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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

07. November 2012

Tempo 30 (Folge 141): Zurückwollen

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor weiß nun, warum es wieder zurück in seine alte Heimat zieht, und warum Til Schweiger sich die Sache auch noch mal durch den Kopf gehen lassen sollte. 

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Habe also nun tatsächlich diese sentimentale Sehnsucht nach meiner Heimatstadt Hagen. Schwer zu glauben eigentlich, aber nunmal wahr. Ich will da wirklich wieder hin. Also so richtig wieder hin. Und das ist jetzt keine verträumte Schwärmerei, keine vorübergehende Laune, kein Spleen, nichts, was man vielleicht als eine momentane Marotte abtun könnte. Es ist tatsächlich so, dass ich allen Ernstes mit dem Gedanken spiele, meine Sachen zu packen (und die meiner Freundin Sophie und die meiner Tochter Hannah gleich mit) und wieder nach Hagen zu ziehen. In das „Tausend-Orte-die-man-nicht-gesehen-haben-muss-bevor-man-stirbt-“ Hagen. Wer hätte das gedacht? 

Ich jedenfalls bestimmt nicht. Hätte man mich vor einigen Jahren gefragt, ob ich mir eventuell, also unter gewissen Umständen, womöglich, vielleicht, mutmaßlich vorstellen könnte, gegebenenfalls mit dem Gedanken zu spielen, in Erwägung zu ziehen, eines Tages nach Hagen zurückzukehren, ich hätte nicht eine Sekunde nachdenken müssen und unter ehrlichem Protest verneint. Ich wollte nie zurück. Um ehrlich zu sein, war ich doch froh, dass ich da weg war. Hagen war mir zu klein, zu provinziell, zu abgewirtschaftet, zu langweilig. Viele meiner Freunde waren auch längst weg oder in Begriff zu gehen, und es war höchste Zeit, bei der erstbesten Gelegenheit den Absprung zu schaffen 

Nun aber werde ich langsam alt. Wenn man sein dreißigstes Lebensjahr gegen seinen ausdrücklichen Willen erst einmal vollendet hat, dann beginnt man sich zwangsläufig die Frage zu stellen, was man mit dem Rest seines Lebens anzufangen gedenkt. Viel bleibt ja nun nicht mehr, und während einen dieser Gedanke kräftig runterzieht, verändert sich heimlich, still und leise der Blick auf die Dinge. Das ist in gewisser Weise natürlich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, weil man es so recht gar nicht bemerkt und man eventuell noch hätte einschreiten können. Man es hätte doch noch verhindern können, denkt man sich und zack, wie aus heiterem Himmel: Hagen: toll, hessische Bankenmetropole mit neun Buchstaben: blöd. 

Seitdem hadere ich, zaudere, verbringe Stunden am Computer, treibe in sozialen Netzwerken alte Freunde und Bekannte auf, die in Hagen wohnen, fahre zum Bahnhof, kaufe mir eine Hagener Zeitung, blättere in alten Fotoalben, höre Musik, die ich früher immer gehört habe und Sophies Stimme, die mich wieder zur Vernunft bringen will. Denn Sophie will gar nicht weg. Unter keinen Umständen will sie weg. Sie will hierbleiben, sie will dieses Gejammer, dieses „Ich will zurück, bitte, bitte, lass uns zurück nach Hagen gehen“ nicht mehr hören. Sie will ihre Ruhe, sie will in Ruhe hier mit mir leben und mit Hannah, sie kann sich gar nichts anderes vorstellen. Ich schon.

Das Problem ist, dass man plötzlich Seiten an seiner alten Heimat entdeckt, die einem zuvor verborgen geblieben sind. Zum Beispiel möchte der bodenständige Spießer in mir in ein paar Jahren in einem hübschen Einfamilienhaus mit großem Grundstück leben. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem einem schmerzlich bewusst wird, dass die eigenen Einkommensverhältnisse, die einem so schlecht gar nicht vorgekommen sind, bei weitem nicht ausreichen, um sich diesen Traum in seiner angesagten deutschen Großstadt zu erfüllen. Allein mit dem Geld, dass wir hier in einem der von Fluglärm malträtierten Problemviertel an Maklercourtage für ein winziges, sanierungsbedürftiges Reihenmittelhaus mit handtuchbreitem Gartenanteil berappen müssten, könnten wir uns in Hagen ein Haus leisten, da müsste ich zum joggen nicht mal das eigene Grundstück verlassen.

Und die alten Freunde leben mittlerweile ja auch wieder in Hagen. Sind fast alle zurückgekommen, fühlen sich da pudelwohl und wissen auf einmal Vorzüge zu schätzen, für die sie sich früher selbst geohrfeigt hätten. Es gibt jetzt eine Einkaufspassage und bald eine zweite, höre ich sie sagen. Es gibt sogar eine Diskothek, sagen sie, sagen, dass es zwar angeblich kein Geld gibt, aber überall wird gebaut und dass das alles mit früher nicht zu vergleichen ist, auch wenn der Brunnen im Zentrum immer noch grau ist. In Hagen, sagen sie, ist es doch auch schön. Und das stimmt. Hagen ist eigentlich ein verdammt gutes Pflaster. 

Neulich war ich mit Sophie im Kino. Sie brauchte zwei Stunden Ruhe, in denen nicht von Hagen die Rede war, was aber nicht ganz richtig ist, denn sie brauchte, entgegen ihrem Naturell, zwei Stunden Krach, weshalb wir „Schutzengel“ mit Til Schweiger sahen. Seit Schweiger seine Filme in angesagten deutschen Großstädten dreht, sind die Filme scheiße. Als er noch in Hagen drehte, war Schweiger Kult, die Ikone einer ganzen Bewegung, wenn man so will. Heute machen sich die meisten Leute über ihn nur noch lustig

Demnächst werde ich mir mit Sophie „Manta, Manta“ ansehen. Wenn sie das nicht überzeugt, weiß ich wenigstens, warum ich vielleicht doch nicht zurück will.

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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