Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

26. September 2012

Tempo 30 (Folge 136): Systemchaos

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor träumt von einer aufgeräumten Welt, in der alles nach Form und Farbe sortiert ist. Doch so lange es Kinder wie seine Tochter gibt, wird es nur ein Traum bleiben.

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Habe ein neues Lieblingsbuch. Wobei es streng genommen eigentlich gar kein richtiges Buch ist, zumindest nicht im klassischen Sinne von viel Text und wenig Bild, sondern eher eines im Sinne von viel Bild und wenig Test. Wie dem auch sei. Jedenfalls handelt es sich um den internationalen Bestseller "Die Kunst aufzuräumen" von Ursus Wehrli, und allein die Tatsache, dass dieses Werk rund um den Globus weggeht wie warme Semmeln, ist doch zweifelsfrei ein eindeutiger Beleg dafür, dass es da draußen noch mehr Menschen wie mich geben muss. Und wer mich jemals in einem Restaurant hat an einem Tisch sitzen und alles, was darauf steht, der Größe und Farbe nach in Reih und Glied bringen sehen, der weiß, was genau für Menschen ich meine.

In „Die Kunst aufzuräumen“, hat es sich Wehrli nicht weniger zur Aufgabe gemacht, als die Welt, so wie wir sie heute kennen, in Ordnung zu bringen, und ich kann mich überhaupt nicht sattsehen an seinen Bildern. Wehrli räumt alles auf. Einen Obstsalat genau so wie eine Nudelsuppe, eine Liegewiese im Freibad, einen Parkplatz, einen Sandkasten, einen Adventskranz, asiatische Schriftzeichen, berühmte Gemälde, die Sterne am Himmel, einfach alles. Alles wird nach Form und Farbe sortiert, alles muss seine Ordnung, ein System haben. Würde Wehrli den Satz: In „Die Kunst aufzuräumen“, hat es sich Wehrli nicht weniger zur Aufgabe gemacht, als die Welt, so wie wir sie heute kennen, in Ordnung zu bringen, aufräumen, sehe er so aus:

Aaaaaa bb cc Ddd eeeeeeeeeeeeeeee f ggggg hhhh Iiiiiiiiiii Kk ll mm nnnnnnnnnnnnn Oo rrrrr sssssss tttttt uuuuuuuu Wwww zzz ä , , , , „“

Meine kleine Tochter Hannah, die ebenfalls ein gewisses Faible für Bilderbücher besitzt, aber ansonsten aus einem ganz anderen Holz geschnitzt ist, verzweifelt regelmäßig an mir. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruht.

Hannah ist das personifizierte Chaos, ein leibgewordene Konglomerat aus Unordnung, Durcheinander und Mischmasch, anarchisch bis in die letzte Faser ihres kleinen, niemals ruhenden Körpers. Und so oft sie mich am liebsten auf den Mond schießen würde, so sehr treibt auch sie mich in den Wahnsinn. Es ist ja schließlich nicht so, als ob ich mich nicht bemühen würde. Ich bemühe mich sogar sehr, ansonsten würden wir nämlich überhaupt nicht mehr miteinander spielen, was unter bestimmten Umständen sogar das Beste für alle Beteiligten wäre, aber doch keine Lösung. Doch genau so wenig, wie sie aus ihrer Haut kann, kann ich eben aus meiner. Und dann gibt es Streit. Erbitterten, mit allen Mitteln ausgefochtenen und die eigenen Prinzipien bis aufs Blut verteidigenden Streit. Beispiel.

Hannah besitzt eine große Kiste mit Duplosteinen, also im Maßstab 2:1 vergrößertes Lego für ambitionierte Anfänger und handwerklich Unbegabte, wobei mit Anfängern Kinder unter fünf Jahren gemeint sind, und mit handwerklich Unbegabten Philosophiestudenten. Bei Hannahs Duplosteinen handelt es sich fast ausnahmslos um Erbstücke, mit denen ich schon Türme bis in den Himmel gebaut habe, und diese Steine gibt es lediglich in den klassischen Farben rot, gelb, grün und blau. Hannah interessiert das nicht die Bohne, für Menschen wie mich ist das aber von enormer Relevanz.

Wir bauen einen Turm, gemeinsam, was wir nicht tun sollten, denn die Blaupause eines perfekten Turmes hat in meiner Welt ein rotes Stockwerk und dann ein blaues, ein grünes, ein gelbes und so weiter, während Hannah eine Art Villa Kunterbunt in der Wolkenkratzerversion bauen will. Sämtliche statischen Prinzipien sind ihr ebenfalls egal, während mein Turm vom untersten bis zum obersten Stockwerk die selbe Grundfläche zu haben hat. Kaum habe ich ein Stockwerk gebaut, reißt es Hannah wieder ein, weil sie das so nicht so schön findet. Kaum ist sie an der Reihe, fange ich an, blaue Steine durch grüne und gelbe durch rote zu ersetzen, bevor mein linkes Auge nervös zu zucken beginnt. Am Ende fliegen bunte Duplosteine durch durch Hannahs Kinderzimmer, und ich sitze schmollend in der Ecke, während dem Kind zumindest das Chaos auf dem Boden gefällt.

Ich weiß, wie schlimm wir sind, aber wir können einfach nicht anders, weshalb wir nach Möglichkeit versuchen, uns bei Bauprojekten aus dem Weg zu gehen. Doch jetzt hat Hannah angefangen, Tiersticker zu sammeln und in ein Album zu kleben, wobei es ihr schnurzpiepegal ist, ob eine Giraffe in der Arktis lebt. Und ihr ist noch schnurzpiepegaler, ob es auf der Seite einen vorgedruckten Rahmen gibt, in den sich das Giraffenbild, eine ruhige Hand vorausgesetzt, perfekt einpassen würde. Eine Minute lang habe ich Hannah dabei zusehen können, wie sie die Tierbilder kreuz und quer in ihr Album klebte... Jetzt liegen die Bilder überall verteilt in der Wohnung, und ich habe Hannah bereits ein ganz tolles Bilderbuch zu ihrem Geburtstag gekauft.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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