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Tempo 30 (Folge 51): Cowboy & Indianer

Jahrelang litt unser Autor unter der diffusen Angst, seine Mutter könnte mit einem Indianer durchbrennen. Lag es an dessen französischem Akzent? Oder war er einfach nur neidisch, weil er sich nicht so gut anschleichen konnte?

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Foto: FR

Es gab eine Zeit, in der rangierten Mädchen auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala irgendwo zwischen Bruchrechnen und Staubsaugen. Zu dieser Zeit trafen wir Jungs uns regelmäßig in einem kleinen Waldstück. Wenn man den Wald so gut kannte, wie wir ihn kannten, dann wusste man, dass man an einer Lichtung, an dem zwei morsche Holzbänke standen, auf denen später, als Mädchen immer beliebter wurden, noch ziemlich oft geknutscht wurde, über ein kleines Geländer klettern konnte, sich durch dichtes Gestrüpp kämpfen musste und so an den Rand eines alten Steinbruchs gelangte.

Der Abstieg war durchaus nicht ungefährlich, ich erinnere mich schmerzhaft, wie ich einmal den Halt verlor, abrutschte und meinen Eltern die Abschürfungen an Händen und Knien und vor allem die tiefe Schramme in meinem Gesicht nur umständlich erklären konnte. Schließlich war es uns unter Androhung von Hausarrest und Taschengeldentzug ausdrücklich verboten, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, den alten Steinbruch zu betreten. Dort abzusteigen, das sei abenteuerlich, pflegte mein Vater zu sagen. In dem Steinbruch spielten wir Cowboy und Indianer.

Ich wollte nie Indianer sein, heute bereue ich das zutiefst. Indianer hatten lange glatte Haare und trugen Stirnbänder, mehr brauchte ich über Indianer im Prinzip nicht zu wissen, um mir zu schwören, niemals in ihre Rothaut schlüpfen zu wollen. Auch wenn die Stirnbänder aus Schlangenleder waren und die Indianer die Schlangen mit bloßen Händen gepackt und erdrosselt haben sollen, und auch wenn es sich bei der Schminke, die sie sich auf die Wangen schmierten, angeblich um eine Kriegsbemalung handelte, so sahen Indianer, wie ich sie kannte, doch aus wie das durchschnittliche Mädchen in meiner Klasse. Und das rangierte auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala, wie gesagt, nicht gerade weit oben.

Vielleicht wollte ich aber auch deshalb kein Indianer sein, weil meine Mutter zu dieser Zeit heimlich in einen Indianer verliebt war, dabei war der eigentlich gar kein richtiger Indianer, sondern Franzose, ein Hochstapler vor dem Manitu, ein ganz gerissener. Den ganzen Tage redete der falsche Indianer so ein weichgespültes Zeug, so von wegen „mein Bruder, mein Bruder“, mein Bruder hier, mein Bruder da, man hätte ihm seinen französischen Akzent ruhig lassen, ernstnehmen konnten man den ohnehin nicht, so ein Mädchen.

Der Indianer tat zu allem Überfluss auch nur so, als würde er im Wilden Westen leben, denn in Wirklichkeit lebte er in Kroatien, wie ich bei einem späteren Sommerurlaub an der Adria feststellte, die ganze Umgebung kam mir irgendwie bekannt vor, es gab sogar Schlangen. Jedenfalls hatte der Indianer, für den meine Mutter schwärmte, das glatteste Harr, das man sich vorstellen kann, möglicherweise eine Perücke, und das Schlangenlederstirnband, dass er um seinen Kopf gebunden hatte, stammte vermutlich von einer sehr alten, an einem Herzinfarkt verreckten Schlange, mit bloßen Händen gefangen hat der die ganz bestimmt nicht. Trotzdem durchstöberte ich damals öfters heimlich das Schlafzimmer meiner Eltern, ich suchte nach bereits gepackten Koffern, war in große Sorge, meine Mutter könnte eines Tages mit ihrem französischen Indianer nach Kroatien durchbrennen.

Es fanden sich dann aber doch immer ein paar ganz brauchbare Indianer unter den Jungs, so dass ich nie in die Verlegenheit kam, etwas anderes, als einen Cowboys zu spielen, das Spiel ging so. Die Cowboys verschanzten sich in einem aus Pappkartons und Ästen errichteten Saloon, der in der Mitte des alten Steinbruchs stand, und tranken Bier. Natürlich tranken wir nicht wirklich Bier, meistens tranken wir Cola aus Dosen, aber hin und wieder fanden wir in dem Wald ein paar leere Bierflaschen und das war natürlich viel authentischer.

Zudem waren wir schwer bewaffnet, ich zum Beispiel besaß einen Revolver und ein doppelläufiges Gewehr inklusive Munition. In den Revolver kamen rote Plastikringe a acht Schuss und in das Gewehr ein roter Papierstreifen mit, wenn ich mich recht erinnere, mindestens hundert Schuss. Betätigte man den Abzug, entzündete sich eines der Zündplättchen, es knallte ordentlich, einem Schuss, so wie ich ihn mir vorstellte, jedenfalls nicht unähnlich, und qualmte auch ein wenig, diesen Geruch habe ich geliebt.

Die Indianer waren, wie es sich für Indianer gehörte, mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, selbstgebastelt, und ihr Ziel war es, sich an die biertrinkenden und auf Coladosen ballernden Cowboys heranzuschleichen und nach Möglichkeit niederzumetzeln, noch bevor diese den Angriff bemerkten. Die Cowboys wiederum hatten, neben einer möglichst realistischen Darstellung einer bierseligen Saloonrunde, die anrückenden Indianer rechtzeitig zu bemerken und ihrerseits über den Haufen zu schießen. Das waren für einen Zehnjährigen einfache und recht verständliche Regeln.

Ich kann heute, wenn ich an das Gemetzel in dem alten Steinruch zurückdenke, nicht mehr genau sagen, wer, rechnet man alle Duelle zusammen, am Ende die Nase vorn hatte. Ich weiß noch, dass es wesentlich schmerzhafter war, einen Pfeil ins Auge zu bekommen, als von pyrotechnischer Munition, die einen Schuss lediglich imitierte, getroffen zu werden. Meistens endeten die Kämpfe im Steinbruch ohnehin in einer zünftigen Prügelei, weil sich die Indianer grundsätzlich nicht getroffen fühlten, auch wenn man bei freier Sicht einen ganzen Zündstreifen auf sie abfeuerte. Um Ausreden, wie sie trotz gut hundert imaginärer Kugeln in ihrem Körper weiterkämpfen konnten, waren sie nie verlegen. Man selbst hingegen konnte einen Pfeiltreffer aus erwähnten Gründen nur selten verbergen, also gab es Streit.

Ganz sicher aber kann ich sagen, dass es damals ein fataler Irrtum war, zu glauben, dass das Anschleichen nicht zu den erstrebenswerten Fähigkeiten gehört, die sich ein Mann in seinem Leben aneignen sollte. Ich war damals, wie bei anderer Gelegenheit bereits erwähnt, einen Kopf größer als alle anderen. Selbst wenn ich mich noch so geräuschlos durchs Unterholz hätte schlängeln können, gesehen hätte man mich allemal. Wie wichtig es jedoch in späteren Jahren sein würde, nicht nur traumwandlerisch sicher über trockenes Laub und abgebrochenen Ästen zu schleichen, weiß ich erst, seit Hannah auf der Welt ist. Hannah ist meine kleine Tochter. So viel sei verraten: Indianerväter können auch ohne Festplattenrekorder leben. Ich nicht. Nächste Woche mehr.

Datum:  9 | 2 | 2011
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