Seit geraumer Zeit lese ich in deutschen Tageszeitungen ausführliche Reportagen und seitenlange Interviews, dazu epische Analysen und wortreiche Kommentare, die allesamt gemeinsam haben, dass sie an den 11. September 2001 erinnern. Warum eigentlich? Wird den jemals jemand vergessen? Wirklich? Und weil dieser auf so unvorstellbare Weise schockierende Tag bald ziemlich genau zehn Jahre zurückliegt, haben sie in den Zeitungen eben besonders früh damit angefangen, über ihn in langen Reportagen zu schreiben und lange Interviews über ihn zu führen, ihn lange zu analysieren und noch länger zu kommentieren.
Es ist nämlich so, dass über Jahrestage aller Art heute nicht erst dann berichtet wird, wenn sich tatsächlich etwas jährt, der Geburtstag irgendeines Prominenten zum Beispiel oder eine Rentenreform, die man besser gelassen hätte, weil sie alles nur noch ungerechter macht, als es ohnehin schon war. Jährt sich heute etwas, dann läuft die Erinnerungsmaschinerie bereits Tage vorher an, manchmal Wochen. Ich vermute, das haben sich die Zeitungen vom Einzelhandel abgeguckt, erst gestern stand ich vor einem Regal mit Spekulatius und Christstollen.
Zu den vielen Reportagen und langen Interviews, den epischen Analysen und wortreichen Kommentaren werden demnächst auch ganz gewiss allerlei Porträts kommen. Die Porträts kommen immer, um der Geschichte ein Gesicht zu geben, oder zwei oder drei Gesichter, personifizieren nennt man das. Mehr oder weniger bekannte Menschen werden also schon bald in Zeitungen darüber berichten, was sie an jenem 11. September im Jahr 2001 ganz genau getan und gedacht haben, als da auf einmal Flugzeuge in Wolkenkratzer flogen, nur Obelix, mein bester Kumpel, wird nicht zu Wort kommen, dabei ist seine Geschichte eigentlich die beste.
Obelix bekam in den Tagen vor den Terroranschlägen fürchterliche Zahnschmerzen, was im Nachhinein betrachtet ein böses Omen war, aber wer konnte das damals auch schon ahnen. Am Morgen des 11. September jedenfalls waren die Schmerzen unerträglich geworden. Es galt den Grund allen Übels an der Wurzel zu packen, die Weißheitszähne, jemand musste sie ziehen und zwar sofort. In New York begann es bereits zu dämmern, als Obelix unter dem Eindruck eines einschläfernden Narkosemittels beide Augen schloss, und als er sie wieder öffnete, nahm er in der näheren Umgebung die verschwommenen Bilder einstürzender Bürotürme wahr, Schreie, eine gigantische Staubwolke.
So wie der Rest der Welt, starrte also auch der weißheitszahnlose Obelix auf die apokalyptischen Fernsehbilder, doch während alle anderen die Realität zu begreifen versuchten, glaubte mein von der Narkose noch reichlich benebelter bester Kumpel eine ganze Weile lang, es handele sich um einen Film. Was für ein Schock es war, als er begriff, was er stattdessen sah. Aber diese Geschichte wird nirgendwo erscheinen, überhaupt, so fürchte ich, wird jetzt viel zu viel über politische Folgen, wirtschaftliche Konsequenzen und gesellschaftliche Auswirkungen geschrieben und völlig vergessen, was dieser 11. September 2001 aus uns nur für hysterisch paranoide Nervenbündel gemacht hat, ich weiß wovon ich rede.
Eigentlich bin ich kein ängstlicher Mensch. Vom vierten Stock aufwärts betrete ich grundsätzlich keine Balkone mehr, zugegeben, da fühle ich mich etwa unwohl. Beim Anblick von Hunden, egal welche Größe, flüchte ich auf die andere Straßenseite, einen Zahnarzt besuche ich nie. Mehr ist da nicht. Dann bestieg ich neulich einen Zug, zweite Klasse, Großraum, reservierter Fensterplatz. Menschen drängelten den schmalen Gang hinauf und hinab, Kinder brüllten, schwere Taschen wurden über verschwitzte Köpfe gewuchtet. Ich setzte mich, auf dem Gangplatz neben mir ein lederner Rucksack, vergoldete Nähte, silberne Reisverschlüsse, irgendwie edel und sehr alt.
Hat wohl jemand in dem Chaos hier liegen gelassen, dachte ich, drehte den Kopf, fragte, weil ich ein höflicher Mensch bin, eine Frau auf der anderen Seite des Ganges, ob vielleicht ihr die Tasche gehöre. Tat sie nicht. Stattdessen sagte die Frau: „Nicht, dass da eine Bombe drin ist.“ Stille für einen Moment. Es gab Zeiten, da hätte ich diesen Satz überhört, ignoriert, nicht ernst genommen. Ich hätte so etwas geantwortet wie: „Sieht eher nach einem Panzer aus“, dann hätte ich mich umgedreht und den Rucksack Rucksack sein lassen. Aber das war vor dem 11. September. Jetzt glaube ich ein Attentatsopfer zu werden. Immer und überall.
„Ich, ähhhhhh, nein, ähh, hoffe nicht“, antwortete ich stattdessen und versuchte, die in mir aufkochende Unsicherheit mannhaft zu überspielen, was mir nicht wirklich gelang. Eine Bombe? Während ich mich bemühte, so entspannt wie möglich zu wirken, beäugte ich immer wieder den Rucksack zu meiner Rechten. Ist eigentlich viel zu klein, um einen Sprengsatz darin zu verstecken, tickt da was? Ich überlegte aufzustehen, so zu tun, als müsste ich auf die Toilette. Soll der Rucksack doch das ganze Abteil in Stücke reißen, dachte ich, aber ich wollte überleben, was für ein abstruser Gedanke. Wie feige. Ich blieb sitzen.
Ich könnte den Rucksack nehmen, aus dem Abteil tragen, ein Fenster einschlagen und ihn hinauswerfen. Er würde auf irgendeinem Feld explodieren, ich wäre ein Held. Der Gedanke gefiel mir schon besser, aber was, wenn mir dazu keine Zeit blieb, ein Held zu sein? Was, wenn der Rucksack auf der Stelle explodierte, direkt neben mir. Von allen Opfern würde es bei mir ganz sicher am längsten dauern, mich zu identifizieren. Es gab doch nicht einmal Zahnabdrücke von mir, wo denn auch.
Der Schaffner kam und ich tat, was ich tun musste. Neben mir läge ein herrenloser Rucksack, sagte ich und versuchte, so unaufgeregt wie möglich zu klingen. Nicht, dass den jemand habe liegen lassen und jetzt vermisse, sagte ich, wie scheinheilig, von einer Bombe kein Wort. In dem Moment trat eine ältere Dame neben den Schaffner, gab sich als Besitzerein des Rucksacks zu erkennen, der ihr den Sitzplatz neben mir freihalten sollte. Die Frau trug keinen Schleier, keinen Bart, keine Drähte unter der Pelzjacke. Ich rief Obelix an, wollte wissen, wie es seinen Zähnen geht und schlief beruhigt ein.
Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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