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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

14. November 2012

Tempo 30 (Folge 142): Überkind

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist natürlich wahnsinnig stolz auf seine kleine Tochter, auch wenn sie bisweilen ein ziemlich durchtriebenes Biest sein kein.

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Habe meine kleine Tochter schon immer für ziemlich gerissen gehalten. Anfangs ist man natürlich ziemlich perplex, wie hinterhältig, berechnend und auch manipulativ Kinder bereits im zarten Alter von drei Jahren sein können, weil man prinzipiell natürlich an das Gute im Menschen glaubt und deshalb in gewisser Weise fürchterlich naiv ist. Zum Beispiel habe ich wirklich eine ganze Zeit lang felsenfest daran geglaubt, dass Hannah mit mir wirklich Verstecken spielen wollte. Doch dann fängt man langsam an zu zweifeln, während man bereits eine geschlagene halbe Stunde lang in der Truhe mit der schmutzigen Wäsche kauert und einem die Knochen langsam steif werden, und es in der Wohnung noch immer verdächtig still ist, zumindest viel zu still angesichts der Tatsache, dass das kleine Mädchen einen mittlerweile doch wohl schrecklich vermissen müsste.

Hannah jedenfalls hat die Zeit dazu genutzt, eine angebrochene Tafel Schokolade zu verputzten, die Sophie am Abend zuvor hatte auf dem Wohnzimmertisch liegen gelassen hat. Mir war die Schokolade gar nicht aufgefallen, nachdem ich Hannah aus dem Kindergarten abgeholt hatte, aber Hannah, der wirklich nichts entgeht (was einen mitunter in hochnotpeinliche Situationen bringen kann, aber das ist eine andere Geschichte), hatte sie natürlich sofort entdeckt. Vor ein paar Monaten noch hätte sie nach meiner Hand gegriffen, mich zum Wohnzimmertisch gezerrt und hätte mich regelrecht angefleht, in die Schokolade beißen zu dürfen, weil sie doch völlig unterzuckert war. Doch weil sie die Antwort mittlerweile kennt, versuchte sie, nachdem sie die Schokolade erspäht hatte, mich außer Reichweite zu bringen. Ich gebe zu, dass ich wirklich stolz auf mein Versteck war.

Irgendwann hört man dann auf, sich zu wundern und akzeptiert das hinterhältige Biest, das in der mitunter so unschuldig dreinblickenden Hannah steckt, auch wenn einen diese Erkenntnis nicht unbedingt vor Stolz platzen lässt. Die Nummer aber, die Hannah neulich beim Kinderarzt abgezogen hat, war zweifelsohne ihr bisheriges Meisterstück.

Zu den Dingen, die jungen Eltern zwangsweise auferlegt werden, gehört der regelmäßige Besuch beim Kinderarzt, auf dass dieser sich von der einigermaßen normal verlaufenden Entwicklung des Kindes überzeugen kann. Bei diesen Untersuchungen werden die Kinder anfangs lediglich vermessen, gewogen und abgetastet, weil sie noch nicht mehr auf dem Kasten haben, als in der Gegend herumzuliegen und an die Decke zu starren, was irgendwie auch eine schöne Zeit war. Mittlerweile aber geht es vornehmlich darum, mit Hannah zu protzen und zwar nicht zu schlecht. Zum Wesen junger Eltern gehört eine gewissen Glorifizierung des eigenen Kindes, das selbstverständlich das allertollste Kind von allen ist, klüger und geschickter als der Rest, ihm in seinem ganzen Wesen hochüberlegen, und natürlich darf jeder das gerne sehen.

Entsprechend konnte ich es kaum erwarten, mit Hannah zu dem Kinderarzt zu gehen, auf dass dieser mir bestätige, was ich schon immer wusste. Dass Hannah nämlich viel weiter ist, als Kinder das in ihrem Alter normalerweise sind, dass sie besser sprechen, malen, springen, balancieren und was weiß ich noch alles kann. Und dann machte Hannah nichts. Sie sprach nicht, und um ihren Unwillen zu demonstrieren, hielt sie sich beide Hände vor den Mund. Sie malte auch nicht, sondern schleudert den Stift durch das Behandlungszimmer. Als sie hüpfen sollte, schmiss sie sich auf den Boden und weinte, als sie, als Kompromiss sozusagen, ihre linke Hand zeigen sollte, zeigte sie die rechte. Sie wollte sich nicht messen lassen und nicht wiegen – und dann war sie am Ziel. Der Arzt öffnete seine Schreibtischschublade und dann ein Glas mit Gummibärchen.

Für ein gelbes Gummibärchen erbarmte sich Hannah immerhin bis fünf zu zählen, obwohl sie zwei, dreizehn, siebzehn und acht sagte. Für ein weißes Gummibärchen sollte sie auf ihre Ohren, Nase und den Mund zeigen, und zeigte auf Nase, Bauch und Knie. Für ein orangenes Gummibärchen sollte sie ihren Namen sagen, erst sagte sie „Weiß nicht“ und dann sagte sie „Papa“. Ich stand daneben, zunehmend verzweifelt, während mich der Arzt versuchte zu beruhigen. Er sagte, dass mir keinen Kopf machen sollte, dass es Kinder gebe, die schneller lernten und andere, die eben etwas langsamer sind. Und dass ich es nicht all zu schwer nehmen sollte, weil sie nicht einmal die gängigen Grundfarben kenne, das sei alles kein Beinbruch. Dann steckte er seine Hand erneut in das Glas mit den Gummibärchen und hielt Hannah zwei hin, damit sie einmal tief einatmete und er sie abhören konnte.

„Du darfst aber nur noch das grüne haben“, höre ich mich streng sagen, während ich selbst kaum glauben kann, wie hinterhältig ich bin, während Hannah zielsicher nach dem grünen greift.

 Ich bin so verdammt stolz auf sie. 

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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