kalaydo.de Anzeigen

Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

12. Dezember 2012

Tempo 30 (Folge 146): Hörkeks

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor versucht geradezu alles, um bei seiner Tochter ein offenes Ohr zu finden. Aber in Erziehungsfragen wird er von seinem Kind nach wie vor beharrlich ignoriert

Drucken per Mail

Habe mir überlegt, dass es doch ungemein praktisch wäre, wenn so ein Kind, sobald es denn dann endlich auf der Welt ist, bereits vollständig erzogen wäre. Also mit guten Manieren, höflichen Umgangsformen, womöglich sogar mit einem offenen Ohr für den ein oder anderen praktischen, gut gemeinten und mit Blick auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit enorm hilfreichen Hinweis seiner Eltern. Das muss doch evolutionstechnisch möglich sein, oder nicht? Ich meine, so ein Kind ist doch auch schon vollständig zusammengebaut, wenn es auf die Welt kommt, alles sitzt am richtigen Fleck, nichts wackelt oder quietscht oder sieht irgendwie gebraucht oder lieblos zusammengeschustert aus.

Neulich habe ich zu Sophie, meiner Freundin, gesagt, dass ich es viel lieber hätte, wenn unsere Tochter Hannah bereits vollständig erzogen wäre, viel lieber wäre mir das, als dass sie vollständig zusammengebaut ist. Wenn ich vor der Geburt wählen müsste, habe ich gesagt, würde ich mich auf jeden Fall für ein vollständig erzogenes statt für ein vollständig zusammengebautes Kind entscheiden. Erziehung, ich habe das vor nicht all zu langer Zeit an dieser Stelle möglicherweise in einem Halbsatz durchblicken lasse, ist nämlich nicht so mein Ding. Sophie aber hat mich nur lange und stumm angesehen und meine ungeteilte Aufmerksamkeit dann auf die Stelle gelenkt, an der ich versucht habe einen Bilderrahmen aufzuhängen, weshalb es zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer nun einen Durchbruch gibt.

„Ehrlich gesagt, möchte ich nicht wissen, wie Hannah aussehen würde, wenn ausgerechnet du sie zusammengebaut hättest“, hat Sophie gesagt. Ich bin, man kann das ruhig so offen aussprechen, nicht unbedingt handwerklich begabt.

In Erziehung bin ich mittlerweile aber an einem Punkt, an dem ich mich allen Ernstes frage, ob noch der Tag kommen wird, an dem Hannah sich das, was ihr so an guten Ratschlägen mit auf den Weg gebe, wirklich zu Herzen nehmen wird. Oder ob es bei dem einen Mal bleibt, als sie vor knapp zwei Jahren tatsächlich einen steinharten Weihnachtskeks, den sie hinter der Wohnzimmercouch gefunden hatte, wieder ausgespuckte, nachdem ich ihr so eindringlich wie möglich zu verstehen gegeben habe, dass ihr just jener Keks vermutlich für alle Zeiten die Lust an Keksen nehmen würde. Hannah ist mittlerweile übrigens drei, und seit sie in aufwendiger Recherche ermittelt hat, wo sich in der Wohnung die Kekse befinden und sie darüber hinaus mittlerweile sämtliche Verstecke selbst zu öffnen oder notfalls in waghalsigen Aktionen zu erklettern versteht, ist sie herzlich wenig an meiner Meinung in Bezug auf übermäßigen Kekskonsum interessiert.

Ich will es ihr auch nicht verbieten. Ich hasse es, Dinge verbieten zu müssen. Das geht mir auf den... na ja, lassen wir das. Ich möchte mit Argumenten überzeugen, aber irgendwie funktioniert das nicht. Für Argumente ist dieses Kind einfach nicht empfänglich. Ich habe es tatsächlich lange Zeit mit reiner Überzeugungsarbeit versucht. Ich habe meiner Tochter in epischen Monologen zu erklären versucht, warum es der Natur des Menschen widerspricht, sich ausschließlich und allein von Keksen zu ernähren und dass sie vermutlich schwere körperliche Schäden davontragen würde, wenn sie es dennoch täte, vom Verlust ihrer beneidenswert strahlend weißen Zähne angefangen –was doch ein Jammer wäre, nachdem jemand sie so formvollendet und akkurat aneinandergereiht in ihren Kiefer geschraubt hatte, dass man glatt blass werden könnte vor Neid. Ich habe ihr von biochemischen Prozessen erzählt, die ausufernder Keksverzehr in ihrem kleinen Körper in Gang setzen würde und von den fatalen Folgen, aber es hat sie nicht die Bohne interessiert.

Anschließend habe ich es mit Sarkasmus probiert. Immer, wenn ich in meinem Leben nicht mehr weiterkomme, flüchte ich mich in Ironie und Sarkasmus, aber gegen beides scheint Hannah irgendwie immun. Ich habe Hannah gesagt, sie solle ruhig noch einen Keks nehmen, nimm dir ruhig noch einen Keks, habe ich gesagt, du siehst ja völlig unterzuckert aus, armes Kind. Ich habe ihr gesagt, dass sie gerne so viele von den Keksen essen kann, wie sie nur will, und dass ich schon einmal den Kran bestellen würde, der sie nach dem Abitur aus dem vierten Stock hieven würde, da sie dann bestimmt studieren wollte, vielleicht irgendwas mit Ernährungswissenschaften. Da könne sie dann als leuchtendes Beispiel vorangehen, oder sich auf einem Gabelstapler voranfahren lassen, aber Hannah hat nicht einmal müde gegrinst und Kekse gefuttert.

Nun, da Hannah ein Faible dafür entwickelt hat, mit mir im Spiel die Rollen zu tauschen – sie ist dann die Erziehungsberechtigte und ich ihr Schutzbefohlener – habe ich mir etwas neues ausgedacht. Ich probiere es jetzt mit Hintertürerziehung.

Nächste Woche mehr.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist im Aufbau Verlag erschienen.

Jetzt bestellen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Jetzt kommentieren

Video

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.