Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

24. Oktober 2012

Tempo 30 (Folge 139): Rheinleid

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor pflegt eine Art Hassliebe zu seinem Lieblingsfußballverein. Doch niemals hätte er für möglich gehalten, wie sehr er diesem Verein in Wahrheit verfallen ist.

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Habe an dieser Stelle eventuell erwähnt, dass das menschliche Wesen voller Rätsel und Überraschungen steckt. Hat sich nicht geändert. Ist immer noch so. Dieses voller Rätsel und Überraschungen steckende menschliche Wesen hat darüber hinaus, wie ich immer wieder mit Erstaunen und Erschrecken feststelle, auch rein gar nichts von seiner Faszination verloren. Das mag weder eine exklusive, noch sonderlich aktuelle Erkenntnis sein, lässt sich aber nunmal nicht leugnen. Jedenfalls ist es doch so, dass man jeden Tag Seiten an sich entdeckt, von denen man nicht einmal zu träumen wagte, dass man sie überhaupt besitzt.

Wer mir noch vor wenigen Monaten gesagt hätte, dass der Tag kommen würde, und zwar schon bald, an dem ich mit einem an Selbstverständlichkeit grenzenden Gleichmut die leidenschaftlich zerstampften, gut durchgekneteten und sorgfältig bis auf den letzten Bissen bespeichelten Essenreste meiner Tochter Hannah verdrücken würde, ohne dabei jeglichen Anflug von Ekel zu empfinden, den hätte ich doch umgehend für verrückt erklärt. Und jetzt? Jetzt mache ich das fast jeden Abend, mampfe ihre Reste gleichgültig vor mich hin, während mein angewidertes Ich von vor zwei Monaten fassungslos neben mir steht und ernsthaft an seinem Verstand zweifelt.

Andererseits lasse ich natürlich genau so Wesenszüge aufblitzen, mit denen ich schon seit geraumer Zeit mal mehr und mal weniger harmonisch koexistiere, aber deren wahre Natur und Wucht mir bislang verborgen geblieben war.

Bei mir ist es zum Beispiel so, dass mich mein Patenonkel vor vielen, vielen Jahren mit zu einem Spiel des 1. FC Köln nahm. Ich war damals ein leidlich, aber nicht sonderlich fanatisch an Fußball interessierter Sechsjähriger, und vermutlich hätte er mich zu jedem anderen Verein schleppen können, am Ergebnis hätte sich nichts geändert, ausgenommen im Fall von Borussia Mönchengladbach, Fortuna Düsseldorf, Bayer 04 Leverkusen und noch ein paar anderen. Ich sah die Kölner spielen, und nun kann nicht mehr ohne sie. So verrückt es auch ist, doch bei allem Frust, Kummer und Schmerz, bei aller Verbitterung, Wut und Enttäuschung, bei allem Leid, das ich immer wieder zu ertragen bereit bin, ich kann es einfach nicht.

"Mit den Kölnern bin ich fertig, hab ich gesagt"

Nun kam es diesen Sommer, dass mein Verein, der mich seit jeher lehrt, dass der Mensch zugleich lieben und leiden kann, abermals völlig unverdient aus der ersten Liga des deutschen Fußball abstieg und ich mir in meinem allgemeinen Frust, dem Kummer und Schmerz, in meiner Verbitterung, Wut und Enttäuschung schwor, dem Leiden ein Ende zu setzen. Sehr zur Freude meiner Freundin Sophie, der der Fußball immer fremd geblieben ist, verkündete ich, mir kein einziges Spiel in Liga zwei ansehen zu werden. Nichts, schwor ich beim Geiste Hennes Weisweilers, interessiere mich weniger als ein Heimspiel gegen Sandhausen oder etwa eine Auswärtspartie in Aue. Die letzte Kölner Meisterschaft liegt zwar noch vor meiner Geburt, aber ich habe auch meinen Stolz

Sandhausen, Aue, bitte, bei aller Liebe, habe ich eines Morgens zu Sophie gesagt, aber nicht mit mir. Es reicht, habe ich ihr gesagt, es ist genug. Mit den Kölnern bin ich fertig, habe ich ihr gesagt. Nichts auf der Welt wird mich jemals dazu bringen, auch nur einen flüchtigen Blick auf dieses unbeholfene, erbärmliche, sinnfreie Gekicke, auf diese Karikatur einer Fußballmannschaft zu werfen. Sollen sie, habe ich am Mittag zu Sophie gesagt, ruhig die gesamte Zweite Liga schwindelig spielen, interessiert mich nicht. Sollen sie, habe ich ihr am Nachmittag gesagt, kurz vor Weihnachten den Aufstieg vorzeitig klar machen, ist mir egal. Sollen sich, habe ich ihr am Abend gesagt, die Bayern und Real schon mal warm anziehen, da bin ich dabei, das wird wunderbar.

Ich habe von den bislang zehn Saisonspielen in der Zweiten Liga anschließend kein einziges verpasst. Ich habe die Niederlagen gegen Braunschweig, in Aue, gegen Cottbus und bei Union Berlin erlitten, selbst das Unentschieden gegen Sandhausen. Ich habe am Wochenende geflucht, gezetert und gekotzt, als es nach 86 Minuten in Regensburg 0:2 stand. Ich meine, in Regensburg. Ich weiß noch nicht einmal, wo genau das liegt, dieses Regensburg. Es war furchtbar, gruselig, die Karikatur der Karikatur einer Fußballmanschaft, die lächerliche Version von jämmerlich. Sie hatten ihre Chance, aber jetzt bin ich mit ihnen fertig, habe ich gerufen, ach was, ihnen entgegengeschrien, und Sophie steckte erschrocken ihren Kopf durch die Wohnzimmertür und fragte, ob ich gedenke, mir fortan keine Kölner Spieler mehr anzusehen. Niemals, brüllte ich zurück.

Noch bevor ich die Fernbedienung in den Fernsehen schleudern konnte, schossen die Kölner wie aus dem Nichts das unverdiente 1:2. Noch bevor ich auf den Wohnzimmertisch eindreschen konnte, das unverdiente 2:2, noch bevor wild gestikulierend den Raum verlassen konnte, das unverdiente 3:2. Dann war Schluss. Ich griff zu meinem Handy und schreib meinem besten Kumpel Obelix, der mit mir das selbe Kölner Schicksal teilt, eine SMS:

„Europapokal, Europapokal, Europapokal, Euroooopaapokaaaaaal!“

 

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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