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Tempo 30 (Folge 80): Bärenhocker

Unser Autor beobachtet, wie seine Tochter ohne Sauerstoffgerät den Gipfel des Kühlschranks erklimmt. Da fragt er sich natürlich, was aus dem Kind einmal werden soll und bekommt eine überraschende Antwort.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Foto: FR

Was mich beeindruckt? Gerade erst habe ich meine kleine Tochter Hannah dabei beobachtet, wie sie ihren Plastikhocker, auf dem sie Abend für Abend am Waschbecken steht und sich angestrengt die Zähne putzt, vor einen der Stühle geschoben hat, die normalerweise an unserem Esstisch stehen. Der Stuhl stand aber nicht an dem Tisch, sondern in der Küche vor unserem Kühlschrank, und auf dem Stuhl lag bereits ein alter Schuhkarton und auf dem Karton ihre Puppenkiste und auf der Kiste ein Atlas. Dann kletterte Hannah auf den Hocker und vom Hocker auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Karton, vom Karton auf die Kiste und von der Kiste auf den Atlas. Oben angekommen, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und streckte ihre kleinen Arme durch. Dass sie noch ihren Schlafanzug trug, aus dem sie gerade herauswächst, vereinfachte das ganze Unterfangen nicht unbedingt, doch dann gelang es ihr mit letzter Kraft ein altes Gummibärchen vom Kühlschrank zu fischen. Auf eben jenem Gummibärchen hatte sie noch vor drei Tagen genüsslich herumgekaut, aber dann war es ihr aus dem Mund geflutscht und auf den Boden gefallen.

Ein gut durchgelutschtes und auf den Küchenboden gefallenes Gummibärchen ist im Prinzip nicht mehr zu genießen, was ich Hannah vor drei Tagen auch zu erklären versuchte. Weil sie es aber nicht verstand, versuchte ich ihr zuliebe dann doch die winzigen Krümel und feinen Härchen aus der klebrig weichen Gummibärhaut zu entfernen. So ein Vorhaben erfordert jedoch reichlich Fingerspitzengefühl und noch mehr Geduld, und da ich beides in einem nur sehr überschaubarem Maß besitze, legte ich das in winzigen Krümeln und feinen Härchen bis zur Unkenntlichkeit panierte Gummibärchen irgendwann entnervt auf den Kühlschrank, was Hannah mit einem amtlichen Schreianfall quittierte. Wenig später schon hatte ich das Gummibärchen vergessen, Hannah aber hatte das nicht. Offensichtlich hatte sie die vergangenen drei Tagen damit verbracht, zu überlegen, wie sie es zurückbekommen könne. Vielleicht hatte sie heimlich Skizzen gezeichnet und Modelle aus Bauklötzchen entworfen, bis sie schlussendlich grinsend auf ihrem provisorischen Türmchen stand und sich den pelzigen Gummibären genüsslich in den Mund schob.

Es war ekelhaft, aber ich gönnte ihr den Triumph.

Nun habe ich überlegt, was wohl einmal aus ihr werden wird. Hannah ist jetzt fast zwei, bald macht sie Abitur, dann packt sie ihre Sachen und zieht aus. Vielleicht wird sie Bergsteigerin. Könnte ich mir vorstellen. Gerade erst hat doch die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner den Gipfel des K2 erreicht, womit die Österreicherin die erste Frau ist, die alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bezwungen hat. Soll sie sich ruhig noch ein paar Jahre an ihrem Triumph erfreuen, habe ich gedacht, bevor der Tag kommt, an dem meine Tochter ihren kleinen Plastikhocker an den Mount Everest schiebt und an den K2, den Kangchendzönga, den Lhotse, Makalu, Cho Oyu, Dhaulagiri I, Manaslu, Naga Parbat, Annpurna I, Hidden Peak, Broad Peak, Gasherbrunn II und an den Shishapangma. Und alle diese gewaltigen Gipfel wird sie in ihrem Schlafanzug und nur mit Hilfe eines Schuhkartons, ihrer Puppenkiste und eines Atlasses bezwingen.

Genau so könnte ich mir vorstellen, dass aus der kleinen Hannah einmal eine verdammt gute Krankenschwester wird. Es würde dann eines Tages einen schrecklichen Verkehrsunfall auf der Autobahn geben, unzählige Fahrzeuge wären ineinander gekracht und die Schwerverletzten, die die Feuerwehr nur mühsam aus ihren Autowracks geschnitten hatte, lagen nun in der Notaufnahme. Die heillos überforderten Ärzte begannen wie in einem Kriegsgebiet damit, zu bestimmen, wer von den vielen Verletzten medizinisch versorgt werde und bei wem ganz offensichtlich jede Hilfe zu spät kam. Aber meine Hannah, die würde das natürlich niemals akzeptieren. Dieses Menschen, würde sie schimpfen, das wären doch keine auf den Boden gefallenen Gummibärchen, die man einfach auf den Kühlschrank legt und dann vergisst. Und dann würde sie Mittel und Wege finden, diese Menschen zu retten, ich bewundere schon jetzt ihren dickopfösen Willen.

Kaum hatte Hannah ihre Gummibärenbeute verschlungen, da fingerte sie mit Hilfe ihres kleinen Hockers auch schon einen mit Schokolade überzogenen Zwieback von der Arbeitsplatte in der Küche. Es ist nicht so, dass wir unserer Tochter nichts Essbares anbieten würden und ihr stattdessen diesen Hocker schenkten. Regelmäßige Mahlzeiten sind bei uns durchaus die Regel, aber Hannah interessiert sich viel mehr für die Ausnahmen. „Anna Eis habe?“, fragt sie gleich mehrmals am Tag, und die Zeiten, in denen sie sich mit einem halben Eiswürfel zufrieden gab, die sind leider vorbei. Wenn es nach Hannah ginge, würde sie Kuchen frühstücken, Mittags eine Pizza verschlingen und den Abend mit einer Portion Pommes verbringen, und für Gummibärchen aus Eis würde sie barfuß auf den Mount Everest marschieren. Der Zwieback fiel auf den Boden und zersprang in tausend Stücke.

„Oohooooh“, sagte Hannah, stieg von dem Hocker und begann die einzelnen Zwiebackstücke vom Küchenboden aufzusammeln, doch bevor sie sich die Zwickbackfragmente in den Mund stopfte, hielt sie plötzlich inne und betrachtete sie. „Miauuuu, Miauuu“, rief Hannah und hielt mir aufgeregt einen Zwiebackrest entgegen, der, etwas Phantasie vorausgesetzt, tatsächlich wie eine Katze aussah. Ich erinnere mich noch, wie wir als Kinder auf der Wiese lagen, in den Himmel blinzelten und allerlei Getier in Form einer Wolke zu erkennen glaubten. Und nun saß meine Tochter auf dem Küchenboden und entdeckte ganz ähnliches aus den Überresten eines von Schokolade überzogenen Zwiebacks. Womöglich, dachte ich, wird sie doch keine Bergsteigerin und auch keine Krankenschwester, womöglich wird sie als Wahrsagerin auf dem Rummel arbeiten, aber ob das zum Leben reicht? Doch dann entdeckte Hannah ein Zwiebackstück, das aussah wie ein Hund, und eines wie eine Schlange und selbst, wenn der Zwiebackelefant meine Vorstellungskraft überstieg, bin ich mir doch sicher, dass meine Tochter später wohl irgendwas mit Tieren machen wird.

Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Datum:  31 | 8 | 2011
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