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Tempo 30 (Folge 53): Plagiatessen

Unser Autor prüft sein innerfamiliäres Fehlverhalten und ist bereit, bis zum Ergebnis dieser Prüfung, auf den Titel „Enkelkind der 90er Jahre“ zu verzichten.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Foto: FR

Für diese Kolumne bedurfte es keiner Aufforderung und sie gab es auch nicht – den treuherzigen Augenaufschlag und das süffisante Grinsen muss man sich jetzt einfach dazu denken, ebenfalls die akkurat geknotete Krawatte und die Pomade, ich brauche deutlich weniger, obwohl ich deutlich jünger bin, aber das ist ein anderes Thema, ein schwieriges, sehr persönliches, aber auch das stehen wir als Familie durch, da bitte ich einfach um Verständnis.

Meine von mir getätigten Besorgungen für meine geliebte Großmutter waren kein Betrug, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Ich habe sie über etwa sieben Jahre neben meiner Konsolenspielertätigkeit als junger Abiturient in mühevollster Kleinarbeit erledigt und die Einkäufe enthielten fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.

Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst der wahre Preisunterschied zwischen 100 Gramm Blutwurst beim örtlichen Metzger, die meine Großmutter gekauft haben wollte und den 100 Gramm Blutwurst, die ich dann beim Discounter kaufte, nicht kenntlich gemacht. Sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Vorlesen von Schnäppchenangeboten in diversen Werbeblättchen, von denen meine Großmutter glauben musste, sie seien stets höher als abgedruckt oder durch versäumtes Rückführen von Wechselgeld bei insgesamt 1300 Deutschen Mark bei 475 Einkäufen verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid. Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt dem Familiengericht.

Ich werde selbstverständlich aktiv mithelfen festzustellen, inwiefern darin ein innerfamiliäres, ich betone ein innerfamiliäres Fehlverhalten liegen könnte. Und ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf das Führen des Titels „Enkelkind der 90er Jahre“ verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen.

Ich werde mir keine anderen Maßstäbe anlegen, als ich bei anderen angesetzt hätte. Jede weitere Kommunikation über das Thema werde ich von nun an ausschließlich mit meiner Familie und meiner Großmutter führen. Die Menschen in diesem Land erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Kolumnisten mit voller Kraft kümmere und das kann ich auch. Wir stehen vor einer historischen Kolumnenreform. Und ich trage die Verantwortung für die Leser, wie das Interesse an dieser Kolumne an dem heutigen Tag einmal mehr auf erfreuliche Weise zeigt. (1)

Nachtrag:
Ich habe mich in der Affäre um ,Betrug Ja oder Nein’ auch noch mal mit meiner Einkaufmethode beschäftigt. Und nach dieser Beschäftigung, meine lieben Leser, habe ich auch festgestellt, wie richtig es war, dass ich bereits geschrieben habe, dass ich den Titel „Enkelkind der 90er Jahre“ nicht führen werde.

Ich sage das ganz bewusst, weil ich am Wochenende auch die fingierten Preisschilder noch einmal intensiv angeschaut habe, und feststellen musste, dass ich gravierende Fehler gemacht habe. Gravierende Fehler, die den innerfamiliären Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen. Ich habe diese Fehler nicht bewusst gemacht, das müssen sie mir glauben, bitte, bitte, glauben sie mir das. Ich habe auch nicht bewusst oder absichtlich in irgendeiner Form getäuscht und musste mich natürlich auch selbst fragen, liebe Leser:


Wie konnte das geschehen, wie konnte das passieren? So ist es, dass man den Blick dann zurückwirft und feststellt, man hat sechs, sieben Jahre diese Einkäufe besorgt, sie durch die halbe Stadt geschleppt, geschwitzt, sich die Fußsohlen blutig gelaufen und hat in diesen sechs, sieben Jahren möglicherweise an der einen oder anderen Stelle, an der einen oder anderen Stelle auch zu viel, auch teilweise den Überblick über die Blutwurstpreise und das Wechselgeld verloren. Man könnte auch sagen: Ich war jung und brauchte das Geld.

Das ist eine Feststellung, die darf man treffen und die muss man treffen. Da gibt es ganz besonders peinliche Beispiele dabei, etwa dass ich dann auch noch beim Bäcker die Mohnstückchen vom Vortag zum halben Preis gekauft und sie der Großmutter als frische untergejubelt habe. Und das sind selbstverständlich Fehler. Ich bin selbst auch ein Mensch mit Fehlern und Schwächen und deswegen stehe ich auch, und zwar öffentlich, zu diesen Fehlern, liebe Leser. Ich bin auch ganz gern bereit, dies in die hier zur Verfügung stehenden Zeilen zu schreiben.

Und ich schreibe ebenso, und das schreibe ich mit der notwendigen und mir in diesen Tagen gerne abgesprochenen Demut, auch die gehört übrigens zum Enkelsein mit dazu, ich sage ebenso, dass ich mich von Herzen bei all jenen entschuldige, die ich mit Blick auf die Erledigung von Einkäufen verletzt habe. Das ist eine Entschuldigung, die von Herzen kommt und die als solche auch zu sehen ist.


Die Entscheidung, meinen Titel „Enkelkind der 90er Jahre“ nicht zu führen, schmerzt. Insbesondere, wenn man sechs, sieben Jahre seines Lebens daran gearbeitet hat und auf das gesamte Erbe scharf war. Insbesondere, wenn man weiß, was die Familie durchgemacht hat. Ich kann auch eines sagen: Ich habe das Wechselgeld selber behalten, weil ich stehe auch zu dem Blödsinn, den ich davon gekauft habe.


Von daher ist es eine schmerzliche Entscheidung, aber es ist eine wichtige Entscheidung, weil es auch gleichzeitig darum geht, dass man bereits eingetretenen Schaden, etwa für die Familie eingetretenen Schaden, bei meiner hoch geschätzten, honorigen Großmutter auch entsprechend zu begrenzen weiß. (2)

(1) In Teilen kopiert aus Karl-Theodor zu Guttenberg in: „Wie verkaufe ich meine Wähler für dumm – brüskiere die versammelte Hauptstadtpresse und glaube, Betrug als handwerkliche Fehler weggrinsen zu können“, vom 18. Februar 2011, Bundesverteidigungsministerium, Berlin.

(2) Weitgehend abgekupfert aus Karl-Theodor zu Guttenberg in: „Wie wickele ich 900 unkritische Kelkheimer Rentner um den Finger – entlarve mich selbst als Lügner und trete jedweden wissenschaftlichen Ethos mit Füßen“, vom 21. Februar 2011, Stadthalle, Kelkheim.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  23 | 2 | 2011
Kommentare:  1
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