Was ich total gerne mache: irgendwas in Schubladen stecken. Menschen kann ich zum Beispiel außerordentlich gut in Schubladen stecken, dazu braucht es nicht mehr, als dieses gewisse Gespür Für eben solche. Ich muss eigentlich nur einen flüchtigen Blick auf Menschen werfen, und zack, weiß ich im Prinzip auch schon alles über sie, Schublade auf, Mensch rein, Schublade zu. Der Nachteil für so einen Menschen ist natürlich, dass er aus meiner Schublade nur schwer wieder rauskommt, wenn er erst einmal reingesteckt wurde, irren ist ja irgendwie menschlich, aber wer gibt das schon gerne zu?
Die meisten Menschen interessiert es allerdings nicht die Bohne, ob ich sie gerade in eine Schublade gesteckt habe oder nicht, die meisten kennen mich doch nicht, nicht einmal ein bisschen und alle anderen, nun ja, ich kann doch auch nichts dazu, ich bin einfach so ein Schubladentyp. Habe ich mir nicht ausgesucht. Ist einfach so passiert. Ich bemühe mich, ehrlich, aber irgendwie stecke ich in meiner eigenen Schublade fest. Nun waren wir letztens im Urlaub, Sie wissen schon, zwei Wochen mit dem Fahrrad, ein Anhänger für die kleine Hannah, das Zelt auf dem Gepäckträger, Sophie, meine Freundin vorneweg und dann von Campingplatz zu Campingplatz, Schublade auf, Campingplatz rein, Schublade zu.
Schublade 1: „Der Hausmannsplatz“
Zuallererst denkt man natürlich, man träumt das alles, wenn man durch das röhrende Gebrüll eines Rasenmähers geweckt wird, weil man mit vielem gerechnet hat, aber nicht damit, dass der Wohnwagen neben einem überhaupt bewohnt ist, bei dem hohen Efeu. Auch wusste man nicht, dass alles aus Feinripp so etwas wie die inoffizielle Arbeitskleidung der Rasenmähernationalmannschaft ist. Neben dem Wohnwagen steht ein Mercedes mit Hufeisen am Kühlergrill, kein Efeu, dafür werden die Radkappen täglich mit der selben Menge Wasser gereinigt, die eine durchschnittliche Großstadtfamilie im Monat verbraucht.
Hunde sind erwünscht, Kinder allenfalls geduldet, Lachen ist strickt verboten, ausgenommen der Mercedesbesitzer macht Witze über Blondinen oder Polen oder polnische Blondinen. Klopapierrollen sucht man vergeblich, die Klopapierrolle kostet 30 Cent. Weil in den Sanitäranlagen so viel geklaut wird, muss man sie an einem Automaten ziehen, der einen alten Porzellanunterteller abgelöst hat. Die Polen, so erzählt man sich, haben den Unterteller samt der vielen Centstücke einst in einer Nacht- und Nebelaktion entwendet. Eine Blondine sieht man auf den Phantombildern nicht.
Aber meistens lässt man die Klopapierrolle ohnehin im Zelt liegen, vor allem dann, wenn man sie am nötigsten braucht. Nach der Rolle rufen kann man auch nicht, weil man sonst die Mittagsruhe empfindlich stören und hochkant rausfliegen würde, so steht es nämlich in der Platzordnung, auf Seite 17 von 24. Dafür bringt der Platzwart die vorbestellten Brötchen bei seinem ersten Kontrollgang kurz nach dem Mähen und vor Sonnenaufgang mit bis ans Zelt, den neusten Tratsch gibt es dazu brühwarm dazu, ob man ihn hören will oder nicht. Zumindest spart man so das Geld für die Bild-Zeitung, die ist ohnehin immer gleich ausverkauft.
Schublade 2: „Das Eventareal“
Es gibt jede Menge Klopapier, aber keine Duschmarken, dafür gibt es Duschchipkarten. Mit dem Pfand, den man für die Karte hinterlegt, könnte man problemlos die Kaution für eine Drei-Zimmer-Wohnung stellen, die Beträge, die sich in Zehn-Euro-Schritten auf den Chip laden lassen, werden während des Duschvorgangs sekundengenau abgerechnet und am Ende abgerundet. Kinder malen nach Zahlen, Eltern duschen nach Zeit Das gilt auch für den Fön, die Waschmaschine, den Trockner, die Mikrowelle, den Geschirrspüler und W-LAN. Am Schwarzen Brett suchen Investmentbanker Joggingpartner.
Das tägliche Unterhaltungsprogramm ist immerhin minutengenau, ein Auszug: 6.30 Uhr: Aquagymnastik im See. 8.00 Uhr: Power-Kanu I. 8.20 Uhr: Power-Kanu II. 10.15 Uhr: Ganzkörperpeeling, 12.00 Uhr: Fitnessbuffet, 14.30 Uhr: Indianer-Ralley bis 12 Jahre. 16.15 Uhr: Regionale Naturkunde, 17.45 Uhr: Blitz-Schach-Turnier. 21.15 Uhr: Live-Show mit Feuerspucker und C-Promis, wie man sie von Baumarkt-Neueröffnungen kennt. Die Platzangestellten tragen einheitliche Hemden, auf dem Rücken stehen ihre Vornamen. Sie können Tiere aus Luftballons knoten und haben schon alle den Ironman auf Hawaii gefinished.
Das Einkaufsparadies in der Platzmitte kann es mit jeder achtstöckigen Shopping-Mall locker aufnehmen, es gibt Federball-Sets, Strohhüte, mundgeklöppelte Salzstreuer und mindestens 47 verschiedene TV-Zeitschriften, bis zu acht Jugendliche werden täglich beim Klauen erwischt. Die ankommenden und abfahrenden Wohnmobile haben mindestens 793 PS, es gibt einen Kinderspielplatz mit Klettergarten und Trampolinanlage, acht Minuten Hüpfen kosten 1,60 Euro, das Springen auf ein benachbartes Trampolin ist nicht gestattet. Gezahlt wird cash oder mit der Duschchipkarte, die Eieruhren der Trampolinaufsicht sind angeblich frisiert.
Schublade 3: „Das Biotop“
Die Angestellten kommen aus Holland, die Möbel aus Schweden, die Ökotomaten von einem benachbarten Bauern, der Bauer sieht so alt aus wie seine Tomaten, sie kosten so viel wie ein Drei-Mann-Zelt für eine Nacht. Einen allgemeinen Lageplan mit nummerierten Parzellen gibt es nicht, Zeltplätze werden je nach Gemütslage oder Sternzeichen vergeben, wer Pech hat, steckt drei Wochen zwischen einem mit Fingermalfarbe aufwendig verzierten VW-Bus mit Getriebeschaden, einem Hybrid-Geländewagen und einer von den UN geschützten Feldulme fest, geplant war nur eine Nacht. Es gibt eine Waschstelle für recyclebaren Müll.
Selbst ein Sterne-Kellner mit französischem Akzent hätte Probleme die Mittagssnacks auf der großen Schiefertafel stolperfrei aufzusagen, es gibt alles „in“ und „an“, kurzfristige Änderungen am Speiseplan verbreitet die Platzleitung via Twitter. Die Smartphonedichte beträgt 4,6 Geräte pro Familie, der jüngste Besitzer ist zwei, seine Lieblings-App ist ein dreisprachiges Tierlexikon. Sandspielzeug wird unter Eltern grundsätzlich nicht verliehen, Sören-Kai-Malte kann nicht ohne seinen Bagger, Sören-Kai-Malte hat ein zartes Gemüt. Sören-Kai-Malte muss auch nicht ins Wasser, wenn Sören-Kai-Malte nicht will, Sören-Kai-Malte hat vor das Zelt der Nachbarn Kacki gemacht, Sören-Kai-Malte ist sooooooooo süß. Die Urinale sind wasserfrei. Der Gestank könnte Tote wecken.
Die Unterhemden sind feinrippfrei, aber gebatikt oder von Boss, im Idealfall beides. Es wird viel gesungen, geklatscht und getanzt. Kiffen ist besser als Kurzstreckenfliegen. Frauen sitzen am allabendlichen Lagerfeuer und schlagen die Beine übereinander, Männer auch, es gibt eine Million Varianten „Let it be“ auf der Gitarre zu spielen. Es gibt auch Listen, in denen sich Freiwillige für allgemeine Arbeiten aller Art eintragen können: Altpapier falten, Altglas katalogisieren, alten Fröschen über die Straße helfen. Was man aus Mehrwegplastikflaschen für tolle Schiffe basteln kann. Es gibt platzeigene Artisten in weiten Stoffhosen. Die Wohnwagen haben abgeschliffene Dielenböden, Stuck und Flügeltüren. Nach dem Urlaub ziehen alle raus aufs Land, schon allein wegen der Kinder.
Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.