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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

10. Januar 2013

Tempo 30 (Folge 150): Bonbonismus

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor kann schon einmal seine Koffer packen, plant seine kleine Tochter doch in absehbarer Zeit, in ein fernes Land namens Nordkorea zu reisen.

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Habe mir von meiner Freundin Sophie gerade exklusiv berichten lassen, dass der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un jüngst anlässlich seines 30., 29. oder auch 28. Geburtstages (so genau weiß das bei diesen Jungs leider niemand, die tun nämlich immer so geheimnisvoll, was unsereins natürlich insofern vor Neid erblassen lässt, da der gute Kim vermutlich sein Leben lang wird behaupten können, 29 zu sein, denn wer kann ihm schon das Gegenteil beweisen, und was wäre das nur für ein Leben, immer 29, wie schön. Andererseits müsste man dazu vermutlich, nun ja, in Nordkorea eben, und jetzt kann man sich überlegen – lieber dreißig werden oder, Mist, wo war ich stehen geblieben? Ach so...) anlässlich seines 30., 29. oder auch 28. Geburtstages jedem Bewohner des Landes, der zehn Jahre oder jünger ist, ein Kilogramm Süßigkeiten schenkte, die er bisweilen mittels Hubschrauber auch in die entlegensten Regionen des Landes transportieren ließ.

 Sophie ist das natürlich nicht entgangen, weil sie in unserer Tageszeitung, also der Guten mit dem grünen Balken, immer zuerst die Klatschspalte liest, was sie so natürlich nie zugeben würde, aber sie blättert auch in Wartezimmern oder beim Friseur mit Vorliebe in bunten Blättchen, ich habe es mit eigenen Augen..., ups, da kommt sie gerade, hey, Sophie, lass da..., stopp, dass ist meine Kolum..., könntest Du mein Arm losl...., jsahicalka, und hör auf, auf der Tasta...., qoiwekjclbaP..., SO KANN ICH NICHT ARBE..., DLKJFQIJHFEQÖFEÖHFEP..., JETZT HAST DU AUF SHIFT LOC..., LBKFAJGUmmklifaphoidsoi, komm schon, das ist kindisch, außerdem ist alles kindische mein Part in dieser Kolu..., 111111111111111111111111111111111111, ahhhhh, lass die Eins los, so werde ich nie ferti... ljfie484hwfe,kqdIPUPF94K.W97WFEÖOJQWFK4UFEFJÖRJKEWFEWF..., Sophieeeeeee!!! Pass auf, ich lösche das mit der Klatschspalte einfach wieder, einverstanden? Doch, doch, mache ich ganz bestimmt, versprochen ;)

 So, weiter im Text. Jedenfalls hat Kim Jong Un also neulich diese alte Familientradition seines Despotenclans fortgeführt, nach der es eben guter Brauch und schlechte Sitte ist, es am Geburtstag des Tyrannen Bonbons vom Himmeln regnen zu lassen, was in einem Land wie Nordkorea an Zynismus natürlich nur schwer zu übertreffen ist, aber über so etwas macht sich der feine Herr Kim vermutlich nicht all zu viele Gedanken. Überhaupt ist bis heute nicht zweifelsfrei bewiesen, dass sich irgendeiner dieser Kims, die Nordkorea seit Jahrzehnten im Schwitzkasten halten, jemals über irgendetwas Gedanken gemacht hätte, und es würde daher auch nicht weiter verwundern, wenn sie von jedem Kind zuallererst einen Nachweis verlangt hätten, notariell beglaubigt natürlich, damit sich ja nicht auch nur ein Elfjähriger im Land eines der großzügigen Gratisbonbons erschummelt. Bei Geburtsdaten sind die Kims nämlich ziemlich pingelig, habe ich gehört.

 Nun könnte man natürlich sagen, was schert es uns schon, ob so ein durchgeknallter Kommunist im fernen Nordkorea seine Profilneurosen mit einigen Tonnen Süßigkeiten befriedigt, aber so darf man selbstverständlich nicht denken, ganz davon abgesehen, dass ich bekanntlich strikt gegen jedwede Form von Kamelleschmeißen bin. Doch die Nachricht aus dem fernen Nordkorea birgt neben einer politischen auch eine gewisse gesellschaftspädagogische Brisanz, besteht doch die große Gefahr, dass meine kleine Tochter Hannah die Zeitung mit der „Ein-Kilo-Bonbons-für-alle“-Nachricht findet und unter ihren Kollegen im Kindergarten jemanden auftreibt, der bereits des Lesens mächtig ist, und dann dauert es nicht mehr lange, bis sie will, dass wir dahin fahren, am besten gleich gestern. Hannah liebt Hubschrauber, warum auch immer, aber wenn sie einen am Himmel entdeckt, rastet sie förmlich aus, und sie ist, nun ja, auch jedweder Form von Süßigkeit gegenüber nicht abgeneigt. Ein Land, in dem Hubschrauber den Kindern Süßigkeiten bringen, diese Vorstellung muss das kleine Mädchen ganz wuschig machen.

 So lange Hannah mit ihren drei Jahren jedoch noch nicht in der Lage ist, mit Hilfe der Kreditkarte ihres Vaters selbstständig einen Flug zu buchen, besteht zumindest noch die Hoffnung, dass wir in absehbarer Zeit nicht nach Nordkorea reisen werden, aber vermutlich wünscht sich Hannah bereits zu ihrem vierten Geburtstag einen Führerschein (und so wie ich die Jungs in ihrer Kindergartengang einschätze, ist sie bereits längst fähig, unseren Wagen kurzzuschließen). Auch habe ich bereits vorsorglich Marx‘ „Kommunistisches Manifest“, „Die Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“ sowie „Das große DDR-Witze-Buch“ bestellt, um ihr demnächst vor dem Schlafengehen alle relevanten Fragen zum Thema beantworten zu können. Und da ich sie für ein intelligentes Mädchen halte, baue ich einfach darauf, dass sie einem Typen wie Kim Jong Un dann von ganz allein auf die Schliche kommt. Ich bin da zumindest verhalten optimistisch – und zur Not werde ich schon irgendwo zwei Kilogramm Süßkram und einen Hubschrauber auftreiben.

 

STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist am 10. Dezember im Aufbau Verlag erschienen. <strong>Jetzt kaufen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

 

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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