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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

12. September 2012

Tempo 30 (Folge 133): Geburtstagspark

 Von 
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor tut nichts lieber, als seine kleine Tochter zu Kindergeburtstagen zu begleiten. Zwar lässt die Verpflegung zu wünschen übrig, dafür kann er sich aber wenigstens den Eintritt in den Freizeitpark sparen. Und eine kleine Aufmerksamkeit gibt es auch noch.

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Habe versucht mich zu erinnern, wie das früher war. Damals. Vor langer, langer Zeit. Zu den unverwechselbaren Attributen des Alters gehört leider zwingend auch ein verklärender Blick auf das eigene Leben, und nun habe ich mich tatsächlich dabei erwischt, wie ich einfach nur dasaß, vor mich hinstarrte und nicht nur darüber grübelte, wie es früher einmal war, sondern obendrein auch noch, ob es eventuell nicht sogar besser war als es heute ist. Das muss man sich mal vorstellen. Dass man plötzlich anfängt, so etwas zu denken. Nächste Woche bekomme ich dann ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt und in der Bahn einen Platz angeboten und mein Bild wird in der Tagesschau im Hintergrund eingeblendet, wann immer sich ein Beitrag irgendwie um das Thema Rente dreht.

Ich war mit Hannah auf einem Kindergeburtstag. Meine Tochter wird bald drei und ihre ganzen Freunde und Freundinnen auch, weshalb wir derzeit eigentlich nichts anderes mehr machen, als auf Geburtstage zu gehen. Hannah kann sich vor Einladungen kaum noch retten. Und würde ich nicht mitgehen, weil ich total auf lauwarme Bockwürste und Kartoffelsalat abfahre, seit ich mich in Hannahs Alter unsterblich in sie verliebt habe und von dem Geschmack einfach nicht mehr loskomme, wäre sie auf mehr Partys unterwegs als ich. Leider gab es auf dem letzten Kindergeburtstag keine lauwarmen Würste und keinen Kartoffelsalat mit Mayonnaise und Ei. Es gab auch keine Hamburger mit Pommes. Oder Currywurst. Oder Pizza. Es gab noch nicht einmal Schokoladenkuchen. Keine Waffeln mit heißen Kirschen. Kein Eis mit Schlagsahne.

Es gab auf der Rohkostplatte, die so angerichtet war, dass man darauf mit viel Phantasie eine Szene aus Schneewittchen und die sieben Zwerge erkennen konnte, Dinge wie Fenchel, Chicorée, Kürbis, Sellerie und Pastinake, und für Allergiker waren sie zu Sicherheit beschriftet, dazu eine Reihe verschiedener Dips auf Sojamilchbasis. In einer Kanne schwammen labbrige Minzblätter in einem zuckerfreien Tee, daneben standen Vollkornmuffins, die allenfalls mit einem Tropfen Zuckerrübensirup gesüßt waren, und Tofuspieße. Ich musste schon man gesamtes schauspielerisches Talent bemühen, um Hannah halbwegs glaubhaft vorzuflunkern, was für eine Gaumenfreude die Grünkernfrikadellen waren, und es tat mir in der Seele weh, sie dermaßen zu verarschen, während sich der Garten bereits in einen Freizeitpark verwandelte und eine imposante Hüpfburg aufgeblasen wurde.

Ich tunkte die Pastinake in einen Senf-Balsamico-Dip und dachte an früher. Ich meine, dass ist doch noch alles gar nicht so lange her. Dreißig Jahre nur. Dreißig läppische Jahre. Mir ist natürlich bewusst, dass in dreißig Jahren viel passieren kann, wenn man sich vorstellt, dass meine Eltern vor dreißig Jahren noch einen Schwarz-Weiß-Fernseher mit Holzimmitatkorpus hatten, der im Winter außerdem das Wohnzimmer aufheizte und ein Schnurtelefon mit Wählscheibe. Aber früher war doch nicht alles schlecht, oder? Früher wusste man wenigstens schon mit Blick auf Einladungskarte, was einen bei einem Kindergeburtstag erwartete. Sollte man eine Badehose mitbringen, ging es ins Spaßbad. Bei Turnschuhen auf die Kegelbahn. Bei einem Clown im gelben Anzug zu McDonald‘s, was meine Eltern stets mit einem bösen Anruf bei den Eltern des Gastgebers quittierten. Und immer stand in dem letzten Satz auf der Karte, dass man gute Laune mitbringen sollte.

Auf dem letzten Kindergeburtstag, auf dem ich mit Hannah war, gab es auch einen Clown, aber der hatte keinen gelben Anzug, sondern ein geblümtes Hemd an und konnte tolle Sache aus Luftballons knoten, die ich nicht einmal zeichnen kann. Er konnte auch zaubern. Und mit Handpuppen ein kleines Theaterstück aufführen. Und er konnte eine Vielzahl von Instrumenten gleichzeitig spielen, darunter eine Pauke, eine Mundharmonika und eine Gitarre. Hannah durfte sogar auf seinen Arm und der Fotograf, der ständig um uns herumschwirrte, hat ein ein paar tolle Schnappschüsse geknipst. Es gab auch eine junge Frau, die an einem Tisch saß, und wenn man wollte, dann schminkte sie einen wie eine Prinzessin, oder eine Katze, oder einen Tiger. Sie lackierte einem auch die Nägel, wenn man das denn wollte, doch im Gegensatz zu Hannah beließ ich es bei dem Prinzessinnenlook. Und zum Abschluss gab es sogar ein kleines Feuerwerk.

Am besten aber fand Hannah ihr Geschenkt. Nein, das ist kein Tippfehler. Ich erinnere mich noch, wie ich früher auf Geburtstage ging, ein Geschenk mitbrachte und, weil ich es schließlich verschenkt hatte, ohne Geschenk wieder nach Hause ging. Hannah bekam, als sie ging, eine bunte Stofftasche, die das Geburtstagskind höchstselbst angemalt hatte und in der sich lauter Dinge befanden, die den materiellen Wert von Hannahs Geschenk um ein vielfaches überstiegen. Darunter ein Malbuch samt Malstiften, eine Tüte mit selbstgebackenen Keksen, ein Beutel Glasmurmeln, eine Tüte Luftballons, ein Geburtstags-Party-Erinnerungs-T-Shirt und ein gerahmtes Bild von Hannah und dem Clown. Ich habe nach einer Geburtstagsparty bei McDonalds mal eine Lebensmittelvergiftung mit nach Hause gebracht, weil es noch keine Grünkernfrikadellen gab. Aber das war früher. Das ist alles lange, lange her.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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