Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

17. Oktober 2012

Tempo 30 (Folge 138): Klatschpiu

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor muss lernen, mit den neuen Marotten seiner kleinen Tochter zu leben. Was bleibt ihm auch anderes übrig, nun, da sie eine Waffe besitzt.

Drucken per Mail

Habe mich gefragt, ob ich meiner kleinen Tochter eventuell nicht jene Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringe, die Hannah ganz zweifelsohne verdient. Ich meine, Hannah ist ein so aufgewecktes und lebensfrohes Kind, dass man ihr gar nicht oft genug sagen kann, wie stolz man auf sie und fast alles ist, was sie den lieben langen Tag so treibt, außer Leberwurstbrote an die Tapete zu pappen natürlich. Oder der Zimmerpalme die Zähne zu putzen, dass es aussieht, als leide sie unter Tollwut. Und nicht zu vergessen, meinen Haustürschlüssel in der Waschmaschine zu verstecken. Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn sie den Schlüssel versteckt. Und ich kann es nicht ausstehen, nach dem Schlüssel zu suchen und dann dieses klackernde Geräusch aus dem Bad zu vernehmen. Da bin ich irgendwie eigen. 

Und wenn man das Kind auch viel zu oft über den grünen Klee lobt, habe ich mir gedacht, weil man sich in Erziehungsfragen ja ständig mit solchen Gedanken herumschlägt, statt den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Wenn ich sie zu oft lobe, habe ich gedacht, fängt sie vielleicht noch an, sich etwas darauf einzubilden. Und das mit den Allüren kommt doch wahrscheinlich ohnehin früh genug. Kommt es doch, oder? Dennoch sollte ich es wohl öfter tun, also Hannah zu loben, meine ich. Ich müsste ihr Tun einfach öfter aus tiefstem Herzen goutieren. Denn dann müsste ich jetzt wahrscheinlich nicht klatschen.

Seit Hannah Morgen für Morgen so gegen fünf an meiner Bettdecke reißt, weil sie es nicht mehr aushält, endlich in den Kindergarten gehen zu können, muss ich alles, was sie so macht, beklatschen. Und damit ist nicht halbherziges, eher beiläufiges Klatschen gemeint. Ich werde das dumme Gefühl nicht los, als ob im Kindergarten ziemlich oft und ziemlich enthusiastisch geklatscht wird, selbst bei Dingen, die eigentlich gar nicht der Rede wert sind. Ich finde das keine Art. Mir ist das irgendwie zu inflationär. Und selbst wenn ich meine Tochter jetzt dafür beklatschen würde, dass sie eine Mineralwasserflasche nicht nur schütteln, sondern auch aufdrehen oder mit ihrer Bastelschere Schnürsenkel durchtrennen kann, kann ich jetzt doch wohl kaum jedes Mal in der Tür stehen und ekstatisch applaudieren, während die Kleine auf dem Klo sitzt.

 Was kommt da als nächstes? Soll ich die Welle machen, wenn sie pupst? Oder rülpst? Bei allem Respekt davor, was sie mit ihren drei Jahren bereits zu leisten im Stande ist, aber das ist mir des Guten einfach zu viel. Da bin ich, so sehr mich dieser Gedanke auch trifft, wie sagt man: konservativ.

Zu den neuen Marotten meiner Tochter, die sie sich ebenfalls ganz zweifelsohne im Kindergarten angewöhnt hat, gehört auch, dass sie neuerdings schießt. Von kleinen Jungs weiß man, dass sie quasi mit ihrer Geburt die Finger zu einer Pistole formen und schießen können. Ich war da genau so. Und als ich etwas älter war, so fünf oder sechs vielleicht, habe ich auf Wanderungen im Urlaub mit einem maschinengewehrähnlichen Stock ganze Mittelgebirge in Schutt und Asche gelegt. Damals war noch Kalter Krieg, der Russe lauerte hinter jedem Baum und ich schoss: Tacka-tacka-tacka-tacka-tacka-tack. Da der Ostblock aber heute keine real existierende Bedrohung mehr ist, scheint auch der imaginäre Gegner auf dem Kindergartenhof kleiner geworden zu sein. Wenn Hannah schießt, klingt das zumindest eher wie Piu-piu-piu-piu-pi. Ich finde, sie sollte sich weniger mit Jungs abgeben. Dafür ist sie noch mindestens dreißig Jahre zu jung.

Hannah sollte auch nicht ihre Puppe bei jeder sich bietenden Gelegenheit stillen. Ohne ihre Puppe kann Hannah nämlich nicht mehr existieren, was vermutlich der Grund dafür ist, dass sie in größter Sorge ist, die Puppe könnte verhungern, weshalb sie sie nun unablässig stillt. Hannah muss sich das von einer der Mehrfachmütter im Kindergarten abgeguckt haben, denn von mir hat sie das nicht. Und weil mich der Anblick meiner stillenden kleinen Tochter irgendwie befremdet, habe ich es neulich gewagt, sie darauf aufmerksam zu machen, dass ihrer Puppe vermutlich mehr damit geholfen wäre, wenn Hannah ihr in ihrer Kinderküche Nudeln kocht. Oder Gemüse gart. Vielleicht ein Schnitzel brät. Was gerüchteweise auch besser schmecken soll.

Nun habe ich aber nicht mit Hannahs Weitsicht gerechnet, denn offensichtlich war sie auf meinen Einwand bestens vorbereitet. Und weil es diesem Kind nicht an der nötigen Phantasie mangelt, auf alles und jedes eine passende Antwort zu haben, was sie eindeutig von ihrer Mutter hat, wies sie mich empört darauf hin, dass aus ihren Brustwarzen mitnichten ordinäre Muttermilch heraussprudele. Es ist nämlich vielmehr so, dass Hannah die Puppe über ihre Brustwarzen wahlweise mit Schokoladenpudding, Keksen, Smartieskuchen oder Gummibärchen versorgen kann.  Da war ich doch einigermaßen sprachlos. Anschließend formte Hannah ihre kleinen Finger zu einer Pistole und forderte mich auf, den Raum zu verlassen, da ihre Puppe nun in Ruhe Kekse essen müsse. Ich hob vorsichtig die Hände und ging rückwärts aus ihrem Zimmer.

Kaum war ich aus der Tür, klatschte ich ihr enthusiastisch Beifall. Kekse aus Brustwarzen. Genial.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

Jetzt vorbestellen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Jetzt kommentieren

Video

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.