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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

05. Dezember 2012

Tempo 30 (Folge 145): Erziehungsmaschine

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor gehört nicht unbedingt zu den geduldigsten Menschen, was sich vor allem immer zielsicher dann als Schwachstelle erweist, wenn die Dinge nicht so nach seinem Willen laufen.

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Habe keine Lust mehr auf Erziehung. Also die Tätigkeit als solche, meine ich. Macht mir einfach keinen Spaß, wobei, wenn es doch nur das wäre. Erziehung hängt mir zum Hals raus, das ist die Wahrheit, ich kann gar nicht sagen, wie sehr sie es tut. Obwohl, stimmt gar nicht, ich kann natürlich schon sagen, wie sehr.

Erziehung hängt mir so sehr zum Hals raus, wie plötzlich kein Internet mehr, obwohl es gerade noch da war, voller Empfang, gerade eben noch. Aber nein, selbstverständlich geht in dem Augenblick nichts mehr, in dem man ein einziges Mal am Tag eine wirklich wichtige E-Mail schreiben muss. Die anderen Mails waren alle Banane, da hätte der Router ruhig Mittagspause machen können, aber diese ignorante Kiste ist an Boshaftigkeit wirklich nicht zu überbieten. Und dann anschließend stundenlang in der Service-Hotline festhängen, während einen das Gedudel um den Verstand bringt, nur um am Ende von so einer neunmalklugen IT-Leuchte den super brandheißen Geheimtipp gesteckt zu bekommen, dass man einfach den Router ein- und wieder ausschalten soll. Das habe ich immerhin noch so gerade eben geschafft, zu allem anderen wäre ich nach der Warteschleifengehirnwäsche ohnehin nicht mehr fähig gewesen.

Erziehung hängt mir so sehr zum Hals raus, wie Fahrkartenautomaten, die Euromünzen beharrlich wieder ausspucken, als hätten sie keine Almosen nötig, diese arroganten Schnösel. Als wären sie etwas besseres, größer, breiter, härter, als wollten sie sagen, ich nehme schon lange kein Kleingeld mehr, haste nicht einen Schein. Aber wenn man sie dann mit einem Fünfer füttert, ist es ihnen auch wieder nicht recht. Dann motzen sie nur rum, was so ein gequältes, krächzendes Geräusch macht, bevor sie einem den Schein regelrecht vor die Füße rotzen. Unter einem Zwanziger machen es Fahrscheinautomaten heute nicht mehr, weshalb man gleich drei U-Bahnen verpasst, um dann in der U-Bahn ohne Fahrkarte erwischt zu werden, weil man irgendwann völlig entnervt einfach eingestiegen ist und nun 60 Euro zahlen soll. 60 Euro, und ja keine Münzen. Und versuchen sie bloß nicht den Kontrolleuren mit irgendeiner „Der-Automat-hat-mein-Geld-nicht angenommen“-Geschichte um die Ecke zu kommen, da sind sie ganz allergisch.

Fahrkartenautomaten sind die böse Schwester von unserem W-Lan-Router. Und der ist der hässliche Bruder von unserer Waschmaschine, die wirklich einen an der Trommel hat. 

Mir hängt Erziehung so sehr zum Hals raus, wie den Lieblingspyjama in der Wäschetruhe vergessen, und das nächste Mal ist wieder bunte Wäsche dran, und weiße erste wieder nächsten Samstag, was nicht weiter schlimm wäre, wenn man mehrere Pyjamas besitzen würde, so wie Sophie, meine Freundin. Aber weil man nur diesen einen hat, weil er wie maßgeschneidert sitzt, weil die Farbe gefällt, und weil er sogar ein Schnäppchen war und man damit völlig zufrieden ist, dass man gar keinen anderen Pyjama mehr anziehen möchte, stopft man ihn dann doch in die Maschine mit der Buntwäsche. Was ja auch kein Problem gewesen ist, als das enge weiße Hemd oder die löchrigen weißen Sportsocken mit in der Buntwäsche waren, aber jetzt ist der Pyjama natürlich rosa, weil die Wachmaschine mich quälen, weil sie mich leiden sehen will, was auch immer ich ihr getan habe, dass sie zu so einer Gemeinheit fähig ist.

Wie soll man dann da erziehen?

Wie?

Welches Kind lässt sich schon von einem Vater in einem rosa Pyjama etwas sagen. Welches? Keines. Genau! Und meine Tochter erst recht nicht. Meine Tochter liebt rosa, alles muss rosa sein. Wenn sie vor der rosafarbenen Tapete in ihrem Kinderzimmer steht, erkennt man sie schon gar nicht mehr, als wäre sie ein Chamäleon. Und seit ich einen rosafarbenen Pyjama trage, so wie sie einen trägt, glaubt Hannah, ich hätte ihr gar nichts mehr zu sagen, weil wir ja nun gewissermaßen gleichberechtigt sind.  

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, erscheint am 10. Dezember im Aufbau Verlag.

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Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. 

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