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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

23. Januar 2013

Tempo 30 (Folge 152): Verliernixgut

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Unser Autor muss bei allen Schwächen, die er bis ins hohe Alter von über 30 nicht hat ausbügeln können, feststellen, dass verlieren nicht unbedingt zu seinen Stärken gehört.

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Habe alles gegeben, wirklich alles. Ich habe mir im Nachhinein absolut nichts vorzuwerfen, man kann mir, wie gesagt, auch fehlenden Willen nicht absprechen, ganz im Gegenteil. Alle Gerüchte, von wegen Motivationsprobleme und so, sind natürlich völliger Quatsch, absurd, an den Haaren herbeigezogen. Das ist, mit Verlaub, völliger Humbug. Und auch, wenn ich jetzt schwer sagen kann, woran es nun genau gelegen haben mag, denn wenn ich es wüsste, hätte ich es sicherlich ganz bestimmt anders gemacht, aber mehr war gegen SIE einfach nicht drin. Ehrlich. Ich nehme da kein Blatt vor den Mund. Ich bin der Letzte, der das mit dem nötigen Abstand von einigen Wochen nicht nach einer schonungslosen und brutal schmerzhaften Analyse ganz offen zugeben würde.

Ganz am Anfang, als die Karten noch neu gemischt und dann fein säuberlich auf dem Boden verteilt wurden, sechsunddreißig Karten in sechs Reihen a sechs Karten, da habe ich sogar noch meine üblichen Witzchen gemacht, ein blöder Spruch hier, eine flapsige Bemerkung da, die ein oder andere kleinere Provokation sogar, nichts ernstes selbstverständlich. Ich war locker, und auch, wenn ich niemals den Fehler machen würde, SIE zu unterschätzen, oder dieses Spiel auf die leichte Schulter zu nehmen, so war ich mir sicher, dass ich einfach nicht verlieren konnte, niemals, in hundert Jahren nicht. Ich war gut vorbereitet, auf den Punkt topfit, und in gewisser Weise fühlte ich mich unbesiegbar. Es gab, nüchtern betrachtet, einfach mehr, das für als gegen mich sprach.

Ich habe IHR sogar den Vortritt gelassen, was im Nachhinein natürlich etwas blauäugig gewesen sein mag, aber wer konnte denn auch schon ahnen, dass es so laufen würde, sich die Dinge von Beginn an in diese Richtung entwickeln würden. Da kann man sich noch so intensiv auf so ein Spiel vorbereiten, alle strategischen Überlegungen, alle taktischen Pläne, werden durch so einen Glückstreffer doch komplett über den Haufen geworfen. Dass SIE gleich in ihrer ersten Aktion in Führung geht, da kann man wirklich niemandem einen Vorwurf machen und mir als allerletztem. Da ist man einfach machtlos, da heißt es dann, Mund abwischen, die Ärmel hochkrempeln und weitermachen, eine angemessene Reaktion zeigen. Es war doch auch noch genügend Zeit.

Die ersten zwei, drei eigenen Aktionen waren dann natürlich etwas unglücklich, da fehlte irgendwie das letzte Quentchen Entschlossenheit. Man muss da konstatieren, dass man da vielleicht nicht zielstrebig, nicht gallig, giftig, nicht gierig genug war. Da hat man natürlich schon gesehen, dass man schon eine gewisse Zeit gebraucht hat, um so einen Rückschlag wegzustecken, es ist nicht einfach, da gleich wieder den Hebel umzulegen. Das wirkte schon alles etwas schludrig, fahrig, da haben sich dann zwangsläufig eine ganze Reihe von Unkonzentriertheiten eingeschlichen, unerklärliche Leichtsinnsfehler, die IHR voll in die Karten gespielt haben, und das ist bei einem Spiel auf so einem Niveau, wo am Ende Nuancen entscheiden, natürlich tödlich.

Klar, entwickelt so ein Spiel dann plötzlich eine ganz seltsame Eigendynamik. Man versucht noch einmal alles, will dagegen haben, mobilisiert noch einmal alle Kräfte, will irgendwie das Blatt wenden, aber es ist wie verhext. Da wollen dann selbst die einfachsten Sachen nicht mehr gelingen, während bei IHR fast jede Aktion von Erfolg gekrönt ist. Das ist natürlich bitter. Man versucht es dann mit dem Mut der Verzweiflung, holt die Brechstange raus, hofft, irgendwie noch das Ruder rumreißen zu können und den Lucky Punch zu setzen, aber vermutlich hätte man an so einem gebrauchten Tag noch stundenlang so weiterspielen können, es wäre alles vergebliche Liebesmüh gewesen.

Und natürlich ist die Enttäuschung dann riesengroß, natürlich sitzt der Frust tief, ich bin doch auch nur ein Mensch, und dann kann es schon sein, dass irgendwann die Emotionen hochkochen und sich dieser ganze Frust entlädt, niemand verliert schließlich gern. Das sind natürlich Szenen, die man so eigentlich nicht sehen will, das gehört da nicht hin, da darf man jetzt auch nichts schönreden oder so. Ich will das auch nicht verteidigen, nicht nach Ausreden suchen, dass da dann plötzlich die Karten durch das Zimmer fliegen. Man ist da in gewisser Weise ja auch Vorbild, und so ein Tritt gegen den Spielkarton, das gehört sich einfach nicht. Und auch, was da dann alles an abfälligen und unflätigen Bemerkungen gefallen ist, das hat mit Sicherheit noch ein Nachspiel...

„Warum sitzt du denn hier im Dunkeln im Wohnzimmer und schmollst“, will Sophie, meine Freundin wissen, als sie in die Wohnung kommt.
Ich sitze da und schweige.
„Ihr beiden habt wieder Memory gespielt, stimmt‘s? Und Hannah hat schon wieder gewonnen, richtig? Verstehe. Ich sehe mal nach unserer Tochter und sage ihr, dass es ihr Vater nicht so gemeint hat...“

STRESSTEST“, der Roman zu den Kolumnen von Sebastian Gehrmann, ist am 10. Dezember im Aufbau Verlag erschienen. Jetzt kaufen bei Amazon, Hugendubel, Thalia oder anderen.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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