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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

03. Januar 2013

Tempo 30 (Folge 149): Suchkunft

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor ist ein von Natur aus neugieriger und leicht zu verunsichernder Mensch, weshalb er der Verlockung nicht widerstehen kann, einen flüchtigen Blick in die Zukunft zu werfen.

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Habe einen Blick riskiert. Eigentlich soll man das ja nicht machen, also, in die Zukunft zu schauen, das gehört sich irgendwie nicht. Und es bringt angeblich auch kein Glück, aber das ist natürlich nur ein alberner Aberglaube, richtig? Ist es doch? Und was soll denn auch schon groß passieren? Seit sich dieser mit großem Tamtam angekündigte Weltuntergang neulich als apokalyptischer Rohrkrepierer entpuppt hat, haben bösen Omen allgemein doch erheblich von ihrem Schrecken verloren. Da kann man es, finde ich, ruhig darauf ankommen lassen, für seine Neugier eventuell mit etwas mehr Pech bestraft zu werden, als man ohnehin schon hat.

 

Nun kann man natürlich den berechtigten Einwand anbringen, dass das Leben als solches doch von seinen Überraschungen lebt, von seiner Unvorhersehbarkeit. Dass alles Ungewisse, alles Unwägbare so ein Leben doch erst lebenswert machen, und ich will da auch gar nicht widersprechen. Nur soll es aber Menschen geben, die den Launen des Schicksals nicht unbedingt mit absoluter Souveränität begegnen. Menschen, die alles an Hindernissen, an Rückschlägen und Misserfolgen, selbst jene, die kaum der Rede wert sind, umgehend persönlich nehmen. Die dahinter gleich eine Verschwörung wittern, eine hinterhältige und hundsgemeine sogar.

 

Da erwischt man sich dann schon bei dem Gedanken, dass es doch ungemein praktisch wäre, dieses oder jenes bereits im Vorfeld zu wissen. Ist auch viel besser für den Blutdruck. Und die Verdauung. Fürs Herz sowieso. Und weil weder Kristallkugel (zu ungenau), noch Wurmloch (zu unerforscht) noch die eigenen Eingeweide (zu unpraktikabel) halbwegs zuverlässig dazu taugen, präzise Vorhersagen die eigene Zukunft betreffend machen zu können, greift man zwangsläufig zu den Dingen, mit denen man sich auskennt, weil man etwa, wie in meinem Fall, ohnehin viel zu viel Zeit mit ihnen vergeudet. So eine Internetsuchmaschine, muss ich schon sagen, findet wirklich alles.

 

In Sachen Wahrsagerei empfiehlt sich hierbei natürlich die „Bildersuche“, was ungefähr dem  Kristallkugelprinzip entspricht, glaubt der Mensch doch schließlich nur, was er mit eigenen Augen sieht. Man gebe also einfach „Was passiert 2013“ in die entsprechende Suchmaske ein, dann den gewünschten Monat, und das erste Bild, das offensichtlich zu keinem Wandkalender gehört, zählt (würde man auch die Kalenderblätter berücksichtigen, käme man relativ schnell auf die Idee, dass einen im neuen Jahr allein sündhaft teure Sportwagen, leichtbekleidete Models und süße Tierbabys erwarten, was zwar prinzipiell zu begrüßen wäre, zugleich aber auf die Dauer doch langweilig wird).

 

Man sollte aber nicht den Fehler machen, den Satz „Was passiert 2013“ in dem Suchfeld tatsächlich in Anführungszeichen zu setzen, was nämlich im Ergebnis dazu führen würde, dass von Januar bis Juni an erster Stelle ein Bild der ARD-Talker Plasberg, Maischberger, Jauch, Will und Beckmann auftaucht, was in meinem Fall nur ein eindringlicher und sich deshalb ständig wiederholender Hinweis sein kann, weniger im Internet zu surfen und mehr zu schlafen. In Bezug auf meinen zu hohen TV-Konsum funktioniert das auch bereits prächtig. Ich habe mir nämlich den Reflex angewöhnt, immer dann, wenn einer der fünf auftaucht, umgehend ins Bett zu gehen.

 

Ab Juli jedoch verschwinden Plasberg, Maischberger, Jauch, Will und Beckmann wie von Geisterhand aus den Suchergebnissen, was man prinzipiell wohl als gutes Zeichen werten kann. An ihre Stelle jedoch tritt (und zwar konsequent bis Dezember) das Bild eines malerisch gelegenen Hotels, von dem ich nach kurzer Recherche herausgefunden haben, dass es die Bühne für die ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“ ist, was dann doch wieder nach einer zig tausend Jahre alten Prophezeiung klingt, wenn natürlich auch deutlich positiver besetzt. Und was davon zu halten ist, hat schließlich jeder mitbekommen.

 

Verzichtet man allerdings auf die Anführungszeichen, erhält man mitunter erstaunliche Ergebnisse. Ich für meinen Teil bin zumindest vorerst beruhigt und sogar vorsichtig optimistisch...

 

STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist am 10. Dezember im Aufbau Verlag erschienen. <strong>Jetzt kaufen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

 

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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