Jetzt mal ein Beispiel dafür, wie man zwei geistig weitgehend gesunde Menschen von einem Moment auf den anderen völlig aus der Bahn werfen kann, was noch maßlos untertrieben ist. An den Rand des Wahnsinns treiben und dann noch ein klitzekleines Stück darüber hinaus, das trifft es schon deutlich besser.
Was für eine Nacht.
Bis zwei Uhr in der Früh habe ich steif wie ein Brett, aber hellwach, im Bett gelegen, neben mir Sophie, meine Freundin, mit laut pochendem Herzen und ebenfalls nicht in der Lage, auch nur ein Auge zuzumachen, zwischen uns die kleine Hannah. Normalerweise darf Hannah nicht bei uns im Bett schlafen, es ist ihr strikt untersagt, weil sie erst längs und dann quer liegen will, und weil sie sich lautstark beschwert, wenn man sie zur Seite schiebt. Um ein Uhr will sie auf meinem Bauch liegen, um zwei nimmt sie Sophie in den Schwitzkasten, um drei rammt sie einem ihren kleinen Kopf in die Seite und um vier einen Fuß in den Rücken. Um fünf wird sie wach und will ein Buch lesen oder auf Klo, obwohl sie nicht muss.
Außerdem schnarcht das Kind. Seit Wochen schon liegt ein hartnäckiger Schleim auf ihren Bronchien, so fest, dass selbst der selbstgemixte Medikamentencocktail vom Apotheker, der jegliche Beschwerden bei kleinen Kindern dem Vernehmen nach in kürzester Zeit auflöst, wirkungslos bleibt. Wir sind einmal außerhalb der Saison mit der Fähre nach Griechenland gefahren, auf dem Schiff außer uns nur Fernfahrer und Männer, die auf dem Weg zu einem Motorradtreffen waren. Und weil wir das Geld für eine Kabine sparen wollten, schliefen wir in einem der Aufenthaltsräume unter Deck, beziehungsweise versuchten dort zu schlafen, was unmöglich war.
Der menschliche Körper ist wohl das einzige Folterinstrument, dass erst im Ruhezustand seine ganze nervtötende Wirkung entfaltet. Aber gegen Hannah waren das alles Waisenknaben.
Trotzdem durfte Hannah in dieser Nacht zwischen uns schlafen. Es wäre unverantwortlich gewesen, sie alleine in ihrem Kinderzimmer zu lassen, so lange nicht klar war, ob da nicht ein Unbekannter in der Wohnung sein Unwesen trieb. Bis zwei Uhr in der Früh versuchten Sophie und ich jedes noch so kleine, aber womöglich auffällige Geräusch, das nicht ein kindliches Männerschnarchen war, zu deuten. Was war das für ein Klappern, was für ein Knarren, ein Kratzen, das war doch ein Kratzen, oder nicht? Ist da jemand in der Küche und schmiert sich ein Brot? Klingt nicht die Kühlschranktür so? Und dieses Geräusch, das hörte sich so an, als würde da jemand auf der Wohnzimmercouch liegen und Zeitung lesen. Ist das die Dusche?
Um halb drei, es war stockfinster, machte ich meinen ersten Kontrollgang, eigentlich hätte ich ihn mir sparen können. Sophie hatte darauf bestanden, dass ich mir Socken anziehe, so würde man mich nicht so gut hören, womöglich gelänge mir so den Eindringling zu übertölpeln. Aber dann stieß ich mir den Fuß, während ich versuchte, in die Socke zu schlüpfen und schrei laut auf, weshalb Hannah aufwachte und ebenfalls schrie. In der Wohnung war es ganz still. Bei meinem ersten Kontrollgang traf ich niemanden.
Um Viertel nach drei der zweite Kontrollgang, ein Klackern in Hannahs Zimmer. Ich pirschte zur Tür, lauschte, das Klackern war jetzt ganz deutlich zu vernehmen. Ich holte tief Luft, stieß die Tür auf, drückte den Lichtschalter, aber da war nichts. Das Fenster stand offen und Hannahs Holzhampelmann wippte sanft im Wind. Auch die Kontrollgänge um vier und kurz nach fünf blieben ohne Ergebnis, einmal abgesehen von der Tatsache, dass ich beim vierten im Flur auf eine Glasmurmel getreten war, und beim fünften gegen das Rutschauto, weshalb meine Füße am nächsten Morgen schmerzten, als hätte ich barfuß auf einem Schotterplatz Fußball gespielt.
Wenn wir unseren heimlichen Untermieter nicht bald finden würden, riefe sie die Polizei, verkündete Sophie am nächsten Morgen, es sei ihr unheimlich. Dabei hatte sie ab zwei Uhr tief und fest geschlafen, und ihre Füße taten ihr auch nicht weh. Aber am Abend zuvor hatte Sophie neben der Kommode im Flur eine Schirmmütze gefunden, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, auch ich kannte die Mütze nicht. Wir überlegten hin und her, konnten uns das Auftauchen der Mütze aber nicht erklären, was, so fand Sophie, letztendlich nur einen Schluss zuließ. Irgendjemand war bei uns eingezogen, ein blinder Untermieter sozusagen, und fing an es sich häuslich einzurichten.
Wenn er schon seine Schirmmütze offen herumliegen lässt, was komme denn dann als nächstes, fragte Sophie. Demnächst verschwindet ein Stück Seife, dann die Zeitung, dann ist das Klopapier aufgebraucht und kein neues da, und irgendwann setzt sich unser blinder Untermieter womöglich wie selbstverständlich mit an den Frühstückstisch und fragt nach der Butter. Wehret den Anfängen, sagte Sophie, während wir am Abend im Bett lagen und lauschten und sie die Zeiten für meine Kontrollgänge festleghte, nicht dass der eines Tages seinen Namen mit ans Klingelschild schriebe.
Aber dann rief Obelix, mein bester Kumpel an, und fragte, ob wir vielleicht die Schirmmütze seines Onkels gefunden hätten, sie müsse ihm aus dem Rucksack gefallen sein. Ich sollte Obelix fragen, ob sein Onkel für gewöhnlich in der Nacht duschte, flüsterte Sophie, aber ich legte einfach auf und ging ins Bett.
Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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