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Tempo 30 (Folge 82): Erbsenhirnaffe

Unser Autor wundert sich über sein neuerdings höchst aggressives Verhalten im Straßenverkehr und hat eine höchst komplexe Erklärung für die physischen wie psychischen Veränderungen in seinem Leben.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Manchmal stelle ich mir vor, wie tief in meinem Inneren ein geheimnisvoller Mechanismus mein Leben lenkt. Ich denke da an so eine Art Kugelbahn, ein durch und durch komplexes, verworrenes und scheinbar nicht enden wollendes Röhrensystem, mit langen Geraden, steilen Kurven und halsbrecherischen Überschlägen. Alles in allem ist das ein fantastisches und gleichsam faszinierendes, aber leider unmöglich zu entschlüsselndes und vor allem nicht zu kontrollierendes Bauwerk. Niemand ist jemals in der Lage, die Kugel des Lebens, während sie geduldig durch die Röhren kullert und auf ihrem Weg die verschiedensten Kettenreaktionen auslöst, zu beeinflussen, geschweige denn, sie zu bremsen oder gar zu stoppen.

Zum Beispiel würde die Kugel im Laufe der Jahre kurz vor einer Kurve einen Faden durchtrennen, weshalb ein Stein, der an dem Faden hing, in die Tiefe herabstürzt und auf eine Waage fällt, weshalb sich die Waage zu einer Seite neigt und dabei eine Staumauer durchschlägt, weshalb Wasser eine Klippe hinunterstürzt und eine Kerze löscht. Das hat zur Folge, dass man von einem Tag auf den anderen ohne eigenes Dazutun seine glockenhelle kindliche Stimme verliert und plötzlich wie ein verrosteter Eimer klingt, worüber man sich natürlich sehr wundert, aber ändern kann man es nicht.

Oder die Kugel streift einen Dominostein und der Dominostein noch einen und noch einen und der letzte Dominostein trifft dann auf einen Hampelmann, der wiederum einen Leiter hinabklackert und am Ende der Leiter ein Streichholz entzündet, dass ein Tau durchbrennt, weshalb ein Schiff losfährt und gegen einen Gong donnert. Und ohne dass man es jemals gewollt hätte, fallen einem die Kopfhaare aus und wachsen an den unmöglichsten Stellen wieder nach, was man am liebsten sofort rückgängig machen möchte, doch auch das ist unmöglich.

Um die Existenz einer solcher Apparatur zu wissen, ist natürlich ein unglaublich elektrisierender Gedanke, weil man doch keine Vorstellung davon hat, was die Kugel als nächstes trennen oder anstoßen könnte, und was die Konsequenz daraus wäre. Und wenn ich mir das genau überlege, dann ist diese Konstruktion samt der Kugel nicht nur in der Lage, biochemische Prozesse in Gang zu setzen oder auch zu stoppen, sondern sie steuert auch Verhaltensweisen, was wiederum beängstigend sein kann. Aber anders kann ich es mir tatsächlich nicht erklären, warum ich plötzlich angefangen habe, beim Autofahren zu fluchen.

Das kam wie aus dem Nichts. Ich habe mich immer für einen besonnenen, rücksichtsvollen, mit aller gebotenen Voraussicht agierenden Autofahrer gehalten, jemanden, der lieber einmal zu viel bremst als zu wenig und der selbstverständlich auch die, ihren Wagen fünfmal in Folge abwürgende Fahranfängerin aus der Ausfahrt lässt, während sich hinter einem die Autos bereits durch das halbe Viertel stauen. So war ich. Ich lächele freundlich, mache eine einladende Handbewegung und setze sogar noch ein Stück zurück, damit die junge Frau nicht das Gefühl hat, sie müsste ihren Kleinwagen durch ein sechs Meter breites Nadelöhr rangieren.

Natürlich habe ich einen vor mir im Schritttempo schleichenden Rentner schon einmal ungeduldig einen Vollidioten genannt, wobei ich das eher vor mich hin gegrummelt habe und es wirklich eilig hatte. Auch habe ich einem mir die Vorfahrt nehmenden Cabriofahrer einst einen Mittelfinger hinterher gestreckt, was dieser glücklicherweise ebenfalls übersehen haben muss und mir so weiteren Ärger ersparte. Jedenfalls habe ich andere Verkehrsteilnehmer niemals einen „Kacklauch“„Warzenpimmel“ oder „Fickhobel“ gerufen, was mir in letzter Zeit immer wieder passiert, wobei ich mich natürlich frage, wo ich solche Schimpfwörter überhaupt her habe und ob Männer in meinem Alter einfach so werden und man gar nichts dagegen tun kann? Neulich habe ich einen, die halbe Straße blockierenden Kurierfahrer gar einen „rasierten Erbsenhirnaffen“ geschimpft.

Nun könnte man einwenden, dass solche Fluchtiraden grundsätzlich zwar nicht zu begrüßen sind, sie aber, so lange sie im Inneren meines Wagens ungehört verhallen, auch keinen größeren Schaden anrichten. Niemand, der nicht hört, was ich da an unflätigen Kraftausdrücken von mir gebe, wird ernsthaft beleidigt sein. Allerdings sollte man gleichzeitig darauf achten, dass wirklich alle Fenster geschlossen sind, und, was noch viel wichtiger ist, ob da kein fast zweijähriges Kind im sprachfähigen Alter in dem Kindersitz auf der Rückbank sitzt, was beim „rasierten Erbsenhirnaffen“ leider der Fall war. „Assieta Erbshiaffe“ gluckste Hannah, meine kleine Tochter, freudig und war darum bemüht, mein zorniges Gesicht möglichst naturgetreu nachzuahmen. „Assieta Erbshiaffe.“

Seitdem hoffe ich inständig, dass die Kugel des Lebens im Inneren meiner Tochter möglichst schnell jene Kettenreaktion auslöst, die gewisse Kindheitserinnerungen unwiderruflich löscht und zwar bevor das nächste Mal im Kindergarten Hannah auf ihrem Bobbycar von einem anderen Kind blockiert wird.

Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  14 | 9 | 2011
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