Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

21. November 2012

Tempo 30 (Folge 143): Kackotod

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor versucht seiner Tochter zu erklären, was mit jenen passiert, die eines Tages nicht mehr sind und erfährt ganz nebenbei, dass, wer in den Himmel kommt, nicht zwingend im Himmel bleiben muss.

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Habe an einem dieser nasskalten Novembertage, die es nie und nimmer geben würde, hätte der liebe Gott nicht einst in Aktien einiger namhafter Pharmaunternehmen investiert, die hohe Renditen vornehmlich durch den Verkauf von Antidepressiva erzielen, mit meiner kleinen Tochter über die großen philosophischen Fragen des Lebens gesprochen. Das kam übrigens so. Immer, wenn es viel zu nass und auch zu kalt ist, um auf den Spielplatz zu gehen, will Hannah, dass ich mich mit ihr auf die Couch setze und aus dem „Kackofanten“ vorlese. Und ehe man sich versieht, fühlt man sich plötzlich genötigt, Dinge zu erklären, für die man eigentlich noch nach dem richtigen Augenblick sucht.

Der Kackofant ist ein gutmütiger Dickhäuter mit einem lustigen Klopapierrollenrüssel und einer weitestgehend tadelloser Verdauung, der die Probleme der Menschen dadurch zu lösen pflegt, in dem er sie relativ kompromisslos zuscheißt. In einer Szene zum Beispiel stehen einige, von der Gesamtsituation sichtlich überforderte Feuerwehrmänner vor einem brennenden Schulgebäude. Der Kackofant tritt von der Seite ins Bild und löscht das Flammeninferno mittels eines stattlichen Haufens. Darunter steht noch ein kurzer Reim. Das kann man jetzt brüllend komisch finden oder auch nicht, aber den Humor meiner Tochter trifft das eigentlich ziemlich genau.

Nun gibt es in dem Buch vom Kackofanten aber auch jene Szene, in der der Titelheld vor einer Wildwest-Kulisse einem nicht gerade freundlich dreinblickenden Männchen mit Cowboyhut gegenübersteht, das dem Kackofanten – was immer zwischen den beiden letztlich auch vorgefallen sein mag – ganz offensichtlich nach dem Leben trachtet, das Duell aber am Ende dann doch mit dem eigenen bezahlt. Nicht ganz überraschend ereilt es dabei dasselbe Schicksal wie das brennende Schulgebäude, da den Kackofanten, wie bereits erwähnt, eine unbarmherzige Konsequenz auszeichnet, er in seinem Wirken aber leider auch herzlich unkreativ ist, was Hannah allerdings nicht im geringsten stört.

Normalerweise blättere ich an dieser Stelle zügig weiter, nachdem sich Hannah von einem veritablen Lachanfall wieder einigermaßen erholt hat, doch an diesem Tag wollte sie allen Ernstes von mir wissen, was genau mit dem kleinen Cowboy passiere, nachdem er von dem Kackofanten, O-Ton, „totgekackt“ wurde, was ganz bestimmt nicht die schönste Art ist, zu streben, immer vorausgesetzt, dass es die überhaupt gibt. Bis dahin hatte Hannah sich noch mit der Tatsache abgefunden, dass alles, was auf dem Boden liegt und sich nicht rührt, auch nicht mehr lebt, ohne dass sie sich darüber hinaus tiefergehende Gedanken gemacht hätte.

Da sie mit ihren drei Jahren aber nun offensichtlich felsenfest davon ausgeht, dass der Tod wohl kaum das Ende sein kann, war es nur folgerichtig, ihr eine dem christlichen Glauben folgende Erklärung zu bieten. Also sagte ich ihr, dass, wer tot sei, in den Himmel käme und prompt wollte Hannah da auch hin. Sie hat mir nicht verraten warum und was sie genau dort wollte, und es war auch nicht so, als ob ich ihr den Himmel jetzt unbedingt schmackhaft gemacht hätte, von wegen Gratisgummibärchen und so. Trotzdem kündigte Hannah vollmundig an, demnächst in den Himmel fliegen zu wollen, weil sie dort wohl das Paradies vermutete, was sie lapidar mit den Worten kommentierte: „Pech gehabt, dann habt ihr keine Hannah mehr.“

Hannah war einfach nicht von ihrem Vorhaben abzubringen, bis ich ihr einige Tage später mitteilte, dass ich keineswegs die Absicht hätte, sie auf ihrem Flug zu begleiten. Hannah hätte das vermutlich noch einigermaßen verkraften können, aber als auch Sophie ihr wenig später sagte, dass sie ebenfalls auf der Erde bliebe, sah sich Hannah mit der Aussicht konfrontiert, ohne Papa und auch ohne Mama in den Himmel zu fliegen, was ihren Enthusiasmus doch spürbar bremste. Erschwert wurde die Sache durch meinen Einwand, dass, wer einmal im Himmel sei, für gewöhnlich auch im Himmel bleibe, und in diesem Moment kippte die Stimmung. Hannah wollte nun nicht mehr in den Himmel fliegen, schon gar nicht alleine, und da sie in Gedanken schon auf halbem Weg war, sah sie mich plötzlich streng an:

„Papa? Wie kann ich landen.“

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. 

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