Zu den großen Enttäuschungen des Jahres 1994 gehörte eine kurze Meldung, die im April in einer Hagener Lokalzeitung erschien. Die Meldung war nur wenige Zeilen lang, und sinngemäß stand dort geschrieben, im Haus des Musikers Kurt Cobain sei eine unbekannte männliche Leiche entdeckt worden. Nun muss man wissen, dass Cobain, der Sänger und Gitarrist der US-Band Nirvana war, eine Woche später plante, ein Konzert in Deutschland nachzuholen, und Obelix, mein bester Kumpel, und ich besaßen Karten für eben jenen Auftritt. Von daher war das, was da in der Zeitung stand, eine alles im allen eher unerfreuliche Nachricht. Ein Toter in Cobains Wohnung, da war nicht ausgeschlossen, dass der gute Kurt irgendwas mit der Sache zu tun hatte.
Den ganzen Tag über mutmaßten wir, was nur geschehen war, und am Ende kamen wir zu dem Schluss, wonach es nur Notwehr gewesen sein konnte. Irgendein Junkie, völlig durchgeknallt zweifelsohne, musste bei Cobain eingestiegen sein, weil es sich doch über die Jahre herumgesprochen hatte, dass Cobain dieses mittelschwere Drogenproblem besaß. Es war deshalb relativ wahrscheinlich, in seinem Haus etwas von dem ganzen Stoff zu finden, außerdem war Cobain mutmaßlich viel zu breit, um den Diebstahl zu bemerken. Doch dann, in einem selten lichten Moment, hatte Cobain den Eindringling entdeckt, es kam zu einem unschönen Handgemenge, weshalb Cobain zur Waffe griff. So wie wir die Dinge sahen, war das Notwehr, weshalb es auch keinen Grund gab, Cobain nicht nach Deutschland reisen zu lassen.
Es war dann, wie man heute weiß, keine Notwehr im klassischen Sinne. Die unbekannte männliche Leiche war Cobain höchstselbst. Auf den ersten Blick war das in der Tat nicht leicht zu erkennen gewesen, was daran liegen mag, dass Menschen, die sich eine Schrotflinte in den Mund stecken und dann abdrücken, mehr oder weniger alle gleich aussehen. Das Konzert jedenfalls wurde abermals abgesagt und, Stand heute, gibt es auch keinen weiteren Ersatztermin. Sollte der Auftritt jedoch eines Tages tatsächlich nachgeholt werden – vielleicht weil jemand die ganze Sauerei aufgewischt, eingefroren und dann einen genetischen Klon gezüchtet hat oder plötzlich ein lange verschollener Zwillingsbruder aufgetaucht ist – ich wäre ganz bestimmt mit dabei. Ich habe nämlich erst neulich die Eintrittskarte von 1994 wiedergefunden.
Dazu muss man wissen, dass ich Eintrittskarten prinzipiell nicht wegwerfe, mache ich nicht, kann ich nicht, ist irgendwie zwanghaft. Es gibt in unserer Wohnung mindestens vier Schubladen, zwei im Wohnzimmer und jeweils eine in Küche und Bad, in denen ich unzählige Eintrittskarten horte. Da steckt jetzt kein spezielles System dahinter, ich könnte nicht einmal sagen, in welcher Schublade welche Karte liegt, es ist mir auch egal. Ich betrete unsere Wohnung, krame in meinen Taschen, nehme die Karten heraus und lege sie in die nächstbeste Schublade zu den vielen anderen. In den Müll werfen könnte ich die Karten nie, denn dann wären sie fort und zwar für immer. Es bereitet mir wahrhaftig ein Gefühl innerer Zufriedenheit, zu wissen, dass ich sämtliche Eintrittskarten nach wie vor besitze. Ist einfach so.
Nun habe ich die Karten über die Jahre niemals gezählt, es müssen hunderte sein, mindestens. Kinokarten in allen Formen und Farben liegen verstreut in den Schubladen, Theaterkarten, Liftkarten aus Papier und aus Plastik, Skipässe mit und ohne Halsbändchen, große und kleine Flugtickets, Fährtickets, Bustickets, Eintrittskarten für Messen, für Museen, Musicals, Festivals, Freizeitparks, Konzerte, Burgen, Gedenkstätten, Sportveranstaltungen aller Art, den Zoo und so weiter und so fort. Wenn ich auf Reisen bin, gibt es in meinem Rucksack ein Fach, in dem ich ausschließlich sämtliche Eintrittskarten sammele, die ich unterwegs gekauft habe. In China habe ich in meiner Not einmal am Flughafen zwei Paar Socken in eine Mülltonne geworfen, ich brauchte doch den Platz. Die Chinesen haben das nicht verstanden, irritiert waren sie allemal.
Zurück zu der Eintrittskarte für das Nirvana-Konzert. Die habe ich dann jedenfalls ziemlich zügig wieder zurück in ihre Schublade gelegt, ich habe die Schublade zugeworfen und mich selbst über die Wucht erschrocken, mit der sie zurück in das Regal donnerte. Das war ziemlich genau in dem Moment, in dem mir bewusst geworden ist, warum ich dass alles mache. Warum ich vier Schubladen vollgestopft mit zerknitterten, eingegrissenen, abgerissenen, eingelösten, verbrauchten, wertlosen Eintrittskarten besitze, warum ich mich nicht von ihnen trennen kann. Ich sammele die Eintrittskarten, um mich im Alter erinnern zu können, was ich wann und wo gemacht habe. Wenn ich eine Eintrittskarte in die Schublade lege, dann soll sie mir später alles, was ich längst vergessen habe, erneut erzählen. Jetzt ist es wohl soweit. Wie schnell man doch alt wird.
Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.