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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

31. Oktober 2012

Tempo 30 (Folge 140): Mirakelhagen

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor hört von einer Geschichte über seine Heimatstadt, die erklären könnte, warum aus ihr wurde, was sie heute ist. Ob die Geschichte stimmt, ist dabei allenfalls zweitrangig. 

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Habe neulich also diese hübsche Anekdote über meine Heimatstadt Hagen erzählt bekommen, von der nur leider niemand mehr so genau weiß, wie viel Wahrheit in ihr steckt, und was alles bereits Dichtung ist. Oder ist es nicht vielmehr so, dass man es, nun ja, glücklicherweise nicht mehr weiß? Wäre doch auch schade drum. Weil das alles nämlich schon eine ganze Weile zurückliegt, so an die 70 Jahre sind es bald, und allmählich gehen einem die Zeitzeugen aus, die dieses oder jenes Detail der Geschichte bestätigen oder auch widerlegen könnten. Ist vermutlich aber auch besser so. Also nicht, dass einem die Zeitzeugen ausgehen, meine Güte, nein, sondern, dass diese Geschichte einfach das bleibt, was sie heute ist. Eine hübsche und durchaus plausible Anekdote nämlich.

Zur Erklärung sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass Hagen im Ruhrgebiet liegt, aber das nur am Rande, weshalb es im Volksmund auch das „Tor zum Sauerland“ genannt wird, weil hinter Hagen nichts mehr kommt, außer qualmenden Misthaufen und wilden Weibern natürlich. Das mag, wer noch niemals da gewesen ist, nun glauben oder auch nicht, aber Anfang der Achtziger wurden Haufen und Weiber in einer Art Post-Hagen-Hymne von Zoff, das ist eine Neue-deutsche-Welle-Band aus Iserlohn, besungen, und seitdem wird in der Region alles, was hinter Hagen liegt, als gegeben angesehen. Würde man sich die Mühe machen, von Nordwesten kommend in Richtung Hagen zu fliegen, dann käme zuerst Duisburg, dann käme Essen, dann Bochum, Dortmund, Hagen und dann ist Schluss.

Im zweiten Weltkrieg, und von dieser Zeit handelt bereits erwähnte Geschichte, war das Ruhrgebiet das industrielle Herz im nationalsozialistischen Deutschland. Und weil im Ruhrgebiet viele von den Rüstungsgütern hergestellt wurden, mit denen die Wehrmacht Krieg führte, war es den Alliierten ein dringendes Anliegen, möglichst viele der Fabriken möglichst vollständig zu zerstören. Nacht für Nacht also flogen die Alliierten von Westen kommend über das Ruhrgebiet hinweg und warfen ihre Bomben ab. Hatten sie aber Dortmund erreicht, sahen sie vor sich nur noch eine einzige Stadt und danach allein das Dunkel der Nacht. Und weil sie die vielen Bomben nunmal gerade dabei hatten, schmissen sie alles, was noch übrig war, über Hagen von Bord, weil es ja dahinter nichts mehr zu bombardieren gab.

So kam es, zumindest endet so die Anekdote über Hagen, dass meine Heimatstadt im zweiten Weltkrieg ziemlich wahllos zerstört wurde, was das heutige Stadtbild nachhaltig prägen sollte. Denn als es darum ging, das völlig ruinierte Ruhrgebiet wieder aufzubauen, müssen die besten Architekten der Region ihre Azubis oder die Putzfrau nach Hagen geschickt haben, denn anders lassen sich die architektonischen Offenbarungseide, die sie hinterließen, nicht erklären. Man kann es drehen und wenden wie man will, aber zu der Zeit, in der ich in Hagen aufgewachsen bin, konnte man die Stadt nicht unbedingt als eine Perle bezeichnen. Es soll sogar Menschen geben, die in tiefe Depressionen verfielen, als sie zum ersten Mal in den Hagener Hauptbahnhof einfuhren. Von denen, die dort ausstiegen, ganz zu schweigen.

Es gibt zudem Menschen, zumindest gab es sie, und ich zähle definitiv dazu, für die gehörten zu den größten Glücksmomenten in ihrem Leben exakt zwei Ereignisse. Das erste hängt zwangsläufig mit dem Tag zusammen, der das Erreichen der gesetzlichen Volljährigkeit markiert, und an dem einen der mit Mühe und Not erworbene Führerschein dazu berechtigt, ein Kraftfahrzeug nicht nur zu steuern, sondern es auch aus Hagen herauszufahren. Das zweite Ereignis kündigte sich durch einen, in einem unscheinbaren Umschlag mit Sichtfenster verschickten Brief an, der mich zum Studium an einer auswärtigen Universität berechtigte. Hagen ist übrigens auch eine Unistadt und Hagen wäre anders, wenn es dort Studenten gäbe. Gibt es aber nicht. In Hagen steht nämlich eine Fernuniversität. Böse Menschen, Menschen wie ich, behaupten, sie wüssten warum.

In Hagen gab es zum Beispiel auch keine Diskothek, nur eine Tanzschule, die einmal in der Woche einen Diskoabend veranstaltete, und dort durfte nur hin, wer zuvor mindestens einen Tanzkurs belegt hatte, wobei Foxtrott für einen Fünfzehnjährigen die größtmögliche Demütigung ist. Im Zentrum von Hagen gab es auch einen Brunnen, der so etwas wie ein Wahrzeichen war, und der Brunnen war grau. Und als in Hagen das Sparkassen-Hochhaus gesprengt werden sollte, ein in einem undefinierbaren Grün gehaltener Bau, da versagt in den ersten Versuchen die Zündung, und man konnte den Eindruck gewinnen, als hätte sich diese Stadt so sehr in ihr Schicksal gefügt, dass sie sich ihren Anblick unbedingt bewahren wollte.

Das Schöne an Hagen nämlich ist, dass man jede Stadt, egal in welche man auch kommt, zwangsläufig toll findet. Dass man sich an ihren Altstädten erfreut, in ihren Grünanlagen entspannt oder an ihren Uferpromenaden flaniert, mit Ausnahme von Offenbach vielleicht. Das Seltsame an Hagen jedoch ist, dass ich in die Stadt, von der ich nicht erwarten konnte, endlich aus ihr raus zu kommen, plötzlich zurück will.

 

Nächste Woche mehr.

 

 

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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