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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

16. Januar 2013

Tempo 30 (Folge 151): Kohlboi

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor versucht nach wie vor die Rätsel zu lösen, die ihm seine Tochter in Form verschlüsselter Botschaften hinterlässt. Wie sehr er ihre kleinen Sprachfehler vermissen wird.

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Habe lange darüber nachgedacht, ob so ein kleines Mädchen von drei Jahren tatsächlich schon so etwas wie streng geheime Sehnsüchte hat. Kann das wirklich sein? Jetzt schon? So früh? Und nein, hier ist ausnahmsweise nichts gemeint, was mit einer dicken Schicht Schokolade überzogen ist. Auch nichts, was nach Meinung des kleinen Mädchens genau so gut nach Gummibärchen schmecken könnte, Stichwort Gemüse. Und es geht hier auch nicht um etwas durch und durch rosafarbenes, im besten Fall etwas, das auch noch glitzert, nicht um ein Leben ohne Haare waschen, nicht um Sandalentragen im Schnee, nicht um eine Flatrate von Bob der Baumeister. Es geht darum, dass meine Tochter Hannah mich neulich allen Ernstes und ohne mit der Wimper zu zucken fragte, wo verdammt noch mal denn ihr süßer „Kohlboi“ sei.

Callboy? Wer, wie, was Callboy? Hat das Kind, diese unschuldige, naive kleine Ding, da gerade wahrhaftig nach seinem süßen Callboy gefragt?

Und da steht man dann völlig verloren vor der Kleinen, zitternd, den kalten Schweiß auf der Stirn, unfähig, auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen, während das Wort „Callboy“ oder „Kohlboi“ wie eine unheilvolle Vision in den völlig verängstigten Vaterverstand einsickert. Man versucht hektisch eine pädagogische Brandrede anzustimmen, eine, die sich gewaschen hat, bevor es zu spät ist. Bevor demnächst ein Cop der New Yorker Polizei in Hannahs Kinderzimmer auf dem Trampolin steht, sich zu „You can leave your hat on“ von Joe Cocker die Uniform vom Leib reißt und sich lasziv räkelnd an ihre Schaukel hängt, während das kleine Mädchen johlend und grölend in ihrem Bett kniet und auf zwei Fingern pfeift. 

Doch noch bevor man zum Telefon greifen und die Kleine in einem abgelegenen Kloster anmelden kann, kommt Sophie, meine Freundin, mir zuvor und drückt unserer Tochter den kleinen, süßen Stoffkobold in den Arm, den Hannah so verzweifelt gesucht hat. „Kobold, Schatz“, sagt Sophie und klopft mir aufmunternd auf die Schulter, „Hannah hat Kobold gesagt. Sag mal, was für ein Gespenst hast denn du gerade gesehen. Willst du dich setzten? Schluck Wasser? Oder soll ich dich einfach nur mal fest drücken?“ Auch wenn es einen mitunter völlig auf dem falschen Fuß erwischt, aber ich vermisse Hannahs waghalsige Experimente mit dem gesprochenen Wort schon jetzt. Und mir wird es ganz sicher fehlen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, worüber genau dieses Kind da gerade eigentlich sprechen mag. 

Zum Beispiel wollte sie lange Zeit, wenn wir gemeinsam einkaufen gingen, „Puderseife“ kaufen, da war sie, glaube ich, so ungefähr zwei. Jedes Mal stand sie im Supermarkt vor dem Regal mit den Drogerieartikeln und schrei lauthals nach „Puderseife“, als hinge ihr Leben davon ab. Das ging sogar so weit, dass ich, nur um ihr ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, in die Innenstadt fuhr und in sämtlichen mir bekannten Drogeriemärkten nach Puderseife fragte, was im besten Fall auf leichtes Kopfschütteln und freundlich überspieltes Unverständnis stieß, während man mich höflich hinauskomplimentierte und mir versicherte, dass Puderseife hier nicht zu bekommen sei. Ein Jahr später war Hannah dann sprachlich so weit, das Geheimnis zu lüften. An „Puh der Bär“-Seife war sie jedoch nicht weiter interessiert.

Es sind aber nicht nur die verschluckten, die vernuschelten, verquiekten oder verflennten Hannah-Spezialausdrücke, die das Leben so viel unterhaltsamer machen, dass es jedes Mal ein Jammer ist, wenn sie sich von einer ihrer Wortvariationen trennt, weil sie nun viel zu erwachsen für ein Wort wie Puderseife ist. Es sind auch die ganz speziellen Wortkreationen, die ich jetzt schon vermisse. Ein Luftballon etwa, heißt in Hannahs Welt "Pusteln", was, zumindest technisch gesehen, auch die völlig korrekte Bezeichnung ist, beschreibt "Pusteln" doch ziemlich präzise den Vorgang des Ballonaufpustens, und wird demnächst ganz gewiss Eingang in alle bekannten Standardlexika finden. Auch sagt sie, was nur ausgewählte Beispiele aus einem wilden Potpourri an Sprachschöpfungen sind, nicht etwa gezackt sondern "zickig", der Waschlappen heißt bei uns "Schlappschlappen", der Marienkäfer "Mandarinenkäfer".

Es ist vermutlich überflüssig zu erwähnen, dass ich bereits sämtliche, von Hannah eingeführte Wortfabrikate, in meinen eigenen Alltagssprachgebrauch aufgenommen habe, weshalb ich kurz vor dem Heiligen Abend, als es darum ging, einen Baum zu kaufen, auch nicht nach einem ordinären Weihnachtsbaum verlangte, sondern genaue Vorstellungen von unserem diesjährigen "Ohtannenbaum" hatte. Nein, nein, versicherte ich dem doch sichtlich verdutzten Forstmitarbeiter, es müsse unbedingt ein "Ohtannenbaum" sein, an Weihnachten sollten doch keine Kindertränen fließen. Als wir den "Ohtannenbaum" dann später schmückten, wollte Hannah "mehret" und "vieler" Kugeln, Kerzen, Strohsterne, Zimtstangen und Orangenscheiben schmücken, da sich schließlich jedes Wort problemlos steigern lässt, sowie sich auch für jedes Wort eine neue Vergangenheitsform finden lässt, weshalb Hannah irgendwo "erlauft" oder "schwimmt" ist – ach ja, das „g“ kommt bei ihr nicht vor.

Zu dem allseits beliebten Kartenspiel Memory sagt Hannah übrigens "Memmiro". Aber das liegt vor allem daran, dass ich partout nicht verlieren kann.

STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist am 10. Dezember im Aufbau Verlag erschienen. Jetzt kaufen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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