Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

19. Dezember 2012

Tempo 30 (Folge 147): Hintertürpädagogik

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor modifiziert einen dieser Momente, in denen das Kind am glücklichsten wirkt, wenn man sich kräftig zum Affen macht und hofft auf die heilsamen Kräfte, die seine Vorstellung haben könnten.

Drucken per Mail

Habe es natürlich nicht getan. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, es zu tun, nicht einmal eine Sekunde lang, nein, nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde, was zugleich ziemlich genau jenen Zeitraum beschreibt, den meine kleine Tochter Hannah neulich allerhöchstens benötigte, um ihren Hemdkragen blitzartig bis knapp über den Bauchnabel zu ziehen und mir ihr rechte Brustwarze unter die Nase zu halten. So ernst, wie sie mich in diesem Moment angesehen hat, hat sie es wohl auch gemeint, also... sie wollte wirklich... dass ich... bei ihr... weil ich doch so geweint habe, fürchterlich geweint... da hat Hannah sich eben gedacht, sie könnte doch... ich könnte doch bei ihr... von ihr... an ihrer... doch, nein, nein, ich... ich habe es natürlich nicht getan.

Ich gebe gerne zu, dass ich bereits vor geraumer Zeit damit aufgehört habe, mich gegen jedwede Form von, nun ja, nennen wir es Rollenspiel, lautstark zur Wehr zu setzen, obwohl ich mir geschworen hatte, da knallhart zu bleiben. Mein sich „Ich-mach-mich-hier-doch-nicht-vollständig-zum-Affen“-Wiederstand bröckelte jedoch spätestens an dem Tag, an dem mir Hannah relativ resolut den flauschigen Gürtel ihres Bademantels um den Hals legte und mit mir anschließend durch die Wohnung Gassi ging. Also ich auf allen Vieren hinter ihr her, während sie mir regelmäßig in gönnerhafter Geste anerkennend den Rücken tätschelte und dabei so etwas wie „Brav, Hundi“ und „Fein, Hundi“ oder auch „Lieber Hundi“ zuraunte. Das war natürlich ein schönes Lob. Wäre ich in der Lage, mit dem Schwanz zu wedeln, ich hätte es wohl getan.

Irgendwann kommen Kinder in so ein seltsames, aber irgendwie doch auch ungemein bereicherndes Alter, in dem ihre blühende Phantasie regelmäßig mit ihnen spazieren geht, was dann in der Konsequenz dazu führt, dass man irgendwann in der Küche auf einer zusammengerafften Wolldecke vor der Heizung hockt und etwas Leitungswasser aus einem Topf schlabbert, den Hannah auf die Schnelle in ihrer Kinderküche aufgetrieben hatte. Hätte ich auch nicht zu träumen gewagt, ist aber so, und mir graut jetzt schon vor dem Tag, an dem meine Tochter sich nicht mehr mit ihrem bellenden Vater zufrieden geben wird. An dem sie einen richtigen Hund haben will, einen, der mit dem Schwanz wedelt. Aber da bleibe ich knallhart. Auf jeden Fall. Sobald ein Hund in unsere Wohnung einzieht, ziehe ich aus. So viel steht fest.

Jedenfalls haben wir dann letztens Vater und Tochter gespielt, wobei Hannah selbstredend in die Rolle des Vaters schlüpfte und ich in die der Tochter. Meine Begeisterung hielt sich anfangs noch in eher überschaubaren Grenzen, bis ich das wahre Potenzial dieser ungewöhnlichen Konstellation erkannte. Nennen wir es Hintertürpädagogik, die sich der Methoden des Spiegelvorhaltens bedient (ich habe doch davon geschrieben, dass ich noch über das ein oder andere Defizit in Sachen Erziehung verfüge, aber das gehört nun der Vergangenheit an. Und zwar endgültig). Zwischen Hannah und mir entwickelte sich nämlich folgender Dialog:

Ich: „Papaaaaaaa, ich hab Hungaaaaaa!“

Sie: „Warte.... (holt einen kleinen Plastikteller). So Kindchen, hier hast du Nudeln.“

Ich: „Bäääääh, Nudeln mag ich nicht.“ (schiebe den Teller so heftig von mir, dass einige Nudeln auf den Tisch fallen)

Sie (schiebt den Teller geduldig zurück): „Hier, Kartoffeln.“

Ich: „Maaaag ich aaaaaaauch nicht.“ (schnippe den Teller vom Tisch)

Sie (leicht genervt): „Was willst du denn?“

Ich: „Kekse.“

Sie: „Kekse gibt‘s nicht.“

Ich (schlage mit den Fäusten auf den Tisch): „Ich will aber Keeeeeeekse!“

Sie (legt ihren Arm um mich): „Nicht so schreien, Kindchen.“

Ich: „Kekse, Kekse, Kekse, Kekse.“

Sie (bereits etwas verzweifelt): „Hör mal auf, du bist ein liebes Kind, o.k.? Wollen wir das so spielen?“

Ich: „Keeeeeeeeeeeeeeekse“

Sie (hält sich die Ohren zu): „Willst du jetzt schlafen.“

Ich (stelle mich auf den Stuhl und hüpfe auf und ab: „Ich bin aber gar nicht müüüüüüde.“

Sie: „Kannst du ein liebes Kind spielen?“

Ich (laufe weg): „Fang mich doch, Papa.“

Sie: „Ich will nicht fangen spielen.“

Ich (rufe aus ihrem Kinderzimmer): „Ätschebäääätsch, Ätschebäääätsch, Ätschebäääätsch.“

Sie: „So geht das Spiel aber nicht.“

Ich: „Was?“

Sie (mit versöhnlichem Tonfall): „Können wir liebes Kind spielen.“

Ich: „Ich höööööör dich nicht. Nie höre ich, nie, nie, nie, nie.“

Sie: „Was willst du?“

Ich (komme wieder ins Esszimmer und werfe mich auf den Boden und simuliere einen Wut-Weinanfall): „Ich hab Hungaaaaaaa!“

Sie (kniet sich neben mich): „Soll ich dich stillen?“ (zieht umgehend blank)

Ich (strampele mit den Füßen und laufe rot an): „Nein, nein, nein, nein, nein.“

Sie (enttäuscht): „Papa?“

Ich: „Bin nicht der Papa. Ich will nicht schlafen. Ich will Keeeeekse!“

Sie (ernst): „PAPA?“

Ich: „Ja, mein Kind.“ 

Sie: „Papa, darf ich wieder Kind sein?“

Ich: „So lange du willst.“

 

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist am 10. Dezember im Aufbau Verlag erschienen. Jetzt kaufen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. 

Jetzt kommentieren

Video

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.