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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

29. August 2012

Tempo 30 (Folge 131): Forschwandlung

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Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist in tiefer Sorge um seine Freundin. Nicht, dass er es ihr nicht gönnen würde, aber es wird der Tag kommen, an dem sie einfach zu viel Zeit hat.

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Habe manchmal das dumme Gefühl, dass irgendwann der Tag kommt, an dem Sophie beginnt merkwürdig zu werden. Und seltsam. Und dass es nicht mehr so lange hin ist. Meine Freundin ist Lehrerin aus Leidenschaft, und wenn ich ihr richtig zugehört habe, was nicht unbedingt meine große Stärke und deshalb nicht selbstverständlich ist, wird sie in nicht all zu ferner Zukunft ein Stadium vollständiger Routine erreichen. Sie wird jedes Fach in jeder Klasse einmal unterrichtet haben, sämtliche Unterrichtsmaterialien kennen, über ein breitgefächertes Arsenal an Arbeitsblättern und Prüfungsaufgaben verfügen und deshalb viel weniger Zeit für ihre Unterrichtsvorbereitungen benötigen.

Sie wird sich dann nicht langweiligen, denn Sophie ist nicht der Typ, der sich langweilt. Sophie hat eigentlich immer etwas zu tun. Selbst im Nichtstun tut sie etwas. Nein, sie wird, so viel steht fest, die viele Zeit, die sie dann hat, nutzen, um sich wieder mehr dem Kern ihrer Fachgebiete zu widmen, dem, was sie im Studium regelrecht gefesselt hat. Dem Forschen. Nun spricht prinzipiell natürlich nichts dagegen, dass sie forscht. Sie ist bestimmt eine tolle Forscherin. Überhaupt ist sie eine tolle Frau. Soll sie ruhig. Schadet doch niemandem, wenn sie ein wenig forscht, könnte man meinen. Nur habe ich, wie eingangs erwähnt, in den vergangenen Wochen ausnahmsweise richtig zugehört und dabei folgende Geschichten aufgeschnappt hat. Seitdem bin ich leicht beunruhigt.

Von einem Physiklehrer älteren Semesters heißt es, er habe im Laufe der Jahre seine Beigeiterung für die Flieh- und Erdanziehungskräfte wiederentdeckt. Erst hat man an der Schule natürlich an das Werk pupertierender Hohlköpfe gedacht, als während des Unterrichts plötzlich allerlei Gegenstände vom Schuldach flogen, inklusive einer brennenden Strohpuppe, was ein phänomenaler Anblick gewesen sein muss, wenn man, einmal angenommen, im zweiten Stock gerade die Geschichte der Inquisition unterrichtet. Auch sollen gut die Hälfte der Fünftklässler mittlerweile in Therapie sein, die im Erdgeschoss eine Klausur über Ikarus schrieben, als eine ausgestopfte Gans mit Fliegerbrille auf den Pausenhof krachte. Gerüchteweise soll in einer renomierten Wissenschaftszeitung demnächst ein Artikel über die Möglichkeit erscheinen, Flugzeugabstürze zu überleben.

Eine Chemielehrerin muss sich hingegen ein Vierteljahrhundert nach der furchtbaren Reaktorkatatrophe von Tschernobyl und angesichts der apokalyptischen Bilder aus Fukushima entschieden haben, zumindest die Sicherheit in unmittelbarere Nähe ihrer eigenen vier Wände sowie der Schule spürbar, beziehungsweise messbar zu erhöhen. Zumindest wurde sie in letzter Zeit immer häufiger beobachtet, wie sie mit einem Geigerzähler die Gegend durchkämmte, als würde sie mit einer Wünschelruhte unbekannte Wasseradern aufspüren wollen. Drei Jahre früher als ursprünglich geplant und für alle überraschend hat sich die Frau nun pensionieren lassen. Mutmaßlich hat sie ihren Aktionsradius längst auf die ganze Stadt ausgedehnt. Zurück blieb ein unbekanntes Objekt in der Chemiesammlung, von dem niemand so genau weiß, was es ist. Messungen haben lediglich ergeben, dass es heimlich still und leise vor sich hin strahlt.

Und nun frage ich mich natürlich, was aus Sophie wird, seit ich neulich in unserem Eisfach tiefgefrorene Schweineaugen entdeckte, die sie angeblich für irgendwelche Experimente benötigt, die sie mit ihren Schülern durchführt. Stichwort „Anatomie des Auges“. Selbst die Dose mit Mehlwürmern zwischen den Joghurts konnte sie mir einigermaßen plausibel erklären, da es sich streng genommen um Unterrichtsmaterialien handelte.

Für den Beutel Fischdärme ist sie mir aber nach wie vor eine Erklärung schuldig. Mittlerweile schaue ich beim Abendessen schon sehr genau hin, wie Sophie ihren Blumenkohl schneidet, oder ob sie ihn schon seziert. Ich bin auch nicht der Meinung, dass wir dringend neue Küchenmesser benötigen. Ich bin von den stumpfen Messern zwar ebenso genervt, aber irgendwie erfüllen sie dann doch ihren Zweck. Und was immer auch der wahre Grund dafür sein mag, dass Sophie unbedingt eine Tiefkühltruhe will, ich bin mittlerweile allein aus Prinzip dagegen.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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