kalaydo.de Anzeigen

Tempo 30 (Folge 83): Ballbtraum

Unser Autor stellt sich ausgerechnet in der Kinderkrippe seiner Tochter eine der großen philosophischen Fragen, was in einer mittelschwere Katastrophe endet.

Tempo 30
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Und dann frage ich mich ständig, was die anderen haben, was ich nicht habe, oder, wenn ich einigermaßen mit mir im Reinen bin, was sie zumindest anders machen, als dass ich es tue? Manchmal ist sogar es relativ leicht, eine Antwort auf diese Frage zu finden, von der ich glaube, dass sie die Menschen bereits seit Anbeginn der Zeit ziemlich häufig beschäftigt hat, womöglich sogar immer. Und manchmal denke ich, was nicht alles schon entdeckt und erfunden wäre, würden sich die Menschen nicht seit zigtausend Jahren ständig mit diesen Fragen beschäftigen: Was hat er nur? Was macht sie bloß? Wie kann es nur?

Wie viel Zeit da mit wahrhaft großen philosophischen Fragen vergeudet wird, ohne dass man es überhaupt merkt, und was man in dieser Zeit nicht alles hätte an nützlichem tun können. Vermutlich würde ich diesen Text nicht auf diesem altmodischen Computer schreiben, sondern mittels einer hochkomplizierten Haube, die ein wenig wie eine verkabelte Salatschleuder aussieht, direkt in ihren Verstand übertragen, vorausgesetzt, sie tragen ein ähnliches Modell. Das Schreiben würde mir auch sehr viel leichter fallen, weil mir Akido 3000, das ist unser Hausroboter, zur Entspannung die Füße massiert, und zwar nicht, weil ich den alten Stromfresser so programmiert habe, sondern weil er es selbst so will.

Zurück zur Anfangsfrage. Ich bin darauf natürlich wegen meiner Tochter Hannah gekommen, weil man sich doch ständig darüber wundert, warum dieses kleine Mädchen gerade dieses oder jenes tut, und warum sie es bei anderen macht, nur bei mir nicht und dann wider anders herum. Nun, dass ist, wie bereits erwähnt, in manchen Fällen einfach zu beantworten, zum Beispiel, wenn es um Hannahs Zuneigung zu meiner Freundin Sophie geht und zu mir. Sophie mag sie, mich nicht. Das mag jetzt überaus hart klingen, ist aber gar nicht so gemeint, schließlich würde ich der Kleinen niemals unterstellen, sie würde nicht gewisse Sympathien für mich hegen. Aber ihre Mutter geht ihr nunmal über alles, da wird kein Wort der Eifersucht über meine Lippen kommen.

Außerdem muss man sich in den ersten Wochen und Monaten immer vor Augen halten, dass man als Vater mehr oder weniger abgemeldet ist, und zwar allein deswegen, weil die Natur das so will. Man verfügt eben nicht über gewisse Duftstoffe oder Körperproportionen, die dem Kind signalisieren: Essen. Und weil sich jeder vernünftige Mensch, sofern er so etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb besitzt, natürlich daran erinnern wird, wer die Quelle ist, steht man am Anfang erst einmal hinten an. Gut, man steht auch noch hinten an, wenn das Kind schon Fischstäbchen kauen kann, denn die Rollen sind da längst vergeben.

Das ist wie in der Bundesliga. Hast du als Trainer einmal einen Verein vor dem Abstieg gerettet, kriegst du immer wieder einen Job, und wenn du die größte Pfeife bist, wobei ich das nicht als Kritik an Sophie verstanden wissen will, sonst darf ich hier nie wieder schreiben. Also. Natürlich ruft die kleine Hannah Morgen für Morgen als erstes nach ihrer Mama, und natürlich fordert sie Abend für Abend, dass ihre Mama sie ins Bett bringt, und wenn ich es dann einmal wage, sie ins Bett zu bringen, dann ist sie darüber eine Zeit lang aufrichtig empört. Ich könnte tagelang von der Bildfläche verschwinden, aber ist Sophie auch nur eine halbe Stunde länger unterwegs, als abgemacht, würde Hannah sich am liebsten für die nächsten Tag an das Bein ihrer Mutter ketten.

Aber auch das kann ich ertragen. Außerdem weiß ich, dass ich bald der ganz große Held meiner Tochter sein werde, wenn ich sie spät in der Nacht von der Diskothek abhole, und ich muss ihr ja nicht verraten, dass ich dort bereits den ganzen Abend gestanden habe. Ich kann warten.

Was ich nicht verstehe, ist folgendes. Fast jeden Tag bringe ich Hannah in die Kinderkrippe und dann passiert das. Noch während wir den Eingangsbereich betreten, reißt sich Hannah von mir los, zieht sich hektisch ihre Jacke über den Kopf, zieht sich die Schuhe aus und stürmt in den Spielbereich. Wenn ich Glück habe, winkt sie noch, ohne mich dabei anzusehen, aber meistens ist sie einfach weg, während andere Kinder an ihren Vätern hängen, als ginge es um Leben und Tod.

Das sind doch auch Männer. Die haben doch auch den ganzen sentimentalen Pheromoneterror mitgemacht. Die müssen doch genau so abgemeldet sein. Sind sie aber nicht. Wenn ich Hannah abhole, das selbe Bild. Kinder rennen auf ihre Väter zu, dass es mir vor Rührung die Tränen in die Augen jagt, und von Hannah keine Spur. Hannah sitzt lieber in dem Bällebad, quietscht vor Vergnügen und tut so, als ob sie mich nicht gesehen hätte, dabei hat sie das sehr wohl. Gut, lässt du das Kind noch ein wenig spielen, denke ich, bist ja kein Unmensch, denke ich und dann rufe ich:

„Guck mal Hannah, der Papa ist da!“ Keine Reaktion.

„Hallo Hannah, komm‘ doch mal.“ Nichts.

„Die Mama ist auch da!“, schreie ich, aber darauf fällt Hannah schon lange nicht mehr rein. Das kann sie mittlerweile riechen.

Und dann, in meiner Verzweiflung, als ich nicht weiß, wie ich mein Kind noch davon überzeugen kann, es der Faszination des Bällebades zu entreißen und zu mir zu lotsen, sage ich, für alle anwesenden Eltern und Betreuer gut hörbar:

„Schau‘ mal, Hannah. Der Papa hat auch drei Bälle in der Hose.“

Totenstille im Raum.

Über manche Sache sollte man lieber gar nicht nachdenken und stattdessen etwas sinnvolles erfinden.

Eine Zeitmaschine wäre in diesem Fall nicht schlecht gewesen.

Ich würde diesen Satz nämlich gerne nachträglich streichen.

Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  21 | 9 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande