So jemanden wie mich könne man wirklich für keine fünf Minuten aus den Augen lassen, schimpfte Sophie und klang wie meine Mutter, weshalb ich mich fragte, warum ich überhaupt von zuhause ausgezogen sei? Es waren auch keine fünf Minuten, die mich meine Freundin aus den Augen gelassen hatte, sondern geschlagene fünf Stunden, korrigierte ich, und dann mutmaßte ich, wären es nur fünf Minuten gewesen, wäre das alles vermutlich niemals passiert. Sophie interessierte das nicht. Sophie interessierte, warum ich zusammengekauert in unserem Bett und zwar am Fußende gelegen hatte, als sie nach fünf Stunden wieder kam, und warum neben mir unsere Tochter Hannah lag. Sie interessierte, warum da überall Blut war, auf dem Kissen, der Decke, dem Bettlaken, was ihr natürlich einen gewaltigen Schrecken eingejagt hatte, weshalb sie schon die Polizei rufen wollte, was sie nur nicht tat, weil Hannah und ich so laut schnarchten, was wiederum ein eindeutiges Indiz dafür war, dass wir grundsätzlich am Leben waren.
Sophie hatte an einem dieser Abendende, an denen sie mal raus muss, mit einer Freundin ein Konzert besucht, ich blieb bei Hannah, und für gewöhnlich stürzt mich ein Abend allein mit ihr nicht von einer Verlegenheit in die nächste, wirklich nicht. Ich möchte fast behaupten, Hannah und ich hätten im Laufe der Zeit eine gewisse Routine entwickelt, wenn uns Sophie für fünf Minuten oder auch länger aus den Augen lässt. Routine ist uns wichtig, Routine gibt uns Sicherheit, ein gutes Gefühl, wir sind Routinewesen, vielleicht sind wir uns deshalb auf Anhieb so sympathisch gewesen. Wir machen das dann immer so.
Abendessen mit dem Kind
Abendessen auf Anweisung des Kindes vom Boden kehren
Kind wickeln
Dem Kind einen Schlafanzug anziehen
Dem Kind die Zähne putzen
Das Kind sich selbst die Zähne putzen lassen
Dem Kind einen neuen Schlafanzug anziehen
Dem Kind versprechen, dass seine Mutter bald wiederkommt
Sich mit dem Kind auf seine Turnmatratze neben dem Bettchen legen
Mit dem Kind ein Bilderbuch angucken
Unter Protest des Kindes das Zimmer verdunkeln
Dem Kind abermals versprechen, dass seine Mutter bald wiederkommt
Das Kind ein wenig auf sich herumturnen lassen
Dem Kind mitteilen, dass es jetzt zu schlafen habe
Das Kind vorwarnen, dass man das Zimmer verließe, wenn es nicht sofort aufhöre zu turnen und endlich schliefe
Dem Kind drohen, dass seine Mutter nicht wiederkäme, wenn es nicht SOFORT schlafen würde
Das umgehend eingeschlafene Kind in sein Bettchen legen
Vom Kind unbemerkt aus dem Zimmer schleichen, weil man mittlerweile ziemlich gut im Rausschleichen ist
Fertig
Anschließend beginnt für gewöhnlich der gemütliche Teil des Abends, mit einem zweiten Abendbrot auf der Couch, ohne dafür den Tisch zwecks Bewahrung einer gewissen Esskultur aufwendig decken zu müssen, dazu Fußball, aber Hannah weigerte sich zu schlafen. Sie schrie, als ich sie wickelte, schrie, als ich ihr die Zähne putzte, schrie, als wir ein Buch lasen. Sie schrie, schrie, schrie und sie hörte nicht auf zu schreien, obwohl ich ihr, statt zu drohen, hoch und heilig versprach, ich ihr schwor, dass ihre Mutter ganz bestimmt und auf jeden Fall bald wiederkommen würde, wenn sie nur aufhöre zu schreien und zügig schliefe. Ich hätte natürlich Sophie anrufen können, aber diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Sophie würde dann bei dem nächsten Konzertbesuch wieder im Zehnminutentakt Kurznachrichten schicken und in den Pausen anrufen, und ich war eigentlich froh, dass sie das nicht mehr tat, was in gewisser Weise ein Kompliment ist. Manchmal muss man sich seine Sporen mühsam verdienen.
Der Schreierei überdrüssig, bot ich Hannah an, sich mit mir in das elterliche Bett zu legen, was sie sonst nur am Wochenende darf, und gemeinsam mit ihr auf ihre Mutter zu warten, was das kleine Kind abrupt verstummen ließ. Aber es war natürlich ein Irrtum, zu glauben, sie würde nun erschöpft aber doch zufrieden neben mir einschlafen. Nein, Hannah wartete. In aller Seelenruhe lag sie neben mir, starrte an die Decke und vertrieb sich die elende Warterei mit Popeln. Sie tut das mit einer Ernsthaftigkeit, die schwer zu beschreiben ist. Im Nachhinein war es natürlich kein besonders brillanter Einfall, meine Tochter in einem dieser unbedachten Momente in die hohe Kunst des Popeln einzuführen, nichts macht sie gerade lieber. An diesem Abend popelte sie jedoch mit so viel Nachdruck, dass irgendwann eine beachtliche Menge Blut aus ihrer winzigen Nase schoss.
Ich hatte das zuerst gar nicht mitbekommen, war ich doch bereits eingeschlummert und Hannah musste das viele Blut offensichtlich auch erst gestört haben, als sich riesige rote Flecken auf dem Kissen und dem Laken bildeten, und Flecken aller Art kann sie nicht leiden, also das ist schon fast zwanghaft. Ich stoppte die Blutung, war jedoch viel zu müde, um Kissen und Laken neu zu beziehen und beließ es dabei, Hannah mit auf meiner Hälfte des Bettes schlafen zu lassen, was den persönlichen Schlafkomfort drastisch minderte. Dieses Kind versteht vorzüglich, einem auch noch den letzten Zentimeter Matratze abspenstig zu machen, sie kugelt blitzartig in jeden freien Raum, den man ihr bietet, ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich aus dem Bette gefallen bin, seit Hannah da. Nun schliefen wir beide ein und müssen über einen relativ unruhigen Schlaf verfügen, wie sonst hätte mir das Kind, das gerade noch mit seinem Kopf an meinem Rücken lag, in einer unbedachten Bewegung derart heftig gegen die Nase treten können...
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.