Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

19. September 2012

Tempo 30 (Folge 134): Nachbarstar

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor erkennt in seiner greisen Nachbarin plötzlich ein leuchtendes Vorbild. Und wenn er jetzt anfängt vorzusorgen, wird er sich schon bald an nichts mehr erinnern, und das wäre doch schrecklich.

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Habe in einem alten Fotoalbum geblättert. Manchmal überkommen mich diese melancholischen Momente, in denen mich meine sentimentale Seite von hinten packt und in den Schwitzkasten nimmt, und dann weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen, als zutiefst gerührt all die alten Fotos anzusehen. Ich muss dabei irgendwie wehmütig wirken, denn als mich neulich meine Freundin Sophie mit dem Album erwischte, legte sie ihren Arm um meine Schulter, drückte mich und küsste mich flüchtig auf die Wange, was wohl etwas den Schmerz lindern sollte. Sie kann das einfach nicht mitansehen. Sie hat gehofft, dass ich diese Kolumne schreibe, würde mir helfen, zumindest unter therapeutischen Aspekten. Sie hat meinem Leiden sogar einen Namen gegeben. Juvenilitätsdepression mit Symptomen einer ausgewachsenen Altersparanoia. Und das im fortgeschrittenen Stadium.

Nun ist das in diesem Fall aber nur die halbe Wahrheit. Natürlich, zugegeben, jedes Haar, das von meinem Kopf fällt, bevor es grau werden kann, stürzt mich in eine mittelschwere Sinnkrise, noch bevor es den Boden erreicht. Doch mit den Fotos ist das anders. Mit den Fotos versuche ich seit neustem heimlich mein Gedächtnis zu trainieren, indem ich regelmäßig die ein oder andere Erinnerung auffrische. Eine meiner größten Sorgen im Leben nämlich ist nun (neben der allgemeinen Panik eines unschönen Tages alt zu sein), mich irgendwann nicht mehr an die schönsten Stunden erinnern zu können. Deshalb die Fotos. Ich versuche, so viele Bilder wie möglich in meinem Langzeitgedächtnis zu speichern, weil ich befürchten muss, dass mein Kurzzeitgedächtnis in absehbarer Zeit den Geist aufgibt. Vielleicht schon morgen.

Ich habe das bei Oma Lotte, unserer betagten, 187-jährigen Nachbarin, in jüngerer Vergangenheit immer öfter beobachtet. Liselotte Kolbich wohnt seit Menschengedenken im Erdgeschoss, besitzt ein ausgewiesenes Faible für geblümte Arbeitskittel und beige Nylonstrümpfe in Gesundheitssandalen, doch darüber hinaus hat sie ein geradezu formidables Langzeitgedächtnis. Ihr Kurzzeitgedächtnis hingegen ist so gut wie hinüber, weshalb sie mittlerweile in immer kürzer werdenden Abständen keinen blassen Schimmer mehr hat, wer genau ich bin. Und weil auch ihre Sehkraft rapide abbaut, bin ich nicht nur ein Fremder, sonder sehe, je nach Nachrichtenlage, auch noch Thomas Gottschalk, Kevin Pezzoni, Barack Obama oder Bettina Wulff zum Verwechseln ähnlich. 

Das ist zwar immer noch besser, als mir regelmäßig ihre Gemeinheiten anzuhören, was ihr liebstes Hobby ist, da sie mich prinzipiell für unfähig zu allem hält. Doch mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich Oma Lotte neuerdings nicht mehr auf, schließlich ist sie im Grunde ihres Herzens ein liebenswerter Mensch und an neuen Bekanntschaften über die Maße interessiert. Außerdem ist sie eine einsame Frau, da ist man für überraschenden Besuch natürlich dankbar. Besonders, wenn es auch noch so ein Besuch ist. Oma Lotte bekommt, wann immer sie mich trifft, fast keine Luft mehr, weil sie plötzlich mit einem Prominenten aus dem Fernsehen unter einem Dach wohnt. Und weil das so aufregend ist. Und dann könnte ich mich mit ihr, wenn ich das denn wollte, stundenlang über das Supertalent, Mitt Romney, Mobbing oder Escortdamen unterhalten.

Man kann sich mit Oma Lotte auch stundenlang über das Wetter unterhalten, wie man sich mit ihr überhaupt stundenlang über alles unterhalten kann, weil sie nach weniger als einer Minute bereits wieder vergessen hat, was schon alles gesagt wurde, und einfach wieder von vorne anfängt. Da ist sie knallhart. Das juckt sie nicht die Bohne. Nichts, was im Jetzt passiert, kann sie sich länger merken, doch das ändert sich grundlegend, wenn sie alte Geschichten auspackt. Die selbe Frau, die mich wahlweise mit Tommy, Kevin, Barack oder Bettina anspricht; die selbe Frau, die sieben Regenschirme in der Hand hält, weil es heute regnen könnte; diese Frau ist in der Lage, ein Gedicht aufzusagen, das sie im Kindergarten gelernt hat und zwar alle siebenundzwanzig Strophen. Sie weiß auch noch welche Kuchen es zum neunzigsten Geburtstag ihres Urgroßvaters gab und wie viele Stücke sie von welchem Kuchen gegessen hat. Und das es am Tag ihrer Erstkommunion geregnet hat. Und welche Farbe ihr Regenschirm hatte.

Das ist der Wahnsinn.

Und deshalb sehe ich mir Fotos an. Ich will mich an alles später erinnern können, auch wenn es, zugegebenermaßen, nicht immer ein schöner Anblick ist. Doch dazu nächste Woche mehr.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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