Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

26. Dezember 2012

Tempo 30 (Folge 148): Zeitverbleib

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor quält sich durch völlig unverschuldete Unproduktivität und nervendes Nichtstun, bis er sich nicht anders zu helfen weiß, als sich kurz ablenken zu lassen.

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Habe es nicht rechtzeitig geschafft. Diese Kolumne zu schreiben, meine ich. Hin und wieder kommt es nämlich blöderweise vor, dass ich an meinem Schreibtisch sitze und über einen quälend langen Zeitraum vergeblich und zunehmend verzweifelt versuche, so eine Kolumne wie diese zu verfassen. Klappt aber nicht. Kann ich machen, was ich will. Keine Chance. Man nennt so etwas unter Betroffenen übrigens eine Schreibblockade. Ist irgend so ein tiefenpsychologisches Phänomen und – nun ja – ziemlich unangenehm. Ich starre dann über Stunden auf eine weiße Bildschirmseite, fange Sätze an... und lösche sie umgehend wieder, bevor ich sie zu Ende geschrieben habe, fange Sätz..., lösche sie wieder, Fange S..., lösche sie, Fan..., lösche sie...

Nun ist es ganz und gar nicht so, dass es mir an den nötigen Ideen mangeln würde. Ich habe viele Ideen, jede Menge Ideen, unzählige Ideen. Ich habe meine Welt doch längst ein wenig zu meiner Kolumne gemacht. Soll, habe ich gehört, auch irgendwie tiefenpsychologisch sein. Wo immer ich auch bin, was immer ich auch sehe, höre, was immer ich erlebe, ich erwische mich dabei, wie ich noch im selben Moment in allem Gehörten, Gesehenen und Erlebten nach kolumnentauglichen Stoffen suche. Wie ich einen einzigen Satz weiterspinne, eine ganze Geschichte um diesen Satz herumspinne. Wie ich in Gedanken in kürzester Zeit eine ganze Geschichte schreibe und hoffe, sie mir merken zu können, bis ich wieder am Schreibtisch sitze.

Ich kann mir, nun, da ich die 30 gegen meinen ausdrücklichen Willen überschritten habe, nicht mehr so viel merken wie früher. Ich kann noch nicht einmal sagen, ob ich mir früher mehr merken konnte, so wenig kann ich mir mittlerweile merken. Am liebsten wäre mir so eine Art inneres Diktiergerät, wenn in meinem Kopf jener Bereich, der das Denken ermöglicht, eine Aufnahmefunktion besitzen würde. Es würde natürlich auch schon helfen, so ein kleines Notizbüchlein ständig dabei zu haben und alles, was mir so an kolumnentauglichem Zeug über den Weg läuft, aufzuschreiben, aber ich vergesse leider ständig, das Büchlein einzustecken. Und dann sitze ich an meinem Schreibtisch, versuche mich krampfhaft zu erinnern, aber alles ist weg.

Meistens versuche ich mich dann abzulenken. Ich denke, wenn ich kurz etwas anderes mache, kommen all die schönen Gedanken zu der Kolumne schon von alleine wieder. Und da ich ohnehin zufällig am Schreibtisch sitze und der Computer, an dem ich diese Kolumnen verfasse, zufällig über eine meist zuverlässige Internetverbindung verfügt, surfe ich ein wenig durch die Gegend. Ich tummele mich dann zum Beispiel auf Immobilienseiten und sehe mir Häuser an, in denen ich mir gut vorstellen könnte, einmal zu wohnen. Ich überlege, wie viele Zimmer es sein sollten, wie groß der Garten sein müsste – brauchen wir einen Keller, ein Gäste-WC, Swimmingpool, eine Anliegerwohnung vielleicht? Und wie hoch wäre die monatliche Rate bei einem Kaufpreis von 1,2 Millionen Euro und 80,47 Euro Eigenkapital?

Anschließend suche ich mir den passenden Wagen für die Garage, keinen Diesel, der lohnt sich für uns nicht, aber Navigationsgerät, Alufelgen, Nebelscheinwerfer, Servolenkung, Schiebedach und Zentralverriegelung sollte er schon haben, und auf gar keinen Fall sollte er mehr als 60.000 Kilometer gelaufen sein. Die nächste Dreiviertelstunde verbringe ich auf einem Vergleichsportal für Bankkredite, lese auf den Internetseiten der Frankfurter Rundschau, Süddeutschen Zeitung, der Zeit, FAZ, taz, von Spiegel, Focus, Stern, dem Altmühlboten, des Billerbecker Anzeigers und der Eckernförder Nachrichten was andere zum Thema Fremdfinanzierung schreiben und informiere mich, weil ich gerade dabei bin, noch kurz über das aktuelle Weltgeschehen. Einzelne Begriffe aus der Mindestlohndebatte muss ich allerdings bei Wikipedia nachschlagen.

Ich sehe mir noch einmal unser neues Haus an, finde, dass da unbedingt ein Trampolin für meine Tochter Hannah in den Garten gehört, vertraue in diesem Fall aber nicht nur den Kundenbewertungen beim Online-Händler, der den höchsten Rabatt bietet, sondern wühle mich auch durch die Berichte von Stiftung Warentest und Ökotest. Im Garten ist auch noch Platz für einen Teich, ein Landschaftsbauer aus Norddeutschland würde sogar zum Selbstkostenpreis anreisen. Ich kann es kaum erwarten, unseren Freunden den Teich zu zeigen, eine Grillparty wäre wohl der passende Anlass, ihn einzuweihen, fehlt nur noch der Grill und das passende Outfit, meine kurzen Hosen sind irgendwie nicht mehr so angesagt. Es dauert aber knappe anderthalb Stunden , bis ich mein favorisiertes Modell in der richtigen Größe bei einem Händler aus Finnland aufgetrieben habe.

Bevor ich noch nach einem neues Fernseher suche, muss ich gestehen, dass mir weder zu der Kolumne etwas eingefallen ist, noch weiß ich, was ich in den letzten acht Stunden eigentlich so gemacht habe. Dafür bin ich zufällig darauf gestoßen, was nächstes Jahr alles so passieren wird.

2013 mehr.

„STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist am 10. Dezember im Aufbau Verlag erschienen. Jetzt kaufen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. 

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