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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

10. Oktober 2012

Tempo 30 (Folge 137): Ritualexzess

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor nimmt mit wachsendem Erstaunen und bereits leicht genervt zur Kenntnis, was seine kleine Tochter alles an sonderbaren Bräuchen aus dem Kindergarten mitbringt.

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Habe vor meinem Essen gesessen und darüber nachgedacht, ob es wirklich so eine famose Idee war, Hannah in den Kindergarten zu schicken. Ich meine, prinzipiell bin ich natürlich ein vehementer Verfechter von Einrichtungen wie Kindergärten und Kinderkrippen, zweifelsohne bin ich das.

Hannah ist mit knapp einem Jahr in die Kindertagesstätte gegangen und mit knapp drei in den Kindergarten, und ihre Entwicklung verläuft, so weit ich das beurteilen kann, bis hierhin völlig normal. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich mich mit in den Glaubenskrieg hineinziehen lassen werde, der gerade wieder um Sinn und Unsinn frühkindlicher Betreuung ausgefochten wird. Deshalb, nur zur Erklärung, kurz zusammengefasst die aktuellen Fronten:

Die Front der Kindergarten/Kindertagesstätten-Befürworter sagt: Ist voll gut.

Die Front der Kindergarten/Kindertagesstätten-Gegner sagt: Ist voll schlecht.

Meine kleine Tochter jedenfalls liebt den Kindergarten, so sehr sogar liebt sie ihn, dass sie mich gleich am zweiten Tag der Eingewöhnungsphase empört weggeschickt hat, als ich es gewagt habe, meine Schuhe auszuziehen, um sie in den Frühstücksraum zu begleiten, damit sie sich in der fremden Umgebung nicht so alleine fühlt. Mit der selben Empörung werde ich übrigens begrüßt, wenn ich sie am frühen Nachmittag abhole, weil ich bei aller Sympathie für die Institution Kindergarten der Meinung bin, dass es für jüngst drei Jahre alt gewordene Kinder dann doch ein wenig zu viel ist, bis zum späten Nachmittag dort zu bleiben. Außerdem ist mir sehr daran gelegen, mit ihr neben der Arbeit so viel Zeit wie möglich zu verbringen, bevor sie anfängt mich zu siezen.

Und doch bin ich mir natürlich darüber im Klaren, dass sie von ihrem Alten, also mir, nicht mal einen Bruchteil von dem lernen wird, was sie lernt, wenn sie mit gleichaltrigen oder etwas älteren Kindern spielt. Und dass ich nur einen Bruchteil jener natürlichen Autorität besitze, den diese laufenden Meter haben, was schon damit anfängt, dass Hannah plötzlich auf den Geschmack von Käse gekommen ist. Bislang nämlich hat sie Käse mit dem selben Gesichtsausdruck verabscheut, mit dem meine Freundin Sophie dabei zusieht, wenn ich ein Steak verdrücke und mein Brot üppig mit Mettwurst bestreiche. Für Käse war Hannah einfach die ersten drei Jahre ihres Lebens zu cool. Käse wollte sie nicht, und sei es nur, um mir zu widersprechen. Doch plötzlich kann sie gar nicht genug Käse bekommen, weil irgend so ein dahergelaufener Pimpf, irgend so ein Dennis oder Eric, auf Käse steht.

Für mich ist das ein großer Vorteil von Kindergärten, dass Hannah auf einmal so gerne Käse isst, so banal das auch klingen mag, denn Erziehung bedeutet nicht selten diskutieren und diskutieren ist nicht so mein Ding. Der Nachteil von Kindergärten hingegen ist, dass Hannah mittlerweile auch darauf besteht, dass wir uns vor dem Käseessen die Hand geben und uns einen guten Appetit wünschen, was ich prinzipiell natürlich für eine schöne Geste halte. Der wahre Nachteil sind jedoch die Tischsprüche. Fast jede Familie hat so etwas, einen Tischspruch. Unser heißt schlicht und einfach: „Wir wünschen einen guten Appetit“ und Hannah ist er bislang eher widerwillig über die Lippen gegangen.

Im Kindergarten aber sollte sie unseren Tischspruch aufsagen und alle anderen Kinder ihren auch. Wenn aber plötzlich zehn oder fünfzehn Kinder im Kindergarten am Tisch sitzen und ihre Tischsprüche aufsagen, potenziert sich so ein Tischspruch in rasender Geschwindigkeit, weshalb der Tischspruch, den Hannah nun bei uns eingeführt hat, mittlerweile geschlagene sieben Minuten dauert.

Heute kocht die Hasenmutter auf dem Ofen Hasenfutter. Rührt im Topf 1, 2, 3 Grünkohl, Kraut, Kartoffelbrei und zum Nachtisch 5, 6, 7 gibt es süße Rüben.
Viele kleine Fische schwimmen jetzt zu Tische, reichen sich die Flossen dann wird kurz beschlossen, jetzt nicht mehr zu blubbern, sondern genüsslich zu futtern!
Norden, Westen, Süden, Osten von diesem Essen möcht ich kosten. Norden, Osten, Süden, Westen, mit euch schmeckt es mir am besten
Es war einmal ein Krokodil, das fraß und fraß unheimlich viel. Es schmatzte und schmatzte
bis es schließlich platzte!
Tiger, Löwe, Katze reicht euch mal die Tatze. Jeder isst soviel er kann nur nicht seinen Nebenmann, und wir nehmen‘s ganz genau,
auch nicht seine Nebenfrau, Widde widde witt, guten Appetit!
Rolle, Rolle , Rolle
der Tisch der ist so volle
der Bauch der ist so leer
der brummt ja wie ein Bär
der brummt ja wie ein Brummer
wir wünschen guten Hunger.

Anschließend wird bei uns natürlich nicht gegessen, sondern applaudiert. Irgendwie wird bei seit neustem ständig applaudiert. Und gestillt. Und geschossen. Nächste Woche mehr.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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