Als meine Freundin Sophie und ich unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen, waren wir uns nicht immer einig, was die Aquariumanschaffung, Balkonbepflanzung, Couchbezüge, Deckenbeleuchtung, Esstischgröße, Fußmattensprüche, Gardinenlänge, Hausratsversicherung, Internetanbieter, Jalousienfarbe, Küchenkräuter, Ledersessel, Mülltrennung, Namensschilder, Officelösungen, Putzpläne, Quarzlampen, Regaldekoration, Schlafzimmertemperatur, Tapetenmuster, Umweltaspekte, Veilchenduftsteine, Wandfarbe, XY andere Sachen und die Zudeckenlänge anging, aber in einem waren wir es schon. Kein Teppich.
Das liegt vermutlich daran, dass wir in einer Zeit aufwuchsen, in der Kinder zwar nicht mehr bis tief in die Pubertät hinein vornehmlich nackt eine Welt erkunden sollten, die ihre Eltern zuvor gründlich vom Muff früherer Generationen befreit hatten, was ich im Nachhinein als Gnade der späten Geburt verstehe. Doch weil sich die Zeiten nicht von heute auf morgen ändern lassen, waren wir immerhin noch ziemlich oft barfuss unterwegs, deshalb der Teppich. Wenn ich daran denke, was ich alles auf dem Teppich in meinem Kinderzimmer verstreut und verschüttet habe, ist es eigentlich erstaunlich, dass daraus keine neuen Lebensformen entstanden, ich hatte fest damit gerechnet, so fest, dass ich mir bereits einen Namen für die Kreatur ausdachte, die sich aus den Teppichfasern erheben würde: Kakaopopelsaurus.
Apropos neue Lebensformen. Hannah, meine kleine Tochter, mag nachts nicht einschlafen, und wenn sie denn einmal eingeschlafen ist, will sie nicht alleine schlafen. Sie will, dass man neben ihr sitzt, liegt, kniet oder hockt, was die mit Abstand anstrengendste Variante ist, ich bin nicht mehr der Jüngste, aber das ist meiner Tochter egal, so lange ich da bin und bleibe und nicht gehe. Um meine Anwesenheit zu kontrollieren, hat Hannah eine Technik entwickelt, um die ich sie zu Schulzeiten außerordentlich beneidet hätte. Sie schläft mit offenen Augen, ich schwöre, sie kann das, wobei, um ehrlich zu sein, das linke Auge meistens geschlossen ist, aber das rechte, das ist wahrhaftig zur Hälfte geöffnet.
Anfangs habe ich natürlich gedacht, das Kind schläft gar nicht, das starrt, aber dem ist so nicht. Ich habe verschiedene Experimente durchgeführt, aber Hannah reagiert nicht, zuckt nicht einmal mit der Wimper, wenn ich mit meinen Händen vor ihr rumfuchtele. Sobald ich jedoch Anstalten mache, das Zimmer, in dem sie schläft, zu verlassen, reißt sie beide Augen weit auf und ich habe keine handgestoppten zwei Sekunden, um zurück zu ihrem Bettchen zu eilen, ansonsten weint sie, von wegen, sie schreit, schreit, bis ihr kleiner Kopf rot anläuft. Es ist ein sattes, kräftiges Rot, so wie ich es noch bei keinem Menschen gesehen habe, selbst bei dem Präsidenten von Bayern München nicht, bei Uli Hoeneß.
Schafft man es jedoch rechtzeitig, also in weniger als zwei Sekunden zurück an ihr Bettchen, dann schließt Hannah das linke Auge wieder und das rechte bis zur Hälfte und schläft seelenruhig weiter, schläft, als wäre nichts gewesen. Und manchmal schläft sie dann tatsächlich so tief, dass ich mich problemlos davon stehlen könnte, wenn der Teppich das Geräusch eines jeden meiner vorsichtigen Schritte verschlucken würde, wenn wir einen Teppich hätten, haben wir aber nicht. KEIN TEPPICH, nur Laminat, das nicht nur so aussieht wie alter Dielenboden, sondern auch so klingt, keine Ahnung, wie die das machen. Der Boden knarrt und knirscht und knarzt und knackt und klappert und kracht bei jedem Schritt und Hannah wacht auf und ich eile knarrend und knirschend und knackend und klappernd und krachend zurück an ihr Bettchen.
Manchmal, bilde ich mir ein, wartet die kleine Hannah aber auch, bis ich auf Zehenspitzen, einem Fakir auf glühenden Kohlen gleich, in Richtung Zimmertür tippele, beinahe schwebe. Wartet, bis ich wie in Zeitlupe die Türklinke heruntergedrückt habe, wartet, bis ich mich fast durch einen winzigen Türspalt gezwängt habe, wartet, bis ich mich bereits außer Reichweite wähne und fängt dann an zu weinen, droht zu schreien. Man merkt das an einer kurzen Phase der Stille, in der die kleine Hannah Luft holt zu einem herzzerreißenden, markerschütternden Schrei, ich stürme zurück zu ihrem Bettchen, rutsche die letzten Meter auf Knien und kann einen veritablen Schreianfall nur mit Mühe und Not verhindern.
Ich habe im Laufe der Zeit alle nur erdenklichen Wege, alle möglichen Schrittkombinationen vom Kinderbettchen bis zur Zimmertür ausprobiert. Ich bin durch das Zimmer getänzelt, wie eine schlechte Kopie von Fred Astaire, habe nach Stellen gesucht, an denen es weniger knarrt als es anderswo knirscht. Ich bin auf allen Vieren gekrochen, über den Boden gerobbt. Ich hätte in meiner Kindheit einen Indianer spielen sollen, barfuss konnte ich ja, doch ich wollte immer nur Cowboy sein. Ich hätte zur Bundeswehr gehen sollen, aber ich machte Zivildienst. Ich war völlig ungeeignet, mein Kind ins Bett zu bringen und mich dann geräuschlos davonzustehlen.
Nun besitzen wir einen Festplattenrekorder, ein tolles Gerät. Ich kann damit das laufende Fernsehprogramm stoppen und wieder starten und das wann ich will. Ich stoppe das Programm, bringe Hannah ins Bett, schleiche mich davon, probiere es wieder, probiere es erneut, gelingt es mir, sehe ich das Programm einfach weiter. Hannah wird wieder wach, ich stoppe das Programm, das ist bei Reportagen, Dokumentationen oder Krimis überhaupt kein Problem, bei Fußballspielen schon.
Neulich lief ein Spiel gegen Italien, wurde Hannah wieder wach, es war gerade Halbzeit, kein Problem, dachte ich und vergaß, dass ich das Spiel bereits mehrmals gestoppt hatte. Ich ging in das Zimmer, Hannah schlief wieder ein, es war ungewöhnlich warm, ich öffnete das Fenster, eine Halbzeit lang Frischluft, das wäre nicht schlecht, dann drangen Schreie, Rufe, Hupen aus der Pizzeria im Erdgeschoss zu uns hinauf. Hannah wurde blitzartig wach, das Spiel lief längst wieder, natürlich, nur nicht bei mir.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.