Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

26. September 2012

Tempo 30 (Folge 135): Relativbaby

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor muss zu seinem eigenen Erstaunen feststellen, oder sollte man besser Erschrecken sagen, mit welch verklärtem Blick er seine Tochter in den ersten Tagen und Wochen ihres Lebens sah.

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Habe doch in diesem alten Fotoalbum geblättert. Zwecks Gehirnjoggings. Und zwecks Gedächtnisauffrischung. Und zwecks Erinnerungslückenprofilaxe. Der Zweck, so meine ich einmal irgendwann irgendwo von irgendwem aufgeschnappt zu haben, heilige schließlich die Mittel. Und um dem Alter ein Schnippchen schlagen zu können, ist mir wahrlich jedes Mittel recht, oder hatte ich davon etwa noch nicht erzählt. Hatte ich doch, oder? Also, mit dem nicht alt werden wollen, und sich noch zu jung fühlen, und noch nicht bereit sein und so. Das hatte ich doch erzählt. Da bin ich mir sicher. Ziemlich sicher. Relativ sicher, zumindest. Da, es fängt schon an. Bald ist nichts mehr an Erinnerungen da. Alles weg. Ohgottohgottohgottohgottohgottohgottohgottohgottohgott.

Nun ist erwähntes Fotoalbum aber gar nicht so alt, wie man jetzt vielleicht glauben mag. Altes Fotoalbum, das klingt doch bestenfalls nach unscharfen und überbelichteten Polaroids aus der RAF-Zeit, und eigentlich vielmehr nach Weimar-Schwarz-weiß. Doch besagtes Fotoalbum ist ziemlich genau drei Jahre alt, und auf über neunzig Prozent der Bilder ist meine kleine Tochter Hannah abgebildet. Hannah wie sie schläft. Hannah wie sie lacht. Hannah wie sie schläft. Hannah wie sie lacht. Wie sie schläft, wie sie lacht, schläft, lacht, schläft, lacht, schläft. Und da der Tag kommen wird, an dem meine Kurzzeiterinnerungen verblassen und ich anfangen werde, Hannah zu siezen oder für Miley Cyrus oder Philipp Rösler zu halten, möchte ich mich wenigstens daran erinnern, wie sie ausgesehen hat, als sie noch ein lachendes und schlafendes Baby war. 

Ich gebe gerne zu, dass ich es ja immer für ein ziemlich albernes Gerücht gehalten habe, von wegen, wie schnell man angeblich die ersten Tage, Wochen, vielleicht auch Monate mit einem Kind vergisst. Und wie unendlich weit weg das einem irgendwann vorkommen wird, obwohl das Kind gerade erst leidenschaftlich damit begonnen hat, einfache Brettspiele zu spielen. Habe ich nicht glauben wollen. Drei läppische Jahre, was soll man da schon vergessen, habe ich gedacht. Das geht doch gar nicht. Ist aber so. Und weil es so ist, war es so gesehen natürlich nicht verkehrt, in den ersten Tagen, Wochen und Monaten Hannahs Leben auf zehn bis zwanzig Fotos in der Minute festzuhalten. Es existiert deshalb also durchaus eine respektable Auswahl von Schnappschüssen, an die man sich gerne zurückerinnert in der Hoffnung, sie niemals zu vergessen. Zumindest nicht alle.

Ich möchte dem kleinen Mädchen ja nicht zu nahe treten, denn der Tag wird kommen, an dem sie das alles hier wird lesen können, und an dem sie genügend Kraft besitzt, um mit schweren Gegenständen nach mir zu werfen, aber irgendwie verklärt sich der väterliche Blick wohl beim Anblick des eigenen Kindes. Würde es dieses Fotoalbum nicht geben, ich würde Stein und Bein schwören, dass meine Tochter Hannah das mit Abstand hübscheste, süßeste und bezauberndste kleine Baby auf der Welt war. Aber auf manchen Bildern aus den ersten Wochen sieht sie aus, als hätte man eine Buddha-Statue aus Hefeteig modelliert. Ich habe das kaum glauben können, als ich jetzt Bilder sah, die ich damals stolz wie Bolle wildfremden Menschen an der Supermarktkasse gezeigt habe. Jetzt habe ich auf eben jenem Bild so meine Schwierigkeiten, überhaupt ein Kinn zu erkennen.

Ich weiß noch, wie kurz nach Hannahs Geburt eine Fotografin in das Krankenhaus kam. Sie hatte allerhand Plüschtiere und Spitzenjäckchen dabei, um Bilder von Säuglingen zu machen, die sie schlafend auf einem Kissen drapierte und ihnen behutsam einem Kuschelhasen in den Arm legte. Hannah hingegen sah die Kamera, schrie sich die Seele aus dem Leib, übergab sich auf ihrem Jäckchen mit halbverdauter Muttermilch und sieht auf den Bildern aus wie ein betrunkener Matrose. Das linke Auge weit aufgerissen, das rechte Auge auf Halbmast, den Mund verzogen wie Rocky Balboa und ein zarter Sabberstreifen am Kind. Ich habe neunundneunzig Euro für sämtliche  Abzüge und eine DVD bezahlt und vor Rührung geweint wie ein Schlosshund. Jetzt habe ich mich fast erschrocken.

Und irgendwie hat das irgendwann auch nachgelassen mit den vielen Bildern. Mittlerweile mache ich vielleicht noch so zehn bis zwanzig Bilder im Monat. Wenn es hochkommt, wohlgemerkt. Was soll ich auch mit so vielen Fotos, denke ich. Es passieren jeden Tag aufs neue die skurrilsten, komischsten aber auch herzzerreißendsten Dinge mit diesem kleinen Mädchen, wie sollte man das alles jemals vergessen, denke ich. Doch dann zeigte mir neulich ein wildfremder Mann an der Supermarktkasse ein Foto seines Sohnes. Das Kind sah aus wie ein schrumpliger Greis mit wildem Haarkranz, sein kleines Gesicht war so picklig, als steckte er mitten in der Pubertät und von einem Kinn war weit und breit keine Spur. 

„Ist er nicht wunderschön?“, fragte er. Sehen Sie, hier, wie er lacht.“

„Wo?“, fragte ich.

„Hier.“

„Wo?“

„Na hier. Mir kommen jedes Mal die Tränen. Wollen Sie ihn mal halten?“

„Wen?“

„Ihn. Also das Foto, meine ich“, sagte er.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich, „aber ich habe es leider eilig. Ich muss noch dringend ein Foto von meiner Tochter machen.“

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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