ich vergaß das kleine Malheur in der Küche, den griesgrämigen Alten, konnte es kaum erwarten, die Früchte meiner Arbeit zu ernten, öffnete den alten, doppeltürigen Eichenschrank, um alles, was sich an Cremes, Sprays, Tuschen, Pasten und Schminke in dem Zimmer türmte, in die Regalböden zu räumen, als mir ein Deoroller aus den Händen glitt, auf die Fliesen fiel und aufplatzte. Die klebrige Flüssigkeit spritzte gegen die Handtücher, Reinigungsmittel, Arzneien und was sich noch in dem offenen Schrank befand, um es mit seiner erfrischend penetranten Note zu bestäuben. Aus leisen Flüchen wurde Wut. Und in der Wanne lag der Alte und grinste.

Ich ging in den Keller, um mich abzureagieren. Der Keller ist klein, winzig geradezu, ein mickriges, dunkles Loch und vollgestopft mit den unnötigsten und überflüssigsten Dingen, die man sich nur vorstellen kann. Im Keller können Gläser zerbrechen und Deoroller aufplatzen, ohne dass es mich weiter aufregen würde. Ich fing an, alte Umzugskisten zu durchstöbern, fand faulende Schlafsäcke, zerfetzte Tennisschläger, verblichene Poster, verbeulte Nummernschilder, zerkratzte Schallplatten und vergilbte Fotoalben. Fand unendlich viele Sachen, die ich einfach nicht wegschmeißen kann, weil ich so sehr an den Erinnerungen hänge. Ich sortierte die Kisten neu, als ein Eimer mit weißer Wandfarbe von einem der Regale fiel, aufbrach und über mein Leben sickerte, verklebte, verschmierte und verkrustete. Wut schlug in Verzweiflung um. Und in dem Regal saß der Alte und grinste.

Hätte das Schicksal einen Namen, würde ich es Opa Arschloch taufen.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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