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Tempo 30 (Folge 78): Wasgucksdu

Unser Autor hat von der wohl weltbesten Ausrede gehört und wundert sich, wie früh der Mensch damit beginnt, sich aus unangenehmen Situationen herauszureden.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Foto: FR

Zu den besten Ausreden, die einem Menschen jemals über die Lippen gerutscht sind, gehört zweifellos diese. Wenn ich mich recht entsinne, stammt sie von einem unscheinbaren Typen, den ich einst im französischen Fernsehen gesehen habe, diese Franzosen, weltklasse, einfach einmalig, die Geschichte ging ungefähr so:

Mann 1 (leicht bekleidet): „Ich sage ihnen mein Herr, das alles ist so verrückt. Ich gehe im Wald spazieren, völlig ahnungslos natürlich, ich trage nur Shorts und dieses Shirt, als plötzlich eine Gruppe von übel gelaunten und schwer bewaffneten Männern auftaucht. Finstere Burschen waren das, die auch noch ohne Grund auf mich zu schießen beginnen, auf mich, was habe ich denen denn getan? Ich laufe natürlich davon, suche verzweifelt nach Deckung, stolpere eine Böschung hinunter, doch die Kerle lassen sich nicht abschütteln. Ich verstecke mich hinter einem Baum, die Kugeln fliegen mir links und rechts nur so um die Ohren, und als die Typen immer näher kommen, klettere ich hinauf, bis hoch in den Wipfel.

Die Stimmen der Angreifer verstummen bereits in der Ferne, ihre Rufe, die hundsgemeinen Flüche, als das ohrenbetäubende Gebrüll einer Motorsäge der Stille ein jähes Ende bereitet. Ich merke, wie der Baum heftig zu schwanken beginnt, er kippt, und dann stürze ich, mich an einen Ast klammernd, in die Tiefe, werde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir komme, treibe ich auf dem Baumstamm in einem Fluss, das Wasser ist eiskalt, am Ufer stehen wieder diese Männer mit ihren Gewehren, zielen auf mich, doch dann wird der Stamm von der reißenden Strömung erfasst, ich bin außer Reichweite, wähne mich in Sicherheit und treibe direkt zu auf diesen riesigen Wasserfall. Wieder stürze ich in die Tiefe, wieder verliere ich die Besinnung.

Als ich erneut zu mir komme, liege ich noch immer auf diesem Baumstamm, ich höre wieder dieses ohrenbetäubende Gebrüll, zu meiner Linken ein schweres Gitter, zu meiner Rechten auch, und vor mir eine mächtige Kreissäge, die den Stamm wie eine Salami in dünne Scheiben schneidet. Ich springe auf, wanke in die entgegengesetzte Richtung, weg von der Säge, als mich irgendetwas von der Seite trifft, abermals in die Tiefe schleudert und ich unsanft auf einem Stapel Balken lande. Mir wird schwarz vor Augen, ich wache auf, liege auf diesen weiß lackierten Brettern, die wiederum auf einem Förderband liegen. Bretter werden an das Fußende gepresst, an die Seiten, das Kopfende, mit bangem Blick sehe nach oben, ein mächtiges Brett über mir, es kommt näher, und dann wird es endgültig düster. Nun ja, so bin ich letztendlich in ihren Kleiderschrank gelandet.“

Mann 2 (Anzug mit Krawatte): „Einfach unglaublich. Hast du das gehört Schatz?“

Frau (nackt unter einer Bettdecke): „Ja, der absolute Wahnsinn.“

Ich finde, das ist eine fantastische Ausrede, wirklich eine der besten, spannend und mitreißend obendrein. Man stelle sich nur vor, wie der Ehemann vor dem Kleiderschrank steht und ganz gebannt mehr von der Geschichte hören will, jedes Detail will er erfahren, minutiös geschildert. Er vergisst völlig, dass da seine Frau am helllichten Tag nackt unter der Decke liegt, und dass da dieser Kerl, den er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hat, leicht bekleidet in seinem Schrank steht. Er will einfach wissen, wie das war, da oben auf dem Baum und in dem Fluss, dem Sägewerk, der Möbelfabrik, doch dann blickt er auf die Uhr.

Mann 2: „Tut mir leid, ich könnte ihnen noch stundenlang zuhören, aber ich müsste eigentlich längst im Büro sein. Ich bin nur zurückgekommen, weil ich ein paar Unterlagen habe liegen lassen, das passiert mir sonst nie.“

Frau: „Stimmt. Das ist dir noch nie passiert. Ich habe mich richtig erschrocken, als plötzlich die Tür aufging.“

Mann 1: „Ist doch überhaupt kein Problem.“

Frau: „Schatz, die Unterlagen, hier auf dem Nachttisch.“

Mann 2: „Also das Sägewerk, das war wirklich spektakulär.“

Mann 1: „Ich dachte, jetzt erwischt es mich.“

Mann 2: „Wie sie da wieder rausgekommen sind, stark. Und dann auch gleich wieder auf die Bretter.“

Mann 1: „Wenn sich einmal alles gegen einen verschworen hat. Ich dachte, das hört nie auf. Gut, dass sie mich gerettet...“

Frau: „Schatz. Die Unterlagen.“

Mann 2: „Genau, die Unterlagen, danke, also jetzt muss ich wirklich.“

Mann 1: „Schönen Tag noch.“

Mann 2: „Ihnen auch, also wirklich, was für eine Geschichte, das glaubt mir im Büro kein Mensch...“

Frau: „Bis später.“

Mann 2 (leise, schon an der Haustür): „... und dann landet der Kerl am Ende ausgerechnet in unserem Kleiderschrank, wirklich unfassbar... bis später.“

Wie viele Fäuste wären nicht unsanft auf Nasen geflogen, wie viele Hälse nicht heftig gewürgt, wie viele Lebern nicht brutal getreten geworden, hätte so mancher in so mancher Situation doch ähnlich atemberaubendes zu berichten gewusst. Doch dann fällt den meisten nichts besseres als „Es ist jetzt nicht so, wie es aussieht“ ein, oder „Upps, falsche Tür“ oder „Mir kamen die Hemden gleich so unbekannt vor“, aber diese Allerweltsausreden glaubt einem doch kein Mensch. Aber was ist mit den originellen, den phantasievollen, den kreativen Ausreden? Sollte man bei denen nicht einfach über alles hinwegsehen, Schwamm drüber und gut ist?

Es liegt in der Natur des Menschen, in unangenehmen Situation verzweifelt nach Ausreden zu suchen, den Verdacht von sich selbst zu lenken, andere zu beschuldigen, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Die Ausrede ist die kleine Schwester der Lüge, irgendwie harmlos, niedlich nahezu und doch hundsgemein. Was ich nicht wusste, ist, wie früh wir damit anfangen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das erste Mal versuchte, mich aus etwas hochnotpeinlichem herauszureden, bei Hannah, meiner kleinen Tochter, weiß ich es genau. Es war vorgestern. Sie ist fast zwei.

Vorgestern stand Hannah im Wohnzimmer, ganz hinten an der Heizung, den Kopf hochrot, die Augen zusammengekniffen. Hannah sieht so aus, wenn sie mal muss, irgendwie angestrengt, aber neuerdings ist es ihr nicht mehr egal, wenn andere dabei um sie herum stehen. Jetzt will sie ihre Ruhe, also verdrückt sie sich und sucht sich ein ruhiges Plätzchen.

„Was machst du da?“, fragte ich, und schon im gleichen Augenblick ärgere ich mich über diese dämliche Frage. Ich weiß doch genau, was sie tut, ich sollte sie in Ruhe lassen, doch was macht Hannah, so unangenehm von mir unterbrochen. Stellt sich auf die Zehenspitzen, drückt das Kinn auf die Heizung und tut so, als würde sie angestrengt in den Spalt zwischen der Heizung und der Wand blicken.

„Suche was“, sagt sie mit aller Überzeugung, die man in diesem Alter aufbringen kann.

Den Rest habe ich nicht verstanden, man versteht längst nicht alles, was sie sagt, aber ich bin mir sicher, es war eine unglaubliche Geschichte.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  17 | 8 | 2011
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