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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

28. November 2012

Tempo 30 (Folge 144): Nachtwette

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor folgt seiner Tochter neuerdings auf Schritt und Tritt, um bloß nicht zu verpassen, welche ihrer Besitztümer die Kleine gerade besonders bevorzugt behandelt.

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Habe angefangen, mit Sophie zu wetten. Seit Hannah, unsere Tochter, unser Leben gehörig auf den Kopf stellt und dabei nicht unbedingt den Eindruck erweckt, als würde sie in naher Zukunft damit aufhören, ist Zeit ein teures Gut geworden. Und wir reden hier ausschließlich von Zeit, in denen jeder von uns einfach das machen kann, wozu er gerade Lust hat. Auf dem Sofa fläzen und irgendwelchen sinnlosen Mist im Fernsehen glotzen zum Beispiel und das allein aus dem einfachen Grund, weil man es kann. Weil man es kann und kein hyperaktiver laufender Meter einem mit seiner, das Gehirn zu einer weichen Suppe zerkochenden, nervtötenden Quengelstimme in den Ohren hängt, wahlweise puzzeln, malen oder verstecken spielen will, und seinen Willen insofern zielsicher durchdrückt, als dass es einen kurzerhand als Trampolin zweckentfremdet.

Das mit der Zeit, ist bei uns wie in jeder halbwegs funktionierenden Marktwirtschaft. Was immer seltener wird, wird zwangsläufig auch immer wertvoller. Und um so wertvoller etwas wird, um so kreativer wird offenbar der Mensch, um es zu bekommen. Früher haben wir jedenfalls noch ganz ordinär Schere-Stein-Papier gespielt, und wer zuerst zweimal verloren hatte, hatte Hannah zu bespaßen, während der andere seine Zeit ohne schlechtes Gewissen verplempern konnte. Aber dann bin ich eines Tages dahintergekommen, dass Sophie bei Schere-Stein-Papier am Anfang immer Schere nimmt, dann meistens Stein, und wenn nicht, dann spätestens beim dritten Mal, weshalb sie das Spiel kurzerhand als Entscheidungshilfe absetzte, während ich mich auf dem Sofa bereits häuslich eingerichtet hatte.

Neuerdings wetten wir also. Das funktioniert folgendermaßen: Wer mindestens zwei von den Dingen nennen kann, die Hannah mit in unser Bett schleppt, wenn sie nachts keine Lust mehr hat, alleine in ihrem Zimmer zu schlafen, der gewinnt. Diese Wetten hätten wir damals, als wir unsere Zeit noch mit Schere-Stein-Papier verzockten, gar nicht machen können, da Hannah eine ganze Weile zielsicher nur ihre Puppe mit in unser Bett brachte. Damals war sie auch noch nicht bereit, einfach aufzuwachen, aufzustehen, durch die nächtliche Wohnung zu tapern und sich zwischen uns zu legen. Damals wachte sie auf, schrie sich die Seele aus dem Leib und zwar so lange und leidenschaftlich, bis Sophie sich erbarmte, sie zu holen, nachdem wir uns mittels Schere-Stein-Papier darauf geeinigt hatten, dass sie diejenige welche sein würde.

Damals, Hannah muss vielleicht anderthalb gewesen sein – jetzt ist sie drei – hatte das kleine Mädchen noch keine so rechte Vorstellung von der Kategorie Besitz. Sie hatte zwar schon damals so ihre Schwierigkeiten damit, zu teilen, was sich aber grundsätzlich auf alle Dinge bezog, die sie haben wollte, ganz gleich, ob sie ihr auch tatsächlich gehörten oder nicht. Hannah konnte da schon immer sehr vehement sein und, was nun nicht wirklich überraschen mag, wenn man die Geschichte mit dem Elterntrampolin kennt, auch relativ resolut. Mittlerweile aber hat sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ihr alles gehört, und seitdem ist sie offensichtlich zutiefst beunruhigt, dass ihr irgendwer die Sachen wieder wegnehmen könnte. Vor allem nachts.

Also fing Hannah eines Nachts damit an, die Sachen, die ihr gerade besonders am Herzen liegen, und deshalb als besonders unverzichtbar zu gelten haben, mit in unser Bett zu schleppen, nicht, dass sie am nächsten Morgen verschwunden waren. Und da Hannah ihre Begeisterung für gewisse Dinge in regelmäßigen Abständen ganz plötzlich ändert, muss man schon höllisch aufpassen, um nicht zu verpassen, was bei ihr gerade ziemlich angesagt ist und was nicht. Ansonsten wundert man sich nämlich und ärgert sich sogar ein bisschen, wenn sie irgendwann vor dem Bett steht und eine Gießkanne, ein Paar Plüschohren und einen Kopfsalat aus ihrem Kaufmannsladen dabei hat, wobei man doch zielsicher auf den Dinosaurier, das Xylophon und die Haarspange gewettet hatte.

Es gab auch schon Nächte, da klemmte sich Hannah sämtliche ihrer Malblöcke unter den Arm, Nächte in denen sie den Salzstreuer aus der Kinderküche mitbrachte, Nächte, in denen sie nicht ohne ihre kleinen Ski sein wollte. Es gab auch schon Nächte, in denen mich weniger erstaunte, was Hannah alles dabei hatte, sondern mich vielmehr die Frage nicht mehr einschlafen ließ, wie in Herrgottsnamen diese kleine Person in der Lage war, das alles zu transportieren. Ich meine, so ein Bobbycar ist ganz schön schwer, so eine Murmelbahn ganz schön unhandlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass es in der Wohnung stockdunkel ist. Ich warte bereits auf die Nacht, in der Hannah anfängt, in ihrem Zimmer ihren kleinen Rucksack zu packen. Es würde die Spannung zumindest zusätzlich erhöhen.

Man mag jetzt diese nächtlichen Wetten für ziemlich kindisch halten, meinetwegen. Aber früher wusste ich nicht so viel über mein Kind.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. 

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