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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

29. August 2012

Tempo 30 (Folge 132): Superpapa

 Von 
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist zumindest momentan noch der größte Held seiner kleinen Tochter. Was das Mädchen allerdings nicht davon abhält, die Sache schamlos auszunutzen.

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Habe mich gefragt, ob man irgendwann aufhört, für sein Kind der größte Held zu sein. So eine Mischung aus Superman, das Sams, Batman, Karlsson vom Dach, Super Mario, Flash Gordon, Benjamin Blümchen, Spiderman, Harry Potter, Hulk, Wicky, Darkwing Duck, Flipper, Pumukel, Captain Future, Fred Feuerstein, Bugs Bunny und Black Beauty. Und wenn ja, wenn wirklich irgendwann der Tag kommen sollte, an dem man all seine Superheldenkräfte verliert und man in den Augen seines Kindes plötzlich auf Otto-Normal-Maß zusammenschrumpft, ob man das nicht irgendwie verhindern kann? Und wenn schon nicht verhindern, zumindest auf unbestimmte Zeit verschieben? Und wenn schon nicht verschieben, wenigstens ein klein wenig hinauszögern?

Meine Tochter Hannah wird bald drei, was für sie fast schon ein biblisches Alter ist. Immer, wenn sie geradezu fassungslos ihre drei ausgestreckten Finger betrachtet, und man ihr förmlich ansieht, wie es ihr Vorstellungsvermögen übertrifft, bald so alt zu sein, kann ich nicht anders, als ein wenig zu bedauern, dass sie bald schon wieder Geburtstag hat. Bald ist sie fünf und dann zehn und dann fünfzehn, oh mein Gott, sie ist bald schon fünfzehn. Wenn sie erst einmal fünfzehn ist, wird sie ihr Herz an irgendeinen dahergelaufenen Justin Bieber-Verschnitt verlieren, Poster von dem Knaben an ihre Wand hängen, als wäre es eine Reliquie, und dann bin ich abgemeldet. Ich bin ja jetzt schon kurz davor, gegen Hello Kitty den Kürzeren zu ziehen.

Dabei schmeichelt es mir natürlich schon ein wenig, dass ich für Hannah gerade der größte, schnellste, stärkste und klügste Papa auf der Welt bin. Vielleicht schmeichelt es mir auch ein wenig mehr. Ich meine, ich bin kurz davor, mir eine blaue Leggings zu kaufen und einen roten Slip darüber zu ziehen. Das ist doch das schöne an Kindern. Dass man für sie immer der Größte ist, egal was für eine Flasche man in Wahrheit in manchen Dingen sein mag. Kindern fällt der Bauch doch überhaupt nicht auf. Das schüttere Haar. Dass man ohne Sehhilfen in Wahrheit blind wie ein Fisch ist und jetzt nicht unbedingt über so eine Mordskondition verfügt. Dass man eigentlich keine acht Geheimsprachen fließend beherrscht, gar nicht zaubern kann und dass das mit dem Luftanhalten auch geschummelt ist, weil man heimlich durch die Nase atmet.

Ich bin jetzt auch nicht unbedingt handwerklich begabt. Jedenfalls ist meine Freundin Sophie der Meinung, dass ich noch nicht einmal einen Bleistift anspitzen kann, ohne mich dabei zu verletzten, weshalb sie froh ist, dass ich an einer Tastatur arbeite und nicht in einem Sägewerk. Oder an einer Schrottpresse. Für Hannah aber kann ich alles reparieren. Alles kleben. Alles ausbessern, während sie neben mir steht, mir ihre Hand auf die Schulter legt, und gebannt dabei zu sieht, wie ich etwa eine eingerissene Buchseite mit einem Klebestreifen fixiere. Auch wenn ich vielleicht ein klein wenig übertreibe, was den Schwierigkeitsgrad dieser Nummer angeht. Ich kann ihr auch jede Frage beantworten, denn im Grunde genommen bin ich allwissend. Ich kann alles heben und alles tragen, sogar die Kiste mit den Bausteinen, die mindestens zwei Tonnen wiegt.

In den Augen meiner kleinen Tochter bin ich übrigens auch stinkreich. Wenn sie etwas haben will, was wir gerade nicht besitzen, und sei es nur einen Joghurt, sagt sie: „Dann müssen wir das kaufen.“ Um dann gleich anzufügen. „Haben wir noch Geld?“ Ohne Geld, soweit hat Hannah diese kapitalistische Welt bereits verstanden, könnte die Sache mit dem Joghurt ein klein wenig kompliziert werden, weshalb sie ständig fragt, ob noch genügend Schotter im Haus ist. Leider macht sie sich keine Vorstellung davon, wie viel Geld wir besitzen. Seit wir Urlaub mit dem Wohnmobil gemacht haben, will sie auch unbedingt eines haben, und als wir dann auf der Caravan-Messe waren, weil man ja noch wird träumen dürfen, sollte ich ihr eines kaufen. Ich hatte an dem tag leider nicht genügend Bargeld einstecken, weshalb ich ihr einen Miniaturcamper schenkte. Den hat sie dann stolz jedem Messebesucher gezeigt: „Guck mal, hat mein Papa mir gekauft.“

Andererseits glaube ich manchmal, dass Hannah diese Superpapa-Nummer nur abzieht, um mich um den kleinen Finger zu wickeln. Dass sie etwas fallen lasen kann, weil ich es ihr wieder aufhebe. Etwas kaputt machen, weil ich es repariere. Neulich hatte Hannah einen Heißhunger auf Eis. Den hat sie eigentlich immer, weshalb wir versuchen, ihren Eiskonsum zu rationieren.

„Wir haben kein Eis mehr Hannah.“

„Dann müssen wir Eis kaufen.“

„Nein.“

„Haben wir noch Geld?“

„Ja, natürlich. Aber es gibt jetzt kein Eis.“

Anschließend krabbelte Hannah auf meinen Schoß, legte ihre Hand auf meine Schulter und lächelte mich an: „Mein Papa mit dem starken Körper.“

Eine Minute später standen wir unten am Kiosk und kauften ein Eis, doch als ich es ihr aufmachen wollte, riss sie es mir aus den Händen und sah mich empört an. „Ich mach das auf. Das kannst du noch gar nicht.“

 „STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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